Archiv für Juli, 2014

GroKo goes Anarchy!

Veröffentlicht: 31. Juli 2014 in Allgemein, Echt jetzt?
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Kennen Sie diese Sterne? Diese fünfzackigen Sterne, die zur Hälfte rot und zur Hälfte schwarz sind? So einer pinnt neuerdings an meiner schwarzen Tasche, direkt neben dem Roten. Soll heißen: die Trägerin dieser Tasche hat eine anarchistische Grundeinstellung.
Heute Morgen bemerkte jemand dieses – im Gallus eigentlich ganz alltägliche – Symbol und sprach mich darauf an.

„Du unterstützt die große Koalition?“

Die große Koalition, sprich, die Regierung, zu unterstützen, ist wirklich das Letzte, was ich mit so einem Pin bewirken will. Aber der Typ hatte Recht. Die Anarchie-Flagge sieht wirklich ein bisschen aus wie das GroKo-Logo. Besser gesagt, die derzeitige Regierung sieht farblich ein bisschen anarchistisch aus.

Könnte es einen größeren Kontrast geben? Stellen Sie sich mal vor, die USA und Al-Qaida hätten dieselbe Flagge. (Wer in diesem Fall die USA und wer Al-Qaida ist, das überlasse ich Ihnen.) So etwa erscheint mir das. Jetzt stellen Sie sich eine Gruppe Jusos und JU-Mitglieder vor, die mit Anarchie-Pins und Anarchie-T-Shirts in der Fußgängerzone stehen, direkt neben ein paar Punks. Vielleicht könnten sie sich ja mit den Punks anfreunden und nachts zusammen „KEINE MACHT FÜR NIEMAND, KUCHEN FÜR ALLE“ an die Europäische Zentralbank sprayen.

Wessen Logo ist das wohl? Bildquelle: Wikipedia http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAnarchist_flag.svg

Wessen Logo ist das wohl?
Bildquelle: Wikipedia

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Abschaffen von Autos die Anzahl von Staus um 100% verringern würde. Mindestens.
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Oft bestätigt sich ja das Klischee, man könne junge Leute anhand ihres Musikgeschmacks grob politisch einordnen. Bei den jungen Grünen wird offenbar Folk gehört, und wer auf Punkrock steht ist automatisch links, oder so ähnlich. Jetzt mischt sich endlich auch die Junge Union Frankfurt ein, und sie fordert: Musik muss genormt werden! Straßenmusiker brauchen eine Lizenz!

Die Begründung lautet, auf der Zeil könne man oft aufgrund der vielen Musiker kaum etwas hören. Musikalische Vielfalt belästigt den jungen, konservativen Durchschnitts-Passanten offenbar. Als Lösung schlägt die JU ein Casting vor: mindestens einmal wöchentlich soll das Ordnungsamt bei allen aktiven Straßenmusikern testhören. In München funktioniert’s, bei uns wird es auch funktionieren.

Castings, die aus der Vielfalt der Musiker die Mainstream-konformen, Radio-tauglichen Popsternchen herausfiltert, begleiten uns auf Schritt und Tritt. Die Musikindustrie ist voll davon. Straßenmusik ist einer der wenigen Independent-Bereiche der Musik, der wirklich noch Independent ist. Die JU, der CDU-Ordnungsdezernent Markus Frank und andere konservative Kräfte, allen voran der Unternehmerverband Neue Zeil e. V., wollen nun auch hier das Steuer übernehmen. Der Sprecher von Neue Zeil e.V., Frank Diergard, betont in der Frankfurter Rundschau auch, welche Musik ihn am meisten stört – Osteuropäische. Die sei so ungewohnt für uns Deutsche.

Ausländischen Musikern ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis würde ein Straßen-Casting besonders schaden. Denn sicher würde so ein Ordnungsamt-Bohlen auch die Papiere sehen wollen. Wer keine Papiere besitzt, ist in Deutschland aufgeschmissen, auch dann, wenn er mit seinem Akkordeon, seiner Gitarre oder seinen Trommeln tausend Mal besser klingt als sein Nachbar mit seiner Trompete. Und wer schadet dem Sozialstaat mehr – ein Straßenmusiker, der keine Steuern zahlt, oder zum Beispiel ein brav zahlender Waffenfabrikant?

Gerne würde ich die JU mal als Band formiert sehen – was die wohl so draufhaben? Im Casting für qualifizierte junge Politiker würden sie mit mir in der Jury sofort rausfliegen. Andersrum wäre es natürlich genauso. Schließlich bin ich nicht systemkonform, nicht Mainstream-tauglich. Auf die Jury kommt es an, und ich höre auf der Zeil lieber ein bisschen mehr osteuropäische Musik als solche, die das konservative Ordnungsamt für mich ausgesucht hat.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Punk zwar tot ist, Schlager aber nie gelebt hat.

