Smile, you’re on CCTV!

Veröffentlicht: 31. August 2014 in Allgemein, Unterwegs
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WHAT ARE YOU LOOKING AT?

Ein Schablonen-Graffiti des britischen Graffiti-Künstlers Banksy.
Bildquelle

England ist wirklich ein wahnsinnig schönes Land. Man könnte sich England ständig angucken, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr. Man könnte. Das heißt aber nicht, dass man es muss.

England steht unter Beobachtung. An jeder Straßenecke, vor jeder Tankstelle, in jeder Hotel-Lobby, überall sind Kameras angebracht. Netterweise wird auch noch auf die Kameras hingewiesen. Von einem nüchternen „CCTV operating 24/7“ (24 Stunden Videoüberwachung) bis zu einem fast zynischen „Smile! You’re on CCTV“ (Bitte lächeln! Sie werden gefilmt!) findet man alle Arten von CCTV-Schildern. Hätte ich in vierzehn Tagen Großbritannien jeden Hinweis auf Überwachung fotografiert, hätte das wahrscheinlich meine Handy-Speicherkarte gesprengt. Und am Bildschirm hinter der Kamera hätte sich wahrscheinlich das britische Pendant zu Jochen Sönkeberg gewundert, welche verrückte Touristin alle Überwachungskameras des Landes fotografiert.

Das Beitragsbild stammt vom britischen Graffiti-Künstler Banksy. “What are you looking at?“, fragt er die Kamera. Was glotz du so?

Ich weiß es selbst nicht. Ob es wohl diejenigen wissen, die die Kameras aufhängen? Oder filmen sie nur, weil jeder Mensch verdächtig ist, just in case? Sammeln sie für Upps – Die Pannenshow? Reicht es, dass wir glauben, dass die Möglichkeit besteht, dass wir eventuell überwacht werden, damit wir uns ruhig verhalten? (Das Känguru-Manifest, Marc-Uwe Kling, Ullstein-Verlag, Kapitel „Überwachen und schlafen“. Ich habe eine Quellenangabe benutzt! Siehst du das, Jochen? Halleluja!)

England wird vermutlich das erste Land sein, dass flächendeckend videoüberwacht wird. Und vor allem – fast niemand regt es auf. Banksy bleibt eine Ausnahme. Ich fühle mich unwohl. Aber für die meisten Engländer ist das ganz normal.

Was mich wirklich beunruhigt, ist: wie weit reicht die Überwachung wirklich? In England wird wenigstens mit Schildern auf die Kameras hingewiesen. Aber wo hängen überall Kameras, ohne dass wir es wissen? Wenn wir nicht wissen, wo die Überwachung ist, können wir uns nicht gegen sie wehren.

Zurzeit wird heiß über das Verbot von Burkas und sonstiger Vollverschleierung diskutiert. Eines der Argumente der Burka-Gegner ist: wenn mir jemand auf der Straße begegnet, habe ich das Recht, zu sehen, wer das ist. Dieses Argument zielt auf ein generelles Vermummungsverbot ab, wie wir es schon von Versammlungen wie Demos kennen.

Vielleicht habe ich als Privatperson, als Individuum, das Recht, mein Gegenüber zu erkennen. Genau so haben die Menschen um mich herum das Recht, mich zu erkennen. Aber was ist mit den Überwachungskameras?

Irgendwo in den Archiven von Land und Staat lagern meine Daten. Biometrische Ausweisfotos, ohne die ich das Land theoretisch gar nicht verlassen darf. Meine Fingerabdrücke. Mein Krankenakte. Wenn mich irgendjemand beim Geheimdienst finden wollte, würde er mich finden. Ich müsste nur an einer Kamera vorbeispazieren.

Mein Handy hat eine automatische Gesichtserkennung. Wenn einer meiner Freunde bei Whatsapp ein Profilfoto hat, auf dem man ihn erkennt, und wenn ich ihn in meinen Kontakten unter seinem echten Namen gespeichert habe, dann ordnet mein Handy den Fotos, die in meinem Album habe, automatisch die Namen meiner Freunde zu. Es war nicht schwer, die automatische Gesichtserkennung auszuschalten. Aber bis man erst mal weiß, dass sie überhaupt da ist, hat sie schon alle meine Freunde erkannt. Was soll ich dagegen machen? Mir eine alte Polaroid-Kamera kaufen? Meine Freunde durchnummerieren?

Jeder Mensch hat das Recht, unerkannt durch eine Straße zu gehen. Hängt die Kameras ab, und wir können über das Vermummungsverbot sprechen. Jeder Mensch hat etwas zu verbergen. Das müssen keine „Geheimnisse“ sein, nicht Kriminelles oder Intimes. Das kann auch sein, wo wir sind und wie wir den Nachmittag verbringen. Das geht niemanden etwas an.

Überwachungskameras sollen Sicherheit schaffen. Aber ich persönlich will keine Sicherheit, wenn der Preis, den ich dafür zahlen muss, meine Privatsphäre ist und wenn mir die Sicherheit Angst macht.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total nervt, wenn man extra vorsichtig an Touristen vorbeischleicht, weil man denkt, dass sie irgendetwas fotografieren, und wenn sich dann herausstellt, dass sie sich selbst fotografieren.

Kommentare
  1. Madj2k sagt:

    Sicherheit und Freiheit stehen in einem schwierigen Verhältnis zueinander. Ohne Sicherheit ist Freiheit nicht denkbar. Der Grundgedanke vor allem staatlicher Sicherheit besteht ja schon seit den frühen Philosophen darin, dass die Freiheit des einen dort Einschränkungen erfahren muss, wo sie die Freiheit (bzw. das Leben) des anderen einschränkt. Sicherheit hat damit eine primäre Funktion: Sie soll die größtmögliche Freiheit aller sichern. Wenn wir aber unsere Freiheit auf dem Altar der Sicherheit opfern, stellt sich die Frage, was diese Form der Sicherheit dann noch sichert – wenn nicht ausschließlich sich selbst.

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  2. […] ist zumindest mir suspekt. Und “Smile, you’re on CCTV” bekommt dadurch eine ganz neue […]

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