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Keine Satire

Veröffentlicht: 23. Oktober 2017 in Hallo Welt!
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Sich zu verstecken, ist sehr einfach. Bildquelle

Ich habe lange nicht geschrieben. Ich könnte es auf das Abitur schieben, und darauf, dass ich umgezogen bin, aber damit würde ich es mir wohl zu einfach machen.

Tatsache ist, dass es einfach ist, nicht zu schreiben. Die Gründe dafür sind nicht einfach, auch wenn sie sich vermutlich ganz einfach in den Zahlen 2016 und 2017 zusammenfassen lassen. Das möchte ich erklären.

Vielleicht fing es damit an, dass ich Donald Trump unkommentiert gelassen habe. Ich habe ihn, selbst im Frühjahr 2016, als seine Kampagne schon im Gang und ich noch regelmäßig auf meinem Blog aktiv war, lieber ignoriert, vielleicht aus Unwillen, über die Politik eines anderen Landes zu schreiben – auch wenn ich das bereits mehrfach getan habe – vielleicht, weil man Tag für Tag überall Artikel, Horrorgeschichten und Satire über ihn las und ich einfach keinen Bock hatte, davon noch mehr zu produzieren. Vielleicht habe ich gehofft, dass er, wenn ihn nur genug Menschen ignorieren, wieder in den Untiefen des Amerikanischen Reality-TV verschwindet.

Dann kam die Wahl. Dass meine Hoffnung naiv gewesen war, wunderte mich zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr, aber ich fühlte mich nicht berechtigt, mich im Internet auf welche Weise auch immer über den Präsidenten Trump aufzuregen, nachdem ich den Kandidaten Trump absichtlich ignoriert hatte. Einmal in diesem Denkmuster verheddert, ist es unglaublich schwer, wieder daraus auszusteigen. Tag für Tag strömten Nachrichten über die immer desolatere politische Lage in den USA auf mich ein, und wenn ich vielleicht nicht nicht darüber schreiben konnte, so bildete ich mir zumindest ein, nicht darüber schreiben zu können. Was momentan in der Welt passiert, sind keine „normalen“ GroKo-Querelen – ich will nicht so tun, als hätte die deutsche Austeritäts-Politik der letzten Jahre nicht auch viel Schaden angerichtet – sondern leider eine Krise nach der anderen. Wir leben wieder in einer Welt, in der offener Hass auf andere wieder salonfähig ist, in der Staaten ohne Verluste wie Konzerne gelenkt werden und in der Populisten und religiösen Fanatikern mehr vertraut wird als den Ergebnissen der etablierten Wissenschaften. Daran, in so einer Welt über so eine Welt zu schreiben, muss man sich gewöhnen. Das ist, ganz einfach, nicht einfach.

Über das Schreiben im Zeitalter Trumps hat der geniale amerikanische Science-Fiction-Autor John Scalzi hier einen sehr guten Text verfasst. Wie Scalzi spüre ich die plötzliche Schwere nicht nur im politischen, sondern auch im literarischen Schreiben. Etwa zeitgleich mit dem letzten Blogeintrag habe ich fast aufgehört, Kurzgeschichten zu schreiben, ich lasse nur eine Wettbewerbs-Deadline nach der anderen verstreichen und zweifle mit fast schon pathologischer Routine an meinem Schreiben an sich, an meinem Talent, meiner Kreativität, der Legitimität meiner Stimme, man nenne es, wie man will. Was das Schreiben von Satire angeht, kann ich hier nur die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling zitieren, die mich weiterhin sehr zum Lachen bringen: „Ich dachte: Ich bin überflüssig, denn es ist schlicht unmöglich, die Wirklichkeit noch satirisch zuzuspitzen. Ich gebe auf“. Das Einfache am Schreiben ist mir irgendwie abhandengekommen.

Anders als Scalzi lebe ich nicht in Amerika, und darüber bin ich Tag für Tag froh. Aber es dauerte nicht lange, bis die Horror-Storys zu mir nach Hause kamen. Ich habe nicht über die Bundestagswahl geschrieben, weil es einfach war, es nicht zu tun, aber auch, weil mir mittlerweile das Zweifeln sehr einfach geworden war. Ich bezweifle, dass ich mit meinem Blog irgendetwas erreichen kann. Diejenigen, die ihn lesen und links wählen, brauchen ihn nicht, um links zu wählen, und diejenigen, die ihn lesen und rechts wählen, hat er ja offensichtlich nicht davon abgehalten, rechts zu wählen. Ich kenne Rechte, die lesen meinen Blog ironisch. Ich kenne Rechte, die schicken mir ironisch-nette Gewaltdrohungen. Ich habe mein Impressum vom Netz genommen.

