Archiv für Oktober, 2014

CCTV is everywhere…

Veröffentlicht: 21. Oktober 2014 in Echt jetzt?
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CCTV_HK

Das Chinesische Staatsfernsehen heißt also tatsächlich CCTV… witzig, denn die Abkürzung hat noch eine ganz andere Bedeutung:

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über private Videoüberwachung. Screenshot: Wikipedia

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über private Videoüberwachung.
Screenshot: Wikipedia

Das ist zumindest mir suspekt. Und „Smile, you’re on CCTV“ bekommt dadurch eine ganz neue Dimension.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man in der Schule als vierte Fremdsprache zwischen Chinesisch und Klingonisch wählen sollen könnte.

Kommunismus im Kühlschrank

Veröffentlicht: 18. Oktober 2014 in WGweisend
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Donnerstagnachmittag.

Ich sitze in einer WG, die nicht meine ist, auf einem Bett, das nicht meins ist, und schaue auf einem Laptop, der nicht meiner ist, ein Werbevideo für die wohl überflüssigste, überteuerste und insignifikanteste Erfindung des Jahrhunderts: Kinetischer Sand. Kinetischer Sand ist eine Substanz, die laut Angaben des Herstellers zu 98% aus Sand und zu 2% aus einem nicht genannten Supermaterial besteht, sich kneten lässt und für die gelangweiltesten aller Zeitgenossen erfunden wurde. Mich irritiert, dass ich dieses Produkt unbedingt haben möchte.

Auf einmal deutet eine Äußerung aus der Küche darauf hin, dass dort wohl jemand den Kommunismus hasst. „Ich hasse den Kommunismus! Ich hasse, hasse, hasse ihn einfach!“ Das ist eine unerwartete Wendung in der Hintergrundgeräuschkulisse, da es bis eben noch um die Bestückung des Kühlschrankes ging.

Dann allerdings stellt sich heraus, dass der spontane Hass auf den Kommunismus mit eben diesem Thema eine Menge zu tun hat. Offenbar macht eine der Bewohnerinnen den Kommunismus dafür verantwortlich, dass jemand ihre Margarine aufgegessen hat. Als einzige geoutete Antikapitalistin in der Wohnung fühle ich mich verpflichtet, die Verhältnisse geradezurücken.

ich:      Ich hasse den Kapitalismus.

sie:      Aber wieso?

ich:      Weil er unfair ist. Weil dabei Menschen ausgebeutet werden. Wettbewerb, Marktwirtschaft, das ist ja alles schön und gut, aber es ist nicht fair, wenn die einen im Wettbewerb bessere Chancen haben als die anderen. Und das wird sich niemals ändern, wenn die einen darüber entscheiden können, ob die anderen Arbeit haben, wo sie arbeiten, wie viel sie arbeiten und wie viel sie dabei verdienen.

sie:      Aber es werden doch immer Menschen ausgebeutet. Wettbewerb ist nie fair.

ich:      Und willst du nicht, dass sich das ändert?

sie:      Das geht nicht.

ich:      Was ist mit Sportwettkämpfen? Da starten doch auch alle an derselben Linie.

sie:      Aber nicht alle Teilnehmer sind gleich stark und schnell. Und das ist in echt auch nicht so.

ich:      Und ist das fair? Dass, zum Beispiel, eine Frau in einem indischen Slum oder ein Südafrikaner aus einem Township geringere Chancen hat, nur weil er oder sie ein Frau oder schwarz oder einfach am falschen Ort geboren ist?

sie:      Die können ja woanders hingehen?

ich:      Aber das sollen sie doch gar nicht! Jeder soll doch überall klarkommen! Und wenn die alle nach Deutschland kommen, werden hier die Grenzen dicht gemacht, weil „zu viele Flüchtlinge“ unserer Wirtschaft schaden, und dann kommen wieder ein paar Nazis und sagen, die Ausländer nutzen unser Sozialsystem aus, und – zack! – dann werden nur noch die aufgenommen, die arbeiten können, und das ist ganz super für unsere Wirtschaft, aber dann haben wir das Überleben von tausenden Menschen leider davon abhängig gemacht, ob sie wirtschaftlich was wert sind, und wir helfen ihnen nur unseretwegen, und das…

sie:      …das ist doch total bescheuert!

ich:      Meine Rede.

sie:      Bist du Kommunistin?

ich:      Anarcho-Sozialistin. Und für mich ist das nicht deine Margarine, sondern die Margarine von allen, die sie brauchen. Oder die Margarine von niemandem, je nachdem.

sie:      Aber… ich bin Laktose-intolerant!

ich:      Versteck doch deine Margarine das nächste Mal.

Sie:      Geht das nicht gegen deine Prinzipien?

ich:      Global – ja. Aber nicht in der WG. WGs sind Schlachtfelder. Jeder für sich und Gott gegen alle.

sie:      Das Leben ist hart.

ich:      In der Tat.

sie:      …

ich:      …

sie:      Was ist das da eigentlich auf deinem Brot?

Ich:      Äh… guck mal, kinetischer Sand!

Ein unterschätzter Kühlschrank-Bewohner: die Margarine-Kobra. Bildquelle: Wikipedia

Ein unterschätzter Kühlschrank-Bewohner: die Margarine-Kobra.
Bildquelle: Wikipedia

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Veganer nicht „Alles in Butter“ sagen sollten.