Goldener Windbeutel für die Bundeswehr

Veröffentlicht: 30. Juli 2014 in Echt jetzt?, Krieg & Frieden
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Der Goldene Windbeutel, der jährlich von der Organisation FoodWatch verliehen wird, ist ein Negativpreis für die verlogenste Produktwerbung, vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen. Actimel, Milchschnitte und Capri-Sonne waren schon unter den Preisträgern. Coole, vielversprechende Werbung, ungesunder Inhalt – das ist oft Standard in der Werbung, und das nicht nur bei Lebensmitteln.

Den Preisträger 2014 muss die Verbraucherumfrage noch bestimmen. Wie wäre es, wenn statt Nutella, Cola Light oder Activia dieses Jahr ein echter Werbepfuscherverein den Preis bekäme?

Den Goldenen Windbeutel 2014 verdient am meisten die deutsche Bundeswehr!

Soldat ist ein tödlicher Beruf. Nicht nur für denjenigen, der im Panzer sitzt, sondern auch für denjenigen, der aus Versehen vor den Panzer läuft. Dabei muss man sich doch fragen: sind die Zivilisten im Weg? Oder sind die Panzer im Weg?

Darüber, ob das Massensterben von Soldaten und Zivilisten notwendig ist, lässt sich sowieso streiten. Ganz klar sollte aber sein, dass für einen tödlichen Beruf, ob notwendig oder nicht, nicht auch noch mithilfe von Sommercamps geworben werden soll.

Man mag hier gegenhalten, dass die Bundeswehr ohne diese Veranstaltungen wohlmöglich keinen Nachwuchs finden würde. Junge Leute interessieren sich eben mehr für Sport und Flugzeuge als für zerfetzte Gliedmaßen und tote Zivilisten. Die gehören allerdings auch zur Bundeswehr – die, und nicht Sommercamps und Journalistenworkshops. Wenn sich niemand für die wahren Inhalte der Bundeswehr begeistert, bedeutet das dann nicht, dass die wahren Inhalte der Bundeswehr schlichtweg abstoßend sind?

Die Bundeswehr wirbt mit Sport, Action und dem Versprechen auf intellektuellen Austausch für Auslandseinsätze, die, ob notwendig oder nicht, sowohl die Mitglieder der Streitkräfte als auch tausende von Zivilisten täglich in Lebensgefahr bringen und viele von ihnen töten. Kein Wunder, dass es mittlerweile Schulen gibt, die sogenannte „Jungendoffiziere“ der Bundeswehr nicht mehr zu „Informationsveranstaltungen“ einladen und Werbematerial der „Young Leaders Presseakademie“ – mitgetragen von der Bundeswehr – nicht verteilen. Denn daraus, dass all diese Veranstaltungen zur Anwerbung von Nachwuchs dienen, macht die Bundeswehr selbst keinen Hehl. „Und das ist auch das Ziel des Sommercamps – Einblicke geben und Begeisterung für den Soldatenberuf wecken.“ So heißt es etwa auf der Jugendwebsite der Bundeswehr. „Ich kann mir schon vorstellen, später bei der Bundeswehr zu landen“ und „Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, später zur Bundeswehr zu gehen“ werden Vierzehn- und Fünfzehnjährige zitiert, die sich schon um den Finger haben wickeln lassen. Vielleicht winkt den beiden wirklich eine glorreiche Karriere. Vielleicht enden sie auch schon in ein paar Jahren als Kollateralschaden.

Von den Risiken des Soldatenberufs schreibt die Bundeswehr auf diesen Websites natürlich nichts. Die Karriereseite der Bundeswehr verspricht stattdessen das Blaue vom Himmel. Lesen Sie mal folgende Stellenanzeige: „Als […] erwarten Sie interessante und abwechslungsreiche Aufgaben mit hohen Anforderungen. Dafür bieten wir Ihnen Teamwork, berufliche Qualifizierung und ein attraktives Gehalt. Informieren Sie sich!“ Könnten Sie das einem Beruf zuordnen? Lehrer? Koch? Pilot vielleicht? Wer genau hinschaut, liest nur hohle Phrasen, die auch auf einer Capri-Sonne stehen könnten. Der Windbeutel wäre verdient.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man eine Eyeliner-Flatrate einführen müsste.

 

 

Mehr zum Thema (von linksjugend[‘solid])

Bundeswehr raus aus den Schulen

 

Wer hat eigentlich die WM gewonnen?

