Mein Outing – Wer hat eigentlich die WM gewonnen?

Veröffentlicht: 26. Juli 2014 in Allgemein
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„Kim… was ist eigentlich das verrückteste, was du dieses Jahr getan hast?“

„Äh, heute Morgen bin ich in einem Ganzkörper-Känguru-Kostüm durch einen Textildiscounter gehüpft und habe Globalisierung ist geil geschrien.“

„Das ist nichts Verrücktes.“

„Dann hab ich auch noch nichts so wirklich Verrücktes gemacht.“

„Okay, schade. Wo hast du eigentlich das Finale geschaut?“

„Gar nicht. Ich hab dieses Jahr die WM boykottiert.“

„Waaas? Das ist definitiv verrückt!“

 

Dieses Jahr habe ich kein einziges WM-Spiel gesehen. Das hat einige Menschen so sehr irritiert, dass ich beschlossen habe, mich öffentlich zu outen – ich bin weder Fußballfan noch Deutschlandfan. Ich interessiere mich nicht für Fußball, ich mag Fußball nicht besonders und ich sehe keinen Grund, mir Fußballspiele anzuschauen, nur weil die Spieler zufällig aus demselben Land kommen wie ich.

Wenn Menschen – vorwiegend Kinder – auf dem Bolzplatz kicken, erregt das wenig Aufmerksamkeit (es sei denn, man ist Rentner und beschwert sich gern). Wenn hingegen Nationalmannschaften gegeneinander Fußball spielen, steht die gesamte Welt Kopf. Dafür gibt es zwei Gründe.

  1. Die Spieler sind wirklich gut.
  2. Jemand will, dass die ganze Welt kopfsteht. Wenn die ganze Welt kopfsteht, lässt sich nämlich ausgezeichnet verdienen.

Bei einem internationalen Großereignis wie einer WM fließt enorm viel Geld. Ein Land darf die WM austragen. Welches Land das ist, entscheidet die FIFA. Um als Austragungsort überhaupt in Frage zu kommen, muss ein Land finanziell dazu in der Lage sein, Stadien zu bauen und Infrastruktur bereitzustellen. Das kostet das Land natürlich Geld. Vereinfacht kann man also sagen, dass ein Land die WM kaufen kann. Und weil so eine WM nicht ganz billig ist, muss an anderer Stelle gespart werden.

Unter Kürzungen leiden oft zuerst Bildung, Versorgung, Umweltschutz und sozialer Wohnungsbau. Anstatt soziale Probleme zu beheben, werden sie für die Dauer der WM lieber versteckt. Für den Bau von Stadien in Brasilien wurden beispielsweise tausende Favela-Bewohner unfreiwillig umgesiedelt. Wer illegal wohnte, wurde einfach nur geräumt, ganz ohne Anspruch auf Ersatzwohnraum.

Das Geld, das das Land Brasilien ausgegeben hat, kommt nicht nach Brasilien zurück. Zwar verdient die lokale Tourismus-Branche und auch der Verkehr, aber die Menschen, die aus ihnen Wohnungen ausziehen mussten, verdienen keinen Centavo. Am Bau der Stadien verdienen die Bauunternehmer. An den direkten Einnahmen durch Kartenverkäufe verdient die FIFA. An den Fernseh- und Radio-Sendelizenzen verdient die FIFA. „Das Land“ mag langfristig verdienen, aber die Bevölkerung verdient nichts. Von Ordem e Progresso, Ordnung und Fortschritt, dem Motto des Landes, kann keine Rede sein.

2018 geht die WM übrigens nach Russland. Da Russland auf dem besten Weg ist, Homosexualität wieder illegal zu machen, können wir nur hoffen, dass sich bis dahin möglichst viele Spieler als schwul outen. Vielleicht wird sie dann komplett abgesagt.

2022 soll in Katar gespielt werden. Katar besitzt bis heute noch die Todesstrafe, freie Meinungsäußerung, sexuelle Selbstbestimmung und Religionsfreiheit sind enorm eingeschränkt, nur 20% der Menschen im Land dürfen wählen, Frauen besitzen nicht dieselben Rechte wie Männer und beim Bau der Stadien sind bereits mehrere Arbeiter tödlich verunglückt.