Nach der Bundestagswahl habe ich mich feige gefühlt. Ich war wählen. Ich war demonstrieren. Ich habe mich um Naziplakate gekümmert. Ich habe Angst, die Situation auf meine Art ein kleines bisschen schlimmer gemacht zu haben. Denn ich habe während des Wahlkampfes mit keinem einzigen besorgten Bürger geredet, der Gefahr lief, AfD zu wählen, sich aber doch nicht ganz sicher war. Ich habe mich, wie viele Linke, lieber online wie offline in meiner Filterblase bewegt und mit denjenigen diskutiert, deren Meinung nicht allzu weit von meiner entfernt ist. Weil das einfach ist.

Mit Gefühlen von Zweifeln und Feigheit schreibt es sich nicht gut. ich erinnere mich, wie sehr ich mich über die Öffnung der Ehe für Homosexuelle in Irland gefreut habe, es ist bis heute vermutlich der Blogbeitrag, auf den ich stilistisch am stolzesten bin. Über die Ehe für Alle in Deutschland habe ich mich umso mehr gefreut, weil sie für Menschen geschaffen ist, die ich kenne und mit denen ich mich freuen konnte. Darüber schreiben konnte ich nicht. Nachdem ich zu so viel Negativem geschwiegen hatte, kam es mir falsch vor, einen euphorischen Text dazu zu schreiben.

Ich bin vor fast zwei Monaten nach Tschechien gezogen, wo am Wochenende das Parlament gewählt wurde. Der Rechtspopulist und Konzernchef Andrej Babiš, der nicht umsonst als Tschechischer Donald Trump bezeichnet wird, holte mit seiner One-man-Partei ANO mit fast dreißig Prozent die klare Mehrheit. Zusammen mit der konservativen ODS – gegen den Auftritt von deren ehemaligen Vorsitzenden Václav Klaus auf einer AfD-Veranstaltung bin ich diesen August noch auf die Straße gegangen – und der rechtsextremen SPD (kein Witz), die über zehn Prozent erreicht hat, kann er regieren. (Nehmt diese Koalitions-Idee nicht beim Wort, tschechische Politik ist unberechenbar und ich besitze darüber höchstens gefährliches Halbwissen.) In Österreich wird es wohl keine Koalition ohne die rechtsextreme FPÖ geben. Polen schränkt die Pressefreiheit ein. Großbritannien verlässt die EU, und das Land verkauft sein Bildungswesen an Unternehmen. Ganz Europa dreht am Rad.

Was soll ich sagen? Ich kann das Rad nicht anhalten. Ich muss, so wie wir alle, wohl lernen, mich mitzudrehen, ohne die ganze Zeit zu kotzen. Ich habe wieder begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben. Dass sie alle gut sind, bezweifle ich. Aber das kann ich ignorieren. Ich hatte trotz allem ein sehr gutes Jahr.

Ich weiß nicht, in welcher Form dieser Blog in Zukunft existieren wird – das kommt ganz auf die Zukunft an. Angst habe ich schon vor ihr. Frustriert bin ich auch. Fatalistisch will ich nicht sein. Wie auch immer es wird, dieser Beitrag ist hoffentlich ein Anfang. Und wie auch immer es wird, bloggen wird nicht reichen. Ich arbeite zurzeit für ein Jahr in einer Holocaust-Gedenkstätte. Bernd Höcke will eine 180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungspolitik? Dazu muss er erst an mir vorbei.

Dinge zu ignorieren, ist immer einfach. Aber das ist kein Grund, die Zukunft sich selbst zu überlassen. Und vielleicht schreibe ich auch bald wieder Satire.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das echt gut getan hat.

 

Warum ich so selten schreibe

Veröffentlicht: 21. März 2017 in Allgemein
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Lineare Algebra. Morgen Nachmittag bin ich sie los. Bildquelle

Ich würde ja mehr schreiben. Ich würde mehr schreiben, wenn ich mehr Zeit hätte, aber viel mehr Zeit, nicht einfach bloß mehr Zeit, denn wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mehr Sport machen, das habe ich mir versprochen. Eigentlich bräuchte ich sogar sehr viel mehr Zeit, denn wenn ich viel mehr Zeit hätte, würde ich Walisisch lernen, und vielleicht Gitarre, und Mathe sowieso. Aber wenn ich sehr viel mehr Zeit hätte, würde ich auch mehr schreiben. Viel mehr.