Veröffentlicht: 26. Juli 2014 in Allgemein
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„Kim… was ist eigentlich das verrückteste, was du dieses Jahr getan hast?“

„Äh, heute Morgen bin ich in einem Ganzkörper-Känguru-Kostüm durch einen Textildiscounter gehüpft und habe Globalisierung ist geil geschrien.“

„Das ist nichts Verrücktes.“

„Dann hab ich auch noch nichts so wirklich Verrücktes gemacht.“

„Okay, schade. Wo hast du eigentlich das Finale geschaut?“

„Gar nicht. Ich hab dieses Jahr die WM boykottiert.“

„Waaas? Das ist definitiv verrückt!“

Dieses Jahr habe ich kein einziges WM-Spiel gesehen. Das hat einige Menschen so sehr irritiert, dass ich beschlossen habe, mich öffentlich zu outen – ich bin weder Fußballfan noch Deutschlandfan. Ich interessiere mich nicht für Fußball, ich mag Fußball nicht besonders und ich sehe keinen Grund, mir Fußballspiele anzuschauen, nur weil die Spieler zufällig aus demselben Land kommen wie ich.

Wenn Menschen – vorwiegend Kinder – auf dem Bolzplatz kicken, erregt das wenig Aufmerksamkeit (es sei denn, man ist Rentner und beschwert sich gern). Wenn hingegen Nationalmannschaften gegeneinander Fußball spielen, steht die gesamte Welt Kopf. Dafür gibt es zwei Gründe.

  1. Die Spieler sind wirklich gut.
  2. Jemand will, dass die ganze Welt kopfsteht. Wenn die ganze Welt kopfsteht, lässt sich nämlich ausgezeichnet verdienen.

Bei einem internationalen Großereignis wie einer WM fließt enorm viel Geld. Ein Land darf die WM austragen. Welches Land das ist, entscheidet die FIFA. Um als Austragungsort überhaupt in Frage zu kommen, muss ein Land finanziell dazu in der Lage sein, Stadien zu bauen und Infrastruktur bereitzustellen. Das kostet das Land natürlich Geld. Vereinfacht kann man also sagen, dass ein Land die WM kaufen kann. Und weil so eine WM nicht ganz billig ist, muss an anderer Stelle gespart werden.

Unter Kürzungen leiden oft zuerst Bildung, Versorgung, Umweltschutz und sozialer Wohnungsbau. Anstatt soziale Probleme zu beheben, werden sie für die Dauer der WM lieber versteckt. Für den Bau von Stadien in Brasilien wurden beispielsweise tausende Favela-Bewohner unfreiwillig umgesiedelt. Wer illegal wohnte, wurde einfach nur geräumt, ganz ohne Anspruch auf Ersatzwohnraum.

Das Geld, das das Land Brasilien ausgegeben hat, kommt nicht nach Brasilien zurück. Zwar verdient die lokale Tourismus-Branche und auch der Verkehr, aber die Menschen, die aus ihnen Wohnungen ausziehen mussten, verdienen keinen Centavo. Am Bau der Stadien verdienen die Bauunternehmer. An den direkten Einnahmen durch Kartenverkäufe verdient die FIFA. An den Fernseh- und Radio-Sendelizenzen verdient die FIFA. „Das Land“ mag langfristig verdienen, aber die Bevölkerung verdient nichts. Von Ordem e Progresso, Ordnung und Fortschritt, dem Motto des Landes, kann keine Rede sein.

2018 geht die WM übrigens nach Russland. Da Russland auf dem besten Weg ist, Homosexualität wieder illegal zu machen, können wir nur hoffen, dass sich bis dahin möglichst viele Spieler als schwul outen. Vielleicht wird sie dann komplett abgesagt.

2022 soll in Katar gespielt werden. Katar besitzt bis heute noch die Todesstrafe, freie Meinungsäußerung, sexuelle Selbstbestimmung und Religionsfreiheit sind enorm eingeschränkt, nur 20% der Menschen im Land dürfen wählen, Frauen besitzen nicht dieselben Rechte wie Männer und beim Bau der Stadien sind bereits mehrere Arbeiter tödlich verunglückt.

Seit dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft hegt natürlich so gut wie niemand mehr Zweifel daran, dass die WM und die FIFA geil sind, und wenn trotzdem mal ein Kritikpunkt auftaucht, wird er schwarz-rot-gold angemalt und mit Einigkeit und Recht und Freiheit dauerbeschallt.

Wer keinen Bock auf kollektive Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen hat, muss allerdings nicht mitmachen. Boykott ist ganz einfach – man muss nur an den betreffenden Abenden den Fernseher auslassen und keine WM-bezogenen Artikel kaufen. Während eines WM-Finales ist es auf der Straße übrigens super ruhig. Da kann man in aller Ruhe selbst Fußball spielen oder in einem Ganzkörper-Känguru-Kostüm rumhüpfen und Die FIFA ist geil schreien.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schlapphüte toll sind.