Wer in ein Internat einzieht, bekommt zwei heilige Schriften zur Begrüßung. Die eine ist das Wertepapier und predigt Toleranz, Solidarität und Respekt für alle. Die andere ist das Regelwerk, und darin steht: nichts an Türen und Schränke kleben.
Ich muss sagen, als ich die Antifa- und No-Homophobia-Sticker am Schrank eines Mitschülers entdeckt habe, waren es weniger die Aufkleber, über die ich mich gefreut habe, als vielmehr diese kleine Geste des zivilen Ungehorsams. Denn wenn wir trotz kostenloser Schulbildung unsere Unterbringung im Internat bezahlen müssen, dann ist es unser gutes Recht, die Renovierungspauschale zu verplempern.
Für viele Menschen bedeutet ziviler Ungehorsam allerdings immer noch…
…abends elmex und morgens aronal zu benutzen…
…den Ohrstöpsel fürs linke Ohr und rechte Ohr zu stecken…
…im Schwimmbad vom Beckenrand zu springen…
…sich mit Handcreme das Gesicht einzuschmieren…
…während der Fahrt mit dem Busfahrer zu sprechen
& mehr als drei Teile mit in die Umkleidekabine zu nehmen.
Diese Leute rebellieren nicht nicht, weil sie keine Gründe zum Rebellieren finden. Sie rebellieren nicht, weil sie keie Gründe zum Rebellieren suchen. Wer sich umschaut, findet überall Gründe. In jeder Welt gibt es etwas zu verbessern, und manchmal erreichen wir diese Verbesserung eben nur durch Widerstand. Um erfolgreich (oder wenigstens enthusiastisch) Widerstand zu leisten, müssen wir uns klar machen, warum es sich lohnt, Aufkleber zu verteilen.

Aufkleber machen nicht nur Laternenpfähle schöner - hier in Brighton.

Aufkleber machen nicht nur Laternenpfähle schöner – hier in Brighton.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Schule eine klassenlose Gesellschaft zu werden hat.

Mein sechster fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Dieses Mal habe ich eine Schläferzelle entdeckt.


Hallo Jochen,

Kim hier. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Ihnen nicht mehr zu schreiben, Sie nehmen mich ja doch nicht ernst, aber dieses Mal geht es um die nationale Sicherheit. Und die müssen Sie ernstnehmen, nicht wahr?

Sie kennen sich doch sicherlich mit Schläferzellen aus. Terroristen, die vollkommen unerkannt unter normalen Bürgern leben und nur darauf warten, aktiviert zu werden und zuzuschlagen? Die sich harmlos geben und gleichzeitig in geheimen Terrorcamps neue Rekruten ausbilden? Sie sind besonders gefährlich, weil sie eben halb-offiziell sind. Wir sehen ihre Netzwerke, aber wir sehen nicht, dass es sich um Terror-Netzwerke handelt. Sie sind total unverdächtig. Anständige Leute. Nette Nachbarn. Man stößt nur durch Zufall auf sie. Dabei sind sie überall. Ich bin gerade über eine gestolpert.

KLEINGÄRTNERVEREIN "KRAUTGÄRTEN" e.V.Dieses Terrorcamp liegt etwa zehn Kilometer von meinem Haus entfernt. Es tarnt sich als Kleingartenkolonie, und da zeigt sich auch schon das Gefahrenpotential: darin wimmelt es von Kleingarten-Kolonialisten, Gemüsebeet-Imperialisten und Buchsbaum-Nationalisten. Auf einen von ihnen kommen geschätzte 60 m Gartenzaun, 2,2 Gartenzwerge, 0,7 Porzellan-Rehe und 0,4 Springbrunnen. Dazu 2,3 kg biologische Kampfmittel, allen voran Rattengift, 2,6 Heckenscheren, 10 m Stacheldraht und 1,1 Wasserwerfer. Schockierend!

Hier rüstet die extreme Mitte zum Kampf gegen Individualität und alternative Gesellschaftsformen. Hier wird vorgegeben, wie breit ein geharkter Weg, wie hoch eine Fertigbauhütte und wie lang ein Grashalm sein darf. Hier grüßen alle freundlich und bleiben schön auf ihrem eigenen Rollrasen. Hier erprobt FRONTEX neue Grenzzäune.

Die quadratischen Parzellen, penibel mit Maschendrahtzaun getrennt, sind die Keimzelle übertriebener Nationalstaatlichkeit. In jedem der Nationalstaaten flattert eine Deutschlandflagge, gemeinsam mit der Fahne des favorisierten Fußballvereins, daneben ein Bratwurstgrill und ein Gartenzwerg. Jeder Garten ist Deutschland. Aber nicht nur einmal, sondern ganz, ganz oft. Warum können nicht alle so ordentlich, fleißig und pünktlich sein wie wir? Wäre die Welt nicht schöner, wenn in jedem souveränen Staat eine Kuckucksuhr hinge und wenn es überall Kartoffelpuffer gäbe? Das ist der Traum der Kleingartenkolonialisten. Currywurst für alle! Ein deutscher Alptraum. Extreme Mitte, rechter Rand.

Ich habe Angst vor den Kleingärten. Und wenn Sie vernünftig sind, sollten Sie das auch tun. Denn wenn wir nicht handeln, wird bald die ganze Welt in quadratische Nationalparzellen eingeteilt sein. Dann ist keine Rede mehr von Gemeinschaft und Gemeineigentum. Dann sind überall Gartenzäune. Und zwischen den Gartenzäunen gilt das Recht des Stärkeren. Darauf hab ich keine Lust. Ich zähle auf Sie.

Mit besorgten Grüßen,

Kim

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Falafel der Schlüssel zur Lösung des Nahostkonflikts sind.