Nach dem Abi schreibe ich dann mehr. Ich schreibe Abi, und dann schreibe ich einen Roman. Das heißt, ich schreibe Abi, dann bereite ich mich auf die mündlichen Prüfungen vor, dann habe ich mündliche Prüfungen, und dann schreibe ich einen Roman. Wenn ich Walisisch gelernt habe. Ich mache Abi, dann reise ich eine Weile durch Wales, lerne dort vielleicht Gitarre und mache mehr Sport, und dann schreibe ich einen Roman. Auf Walisisch. Wenn ich Walisisch gelernt habe. Nach dem Abi. Das ich schreibe, wenn ich Mathe gelernt habe.

Dann schreibe ich einen Bestseller, werde reich und berühmt, und dann schreibe ich alles, was ich will. Das heißt, zuerst schreibe ich mich an der Uni ein, dann schreibe ich ganz viele Klausuren und Hausarbeiten, aber bestimmt habe ich Zeit, nebenbei noch einen Bestseller zu schreiben, wo ich ja wenigstens nicht mehr Mathe lernen muss und Gitarre schon in Wales gelernt habe. Und ich mache mehr Sport, denn wenn ich die ganze Zeit schreibe, muss ich mich ja auch ab und zu bewegen.

Natürlich könnte ich jetzt schon mehr Sport machen. Ich müsste mir die Zeit bloß nehmen, ich dürfte weniger in der Luft herumgucken und weniger Ratgeber lesen. Ich besitze zwei. Wie man einen Bestseller schreibt, und Zeitmanagement für Dummies. Und noch einen dritten, der verrät, wie man bedingungslos glücklich wird. Der ist aber auf Walisisch.

Wenn ich nicht langsam anfange, Mathe zu lernen, kann ich mir das mit dem Abi sowieso abschminken. Vielleiht schreibe ich aber vorher einen Bestseller, dann brauche ich es ja gar nicht mehr. Ich bin bestimmt in der Lage, einen Bestseller zu schreiben, ich schreibe ja nicht schlecht, ich schreibe einfach viel zu wenig, weil ich zu viel in die Luft gucke. Ich würde ja einfach alles aufschreiben, was mir so passiert, und das wäre dann große Popliteratur, die Stimme einer ganzen Generation. Einer Generation, die so beschäftigt ist, dass sie zwar weder Mathe noch Walisisch noch Gitarre spielen kann, aber das wenigstens aus gutem Grund. Einer Generation, die zwar dringend mehr Sport machen müsste, den aber auf jeden Fall auch machen würde, wenn sie die Zeit dazu hätte.

Gelegentlich nehme ich mir etwas Zeit, setze mich hin und fange damit an. Ich sitze vor dem Bildschirm und bin entschlossen, große Popliteratur zu schrieben, oder auch irgendwas anderes, und dann fällt mir doch nichts ein außer motivierenden Sätzen auf Walisisch.

Ich will es tun. Ich kann es tun. Ich werde es tun.

Und dann tue ich es fast, ich schreibe irgendwas auf, ich fange was an, und dann denke ich, … Ich muss da gut drüber nachdenken. Also denke ich drüber nach, und in meinem Kopf wird diese Stimme laut. Musst du das unbedingt jetzt machen? Solltest du nicht doch lieber Sport machen? Du hast versprochen, wenn du Zeit hast, machst du Sport. Und dann ist da noch diese andere Stimme. Noch 164 Tage bis zum Mathe-Abitur, noch 164 Tage bis zum Mathe-Abitur… Und dann schimpfen die beiden Stimmen miteinander, und ich schimpfe mit beiden, Fuck this, ich will einen Bestseller schreiben, keinen Marathon laufen und nicht Medizin studieren! Und am Ende geben sowieso beide auf, weil keine stärker ist, und die eine Stimme fragt die andere, … Kommst du mit in den Pub? Die andere sagt nichts, weil sie nicht Walisisch kann, aber es ist klar, für heute haben die beide aufgegeben.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Zufälligerweise spielt sie in einem Pub, in dem ich mal war, einem Pub in einem kleinen Dorf in Schottland. Dort saß ich also mit ein paar schottischen Bekannten, wir schauten Rugby und aßen Chips, und plötzlich nahm der eine ein Stück Kohle aus dem Kohlenkasten, hielt es uns hin und fragte, „Ist das Steve?“ Und ein anderer betrachtete es und sagte, „Nein, ich glaube, es ist Pete.“ Ich war angemessen verdutzt von dem Prozedere, woraufhin sie mir erklärten, dass in Schottland die Toten zu Kohlenstücken gepresst und in ihrem Lieblingspub im Kamin verbrannt werden. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass das stimmt. Aber es ist eine gute Geschichte. Definitiv besser als „Einmal saß ich allein an meinem Schreibtisch und schreib vor mich hin, als auf einmal meine Schreibtischlampe ausflackerte und ich im Dunkeln saß… also habe ich eine neue Birne reingedreht.“

