Kapitalismus im Kanu

Veröffentlicht: 25. September 2014 in Echt jetzt?, Unterwegs
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Kanufahren ist wie Kapitalismus.
Das mag weit hergeholt klingen, aber nach der gestrigen Schul-Kanutour kann ich nichts anderes dazu sagen. Genaugenommen sind Schleusen wie Kapitalismus, und zwar wie die marktradikalste Form, die man sich vorstellen kann.
Alle zwanzig Kanus, jeweils besetzt mit drei Schülern, fahren also in die erste Schleuse. Natürlich sind sie nicht alle gleichauf, über die Reihenfolge entscheidet, wer wann ins Wasser gelassen wurde. Damit sind manche Kanus also vor anderen. Die Schleuse schließt sich hinter dem letzten Boot. Und dann geht das Geschiebe los.
Alle Kanus versuchen, sich an den anderen vorwärts zu schieben. Weil die Schleuse nicht breit genug ist, wird jeder nach hinten gedrängt, der keine anderen Boote verdrängen kann. Bald sind die Typen mit den meisten Muskeln vorne. Ich ritze derweil Hausbesetzerzeichen in den Schlick an der Schleusenwand. Ihr kriegt uns hier nicht raus.
Dann gehen die schmutzigen Tricks los. Manche Boote versuchen, sich heimlich an anderen festzuknoten. Bei dem ein oder anderen beginnen die Hände zu bluten. Alle wollen möglichst weit nach vorne. Leider ist das Schleusentor zu. Wirklich voran kommt niemand.
Dann kommt Bewegung in den Wettbewerb. Um die Schleusentore zu öffnen, müssen alle ein Stück zurückpaddeln. Und da zeigt sich der wahre Charakter des Wettbewerbs.
Anscheinend denken sich alle, dass sie sich heimlich alleine vorwärtsschieben können, während sich der Rest rückwärts bewegt. Leider machen sie die Rechnung ohne die Skrupellosigkeit der anderen, und so bewegen sich doch alle vorwärts. Manche werden fast vom sich öffnenden Schleusentor versenkt.
Als die Tore dann endlich aufgehen, paddeln alle wie wild drauf los. Wenn sie ihre Kraft nicht für eine halbe Stunde Stillstand verbraucht hätten, wären sie zwar schneller, aber wenn stört’s?
Der Wettbewerb ist nicht fair. Das Prinzip, auf Kosten von anderen zu gewinnen, das Prinzip, dass es Verlierer geben muss, wenn es Gewinner geben soll, ist an sich schon nicht fair. Das größte Problem ist aber, dass nicht alle gleichzeitig starten. Die Menschen haben dieselben Rechte, aber nicht dieselben Chancen. Und da soll noch mal jemand behaupten, Gewinnen hätte allein mit Fleiß und Talent zu tun. Den nächsten Kapitalisten, der mich nervt, setzte ich einfach in ein Kanu.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Extrem-Bügeln sowieso die unterschätzteste Trendsportart ist.

Unser Team war übrigens zweites bei den Mädchen. Wir wären gute Managerinnen. Jo, Bitches.

Kommentare
  1. Cooler und vor allem wahrer Beitrag aus interessantem Blickwinkel! 🙂

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  2. Volker sagt:

    Na dann, ab in die Boote…

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