Seit dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft hegt natürlich so gut wie niemand mehr Zweifel daran, dass die WM und die FIFA geil sind, und wenn trotzdem mal ein Kritikpunkt auftaucht, wird er schwarz-rot-gold angemalt und mit Einigkeit und Recht und Freiheit dauerbeschallt.

Wer keinen Bock auf kollektive Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen hat, muss allerdings nicht mitmachen. Boykott ist ganz einfach – man muss nur an den betreffenden Abenden den Fernseher auslassen und keine WM-bezogenen Artikel kaufen. Während eines WM-Finales ist es auf der Straße übrigens super ruhig. Da kann man in aller Ruhe selbst Fußball spielen oder in einem Ganzkörper-Känguru-Kostüm rumhüpfen und Die FIFA ist geil schreien.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schlapphüte toll sind.

Kommentare
  1. teilzeitleserin sagt:

    Aber dass Özil seine Prämie zur Finanzierung von Operationen für Kinder in Brasilien gelassen hat, finde ich super.

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  2. St. Lang sagt:

    Kim,
    mich interessierte, woher Du einige der Informationen hast, nicht alle Fakten scheinen gut recherchiert worden zu sein:

    Es sind in Katar bereits einige Arbeiter auf Baustellen umgekommen – jeder einzelne Tote war zu viel, diese Informationen sind äußerst schrecklich! Aber es ist definitiv FALSCH, dass es sich um WM-Baustellen handelt(e)! Bei den Bauarbeiten ging es sich um diverse Projekte, die rein gar nichts mit der Fußball-WM 2022 zu tun haben, auch keine Stadien wurden bislang errichtet!

    Über Boykotte habe ich schon mit vielen Menschen gestritten und bin es eigentlich müde wieder zu tun. Sich damit zu brüsten, sich sozial einzusetzen und sich toll zu finden, nur weil man die WM boykottiert und damit gegen all die schlimmern Zustände in den Ländern zu bedauern, ist lächerlich.

    Denn der Fußball und damit auch eine Weltmeisterschaft bietet einem Land viele Möglichkeit, kann helfen, die aktuelle Situation (Umwelt, Bildung, Wirtschaft z.B.) zu verbessern. Die FIFA hat andere Interessen, aber der Fußball an sich hat eine gewisse Macht und kann positive Aspekte bringen. Dass die Brasilianer fußballverrückt sind und sich auf die WM (größtenteils) gefreut haben, ist unbestritten. Es hätte die Chance gegeben, dass die brasilianische Regierung die Möglichkeit nutzt und neben dem Bau der WM-Einrichtungen wie Stadien, Fanmeilen etc. auch in Infrastruktur und Gesundheitswesen investiert. Genau dies war Brasilien versprochen worden von der Regierung des Landes, genau dies wurde nicht eingehalten. Genau DAS ist der Skandal, dagegen protestierten viele auf den Straßen 2013 und teilweise auch dieses Jahr. Es geht weniger um das Geld als um nicht erfüllte Versprechen.

    Kim, es ist leider auch falsch, dass es GAR keine Entschädigungen nach den Zwangsumsiedelungen gegeben hätte. Ja, es ist schrecklich, dass durch die WM viele Arme zwangsumgesiedelt wurden, diese haben aber Ersatz (Geld, teilweise Wohnraum) bekommen – oftmals viel zu gering.
    Auch das Land Brasilien verdient kaum etwas, im Gegeneil, hohe Schulden wurden gemacht, während Einzelpersonen und die FIFA viel Geld kassierten.

    Nichtsdestoweniger: Es bringt nichts, deshalb ein Sportturnier zu boykottieren – der Sport, der Fußball ist ein wunderbarer Sport, viele Menschen auf der Erde mögen ihn, viele Brasilianer erfreuten sich, viele waren und sind stolz auf eine gelungene Ausrichtung solch eines Spektakels.