Denn worüber willst du schreiben, wenn du nur schreibst? Wenn du nie im Pub sitzt, im Wald wandern gehst, Dekadente Hauspartys mitmachst und nachts um halb eins Shortbread backst? Wovon willst du erzählen, wenn du den ganzen Tag im Kreis joggst und lineare Algebra machst? Wie viele Bestseller über lineare Algebra gibt es?

Vielleicht verschwende ich meine Zeit also gar nicht. Ich sammle Material für meinen Bestseller. Und überhaupt, Bestseller oder kein Bestseller, ich werde auch bedingungslos glücklich, ohne Walisisch zu lernen. Gitarre kann ich auch dann noch lernen. Gebt mir nur ein bisschen sehr viel mehr Zeit.

 

 

Liebe Leute,

es war eine lange Zeit ohne meinen Blog. Hier bin ich wieder. Nächsten Dienstag bin ich mit den schriftlichen Abiturprüfungen fertig, und danach gibt es von mir wieder mehr zu lesen. Dieser Text entstand letzten Herbst für einen Poetry Slam. Ich freue mich darauf, auch wieder für Risiken und Nebenwirkungen gedachte Texte zu schreiben.

Bis bald

Kim

Bitte erklär mir mal wer, wie man weniger als 24/356 Mutter sein kann. Bildquelle

Bitte erklär mir mal wer, wie man weniger als 24/356 Mutter sein kann. Bildquelle

Ein Begriff, über den ich im Zusammenhang mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wieder stolpere, ist „Vollzeitmütter“.  Vollzeitmütter – altmodisch oder unterschätzt? Vollzeitmütter – altmodisch oder einfach nur gut für’s [sic!] Kind? Vollzeitmütter in Erklärungsnot. Selbstbewusste Vollzeitmütter – Der Wunschtraum aller Kleinkinder. 5 Dinge, die man zu einer Vollzeitmutter nicht sagen sollte. Das Internet kennt sich aus mit Vollzeitmüttern. Nach ein paar Klicks weiß auch ich, was gemeint ist. Vollzeitmütter sind Frauen mit Kindern, die keinem Beruf nachgehen, um sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern.

Ah, also Mutter und Hausfrau.

Genau.

Warum sagt man dann Vollzeitmutter?

Na ja… sie sind Mutter… die ganze Zeit.

Spannend. Gibt es auch Teilzeitmütter? Google kennt auch diesen Begriff. Teilzeitmütter sind Frauen mit Kindern, die Teilzeit arbeiten.

Ach, und man sagt Teilzeit, weil sie Teilzeit arbeiten!

Genau.

Moment… Teilzeitmutter kommt von Teilzeit arbeiten…

Genau.

…und Vollzeitmutter kommt von Vollzeit zuhause…Moment, das ist ja total unlogisch.

Ist es nicht. Vollzeitmutter kommt von Vollzeit zuhause bleiben, Teilzeitmutter von Teilzeit zuhause bleiben.

Okay. Verstehe. Aber was hat das Ganze mit Mutter sein zu tun?

Ich finde, das jeder Mensch, ob Frau oder Mann, selbst entscheiden sollte, ob sie oder er nach der Geburt ihrer oder seiner Kinder weiterarbeiten möchte, wann, und ob Teilzeit oder Vollzeit. Was mich an all den Debatten über Vollzeitmütter stört, ist also nicht die Tatsache, dass es Frauen gibt, die, sobald sie Kinder haben, darauf verzichten, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Was mich stört, ist der Begriff Vollzeitmutter an sich. Denn er legt nahe, dass eine Frau nur dann Vollzeit Mutter ist, wenn sie  nicht arbeitet, dass sie nicht gleichzeitig arbeiten und Mutter sein kann, und das arbeitende Frauen nur nach Feierabend Mutter sind.

