Der Verfassungsschutz und ich – Teil 6

Veröffentlicht: 5. Oktober 2014 in Der Verfassungsschutz und ich
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Mein sechster fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Dieses Mal habe ich eine Schläferzelle entdeckt.


Hallo Jochen,

Kim hier. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Ihnen nicht mehr zu schreiben, Sie nehmen mich ja doch nicht ernst, aber dieses Mal geht es um die nationale Sicherheit. Und die müssen Sie ernstnehmen, nicht wahr?

Sie kennen sich doch sicherlich mit Schläferzellen aus. Terroristen, die vollkommen unerkannt unter normalen Bürgern leben und nur darauf warten, aktiviert zu werden und zuzuschlagen? Die sich harmlos geben und gleichzeitig in geheimen Terrorcamps neue Rekruten ausbilden? Sie sind besonders gefährlich, weil sie eben halb-offiziell sind. Wir sehen ihre Netzwerke, aber wir sehen nicht, dass es sich um Terror-Netzwerke handelt. Sie sind total unverdächtig. Anständige Leute. Nette Nachbarn. Man stößt nur durch Zufall auf sie. Dabei sind sie überall. Ich bin gerade über eine gestolpert.

KLEINGÄRTNERVEREIN "KRAUTGÄRTEN" e.V.Dieses Terrorcamp liegt etwa zehn Kilometer von meinem Haus entfernt. Es tarnt sich als Kleingartenkolonie, und da zeigt sich auch schon das Gefahrenpotential: darin wimmelt es von Kleingarten-Kolonialisten, Gemüsebeet-Imperialisten und Buchsbaum-Nationalisten. Auf einen von ihnen kommen geschätzte 60 m Gartenzaun, 2,2 Gartenzwerge, 0,7 Porzellan-Rehe und 0,4 Springbrunnen. Dazu 2,3 kg biologische Kampfmittel, allen voran Rattengift, 2,6 Heckenscheren, 10 m Stacheldraht und 1,1 Wasserwerfer. Schockierend!

Hier rüstet die extreme Mitte zum Kampf gegen Individualität und alternative Gesellschaftsformen. Hier wird vorgegeben, wie breit ein geharkter Weg, wie hoch eine Fertigbauhütte und wie lang ein Grashalm sein darf. Hier grüßen alle freundlich und bleiben schön auf ihrem eigenen Rollrasen. Hier erprobt FRONTEX neue Grenzzäune.

Die quadratischen Parzellen, penibel mit Maschendrahtzaun getrennt, sind die Keimzelle übertriebener Nationalstaatlichkeit. In jedem der Nationalstaaten flattert eine Deutschlandflagge, gemeinsam mit der Fahne des favorisierten Fußballvereins, daneben ein Bratwurstgrill und ein Gartenzwerg. Jeder Garten ist Deutschland. Aber nicht nur einmal, sondern ganz, ganz oft. Warum können nicht alle so ordentlich, fleißig und pünktlich sein wie wir? Wäre die Welt nicht schöner, wenn in jedem souveränen Staat eine Kuckucksuhr hinge und wenn es überall Kartoffelpuffer gäbe? Das ist der Traum der Kleingartenkolonialisten. Currywurst für alle! Ein deutscher Alptraum. Extreme Mitte, rechter Rand.

Ich habe Angst vor den Kleingärten. Und wenn Sie vernünftig sind, sollten Sie das auch tun. Denn wenn wir nicht handeln, wird bald die ganze Welt in quadratische Nationalparzellen eingeteilt sein. Dann ist keine Rede mehr von Gemeinschaft und Gemeineigentum. Dann sind überall Gartenzäune. Und zwischen den Gartenzäunen gilt das Recht des Stärkeren. Darauf hab ich keine Lust. Ich zähle auf Sie.

Mit besorgten Grüßen,

Kim

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Falafel der Schlüssel zur Lösung des Nahostkonflikts sind.

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