    Was andere Ausrichterländer betrifft: Dadurch, DASS in Schwellenländern oder solchen Nationen, die kritisch betrachtet werden müssen, ein so großes Fußballturnier ausgerichtet wird, ergibt sich die Chance, aufmerksam zu machen. Aufmerksam auf Homophobie, aufmerksam auf Korruption, aufmerksam auf Verletzungen der Menschenrechte. Allein dadurch können sich Folgen wie Verbesserungen, Dialoge, Spenden ergeben – gerne auch sinnvolle Proteste. Ein Boykott hingegen bringt nichts, die Regierung, die FIFA, die Ausrichter machen weiter, die interessiert ein Boykott nicht. Was müssten wir alles boykottieren, damit sich die Welt wirklich bessert?

    Dein eingeleites Fazit ist meiner Meinung nach auch nicht ganz richtig: Ich freue mich, dass Deutschland Weltmeister geworden ist, ich habe den tollen Fußball genossen – so wie viele andere Menschen auch. Was ist daran falsch? Rein gar nichts, denn nichtsdestoweniger beschäftige ich mich mit den negativen Folgen einer WM mit den Dingen, die falsch in unsere Welt laufen. Nur weiß ich, dass das eine nichts Direktes mit dem anderen zu tun hat – im Gegenteil, der Fußball helfen KANN (siehe z.B. den verweigerten Handschlag Menottis dem argentinischen Regime bei de WM 1978, Drogbas Videoaufruf, den ivorischen Bürgerkrieg zu beenden – mit Erfolg usw.).

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  3. teilzeitleserin sagt:

    Ich find’s gut, dass sich hier ein junger Mensch mit Menschenrechtsverletzungen in der Welt auseinandersetzt. Es gibt nämlich schon genug Menschen, die davon gar nichts mitbekommen bzw. nichts mitbekommen wollen.
    @ St. Lang:
    Ich würde sagen, so schlecht recherchiert ist der Beitrag gar nicht. Nun weiß ich nicht, woher der Tagesspiegel seine Informationen genau hat, aber dort heißt es zu dem Thema Katar und WM unter Berufung auf den Internationalen Gewerkschaftsbund:
    „Ein Dutzend Gastarbeiter sterben wöchentlich beim Bau der WM-Stadien in Katar, gibt der Internationale Gewerkschaftsbund an.“ Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/stadienbau-in-katar-tod-im-freiluftgefaengnis/8859394.html
    Auch das Handelsblatt beruft sich auf die Quelle Internationaler Gewerkschaftsbund. Und ob die Todesfälle nun beim Stadienbau oder beim Bau von Hotels für die Sportler oder die erwarteten Besucher der WM auftraten, macht nicht wirklich einen Unterschied.
    Im Übrigen sagt die Autorin des blogs hinsichtlich der Fußballeuphorie und der nächsten Austragungsorte ja auch nur ihre eigene Meinung, ohne diejenigen Fußballbegeisterten zu verurteilen, die anderer Meinung sind. Äußerst legitim, wie ich finde.

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    • St. Lang sagt:

      Die Informationen beziehen sich aus den Recherchen des „Guardian“ (http://www.theguardian.com/world/2013/sep/25/revealed-qatars-world-cup-slaves). Um es noch einmal zu betonen: Wir sind auf der selben Wellenlänge – diese „sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen“ sind scharf zu verurteilen, grundsätzlich ohne Ausnahmen.

      Für mich besteht ein großer Unterschied zwischen Baustelle Hotel und Baustelle Stadion. Das Hotel ist nicht ausschließlich für die Sportler oder die Sportfans gedacht, sondern längerfristig für die Touristen.
      Meines Wissens/meiner Erinnerung nach kamen die ersten Toten von einer Baustelle eines großen Einkaufzentrums. Es ist im Prinzip egal, nur lediglich falsch in den Medien dargestellt: Bei „Tote auf WM-Baustellen in Katar“ sagt mir mein Gehirn, dass bei Bauarbeiten der Stadien Menschen ums Leben kamen oder bei Trainingsanlagen etc. – und das stimmt meines Wissens nicht, sollte kein Vorwurf sein – ist eine große Unachtsamkeit/ein Aufbauschen und die Verdrehung der Wahrheit einiger Medien.

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  4. Chikikyo sagt:

    Ist das nicht eigentlich egal wo sie gestorben sind? Es ist so oder so Doof.

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