Was sagt das über unser Verständnis von Familie aus? Und was über unser Verständnis von Frauen und Müttern? Ist eine Frau keine Mutter, während sie arbeitet?

Ich bin in einem arbeitenden Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter ist in Teilzeit beschäftigt und gleichzeitig selbstständig. Als ich klein war, studierte sie und jobbte zeitweise nebenbei, zusätzlich macht sie Kommunalpolitik. Mein Vater hat eine Dreiviertelstelle und leitet außerdem mehrere Theatergruppen. Ich war in der Krippe, in der Kita und im Hort, auch in der Ferienbetreuung, ich habe in der Schule gegessen, und Abende und Wochenenden, an denen meine Eltern arbeiteten oder Tagungen und Fortbildungen hatten, was nicht oft, aber regelmäßig vorkam, verbrachte ich bei Freunden oder meinen Großeltern. Meine Eltern waren auch zuhause oft mit Arbeiten beschäftigt.

Nichts daran ändert, dass sie beide meine Vollzeiteltern sind. Wenn sie morgens zur Arbeit fahren, hören sie nicht einfach auf, meine Eltern zu sein. Ich habe noch nie mit Bauchschmerzen, einem verpassten Zug oder Aufrege-Bedarf, einem gewonnenen Wettbewerb oder der Bitte, mir Erdbeeren mitzubringen, meine Mutter oder meinen Vater auf der Arbeit angerufen und mir anhören müssen, „Sorry Kim, ich bin erst ab siebzehn Uhr wieder deine Mutter“ oder „Ihr Vater ist erst ab dem 22. Juli wieder ihr Vater, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton.“

Wer also Begriffe wie Vollzeitmutter und Vollzeitvater für Eltern vorbehält, die nicht arbeiten gehen, ignoriert die vielen Frauen und Männer, die die Verantwortung für ihre Kinder nicht vergessen, sobald sie eine Aktentasche oder einen Hammer on die Hand nehmen. Wer das vergisst, trägt nicht zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei. Alle Eltern sind Vollzeiteltern, und das hat mit arbeiten gar nichts zu tun.

Im Übrigen bin ich nicht der Meinung, dass Jugendherbergen nur für Jugendliche da sind.

Friendly Neighbourhood Neonazis

Veröffentlicht: 12. Mai 2016 in Allgemein, Echt jetzt?
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Sei nicht so unfair. Du weißt ja gar nicht, ob er die Positionen der AfD wirklich vertritt.

Sie sind vielleicht Nazis, aber sie können ja trotzdem gute Menschen sein.

Ich finde nicht, dass man Menschen aufgrund ihrer politischen Einstellung beurteilen kann.

Also, zu mir sind sie immer total nett.

Du weißt doch nicht, ob er überhaupt rechts ist.

Die machen ja nichts.

Alles Sätze, die ich so oder so ähnlich von Freund*innen und Bekannten gehört habe, nachdem ich äußerte, wie sie mit rechts denkenden Menschen – in einem Fall „nur“ einem AfD-Mitglied, im anderen einer Gruppe Neonazis – befreundet seien können, sei mir schleierhaft. Und es ist mir schleierhaft. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man die Tatsache, dass eine Person, mit der man befreundet ist, offenbar menschenverachtendes Gedankengut und Handlungspotential mit sich herumträgt, einfach ignorieren kann.

Gut, wenn meine Freund*innen und Bekannten jetzt kämen und über das AfD-Mitglied sagten, Ich kann das aber ignorieren. Ganz einfach. ich weiß, dass mein Kumpel Soundso homophob und sexistisch ist, etwas gegen Flüchtlinge hat, den menschgemachten Klimawandel leugnet und sich in ein Europa der Vaterländer zurücksehnt, aber wir haben einen ähnlichen Humor und mögen beide Modelleisenbahnen, also stört mich das nicht. Das würde mich zwar schockieren, wäre aber wenigstens ehrlich. Genauso könnte man über den Nazi sagen, Ich weiß, dass er Asylunterkünfte abfackelt und Kopftuchträgerinnen zusammentritt, aber weil wir Freunde sind, ist mir das egal. Das würde mich ehrlich gesagt noch mehr schockieren, und ich wer auch immer so ehrlich zu mir wäre, hätte sofort eine Freundin weniger, aber ich kenne niemanden, der so redet.

Stattdessen waschen die netten Menschen, die mit augenscheinlich weniger netten Menschen befreundet sind, ihre Hände in Unwissen.

Vielleicht vertritt er die Positionen der AfD ja gar nicht. Nun, wenn er sie nicht vertreten würde, wäre er dann in die AfD eingetreten? Wer die Positionen einer Partei nämlich nicht zumindest in ihren Grundzügen unterstützt, ist nicht gezwungen, ihr beizutreten, und wer sie nicht kennt, der soll es gleich lassen. Wir haben alle Zugang zu verschiedenen Informationsquellen, und wir können alle lesen. Niemand wir versehentlich AfD-Mitglied, beim Schlafwandeln oder so. Gut, manche Menschen sind einfach etwas zerstreut. Ich selbst bin auch so. Heute beim Mittagessen hatte ich zum Beispiel vor, mir keinen Salat zu nehmen, ich ging also an der Salattheke vorbei zur Essensausgabe, unterhielt mich mit einer Mitschülerin, dachte an nichts Böses, schaute auf mein Tablett und stellte fest, dass ich mir unbewusst Salat genommen hatte. Passiert. Aber ist es möglich, auf dieselbe Art in die AfD einzutreten? Ich denke nicht.

Sie sind vielleicht Nazis, aber sie machen ja nichts. Ach nein? Und wer sind dann die Leute, die auf den Nazi-Demos „Nationaler Sozialismus!“ schreien? Ja, aber sie machen ja nichts. Und wer zündet dann nachts Asylunterkünfte an? Du? Ich? Aliens? Sicherlich nicht your friendly neighbourhoor Neonazis.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die sind immer so nett zu mir. Na klar. Hast du schon mal darüber nachgedacht, ob sie genau so nett zu dir wären, wenn deine Familie muslimisch, jüdisch oder eingewandert wäre? Ist dir nur wichtig, wie die Leute mit dir umgehen, und gar nicht, ob sie auch den Rest der Welt respektieren? Na dann, herzlichen Glückwunsch zum Verleih der Heile Welt-Egoismus-Medaille. Du hast sie dir verdient.

Choose your friends wisely. Association is perception. Perception is reality.

Hier noch ein pseudo-intellektuelles Zitat zum Thema Freundschaft. Bildquelle

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es wirklich witzig ist, dass im Wort Bildungsfernsehen das Wort bildungsfern steckt.

Ich wünschte, ich wäre rechts

Veröffentlicht: 15. März 2016 in Allgemein
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Es ist einfach, immer nur nach rechts zu laufen. Bildquelle

Es ist einfach, immer nur nach rechts zu laufen.
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Rechte Menschen leben in einer schönen Welt.

Die Welt, in der rechte Menschen leben, ist nämlich total links.

Rechte Menschen treffen ständig linke Menschen. Für rechte Menschen sind fast alle anderen Menschen links. Deutschland ist bevölkert mit Gutmenschen, die alles unterwandern. Rechte Menschen gehen auf linke Schulen. Unis sind rechten Menschen auch zu links.

Wenn rechte Menschen sich mal anständig informieren wollen, müssen sie leider feststellen, dass die Mainstream-Medien alle total links sind. Rechte Menschen lesen die FAZ und kriegen Schreikrämpfe, so links, wie die ist. Sie müssen stattdessen in der Jungen Freiheit lesen, wie fürchterlich Deutschland nach links gerutscht ist.

Rechte Menschen können nicht bei facebook herumhängen und nicht twittern, weil die Amerikanischen Massenmedien in der Welt der rechten Menschen total links sind.

Rechte Menschen brauchen keinen Feminismus, weil die Gleichberechtigung in der Welt der rechten Menschen längst erreicht ist und Frauen nicht sich also gar nicht mehr beschweren müssen. Traditionelle Geschlechterrollen haben sich aufgelöst. In der Welt der rechten Menschen sind Schwangerschaftsabbrüche viel zu einfach.

Rechte Menschen leben in einem Staat, in dem die Kirche an Macht verliert und Homosexualität in Schulen als etwas Normales gelehrt wird.

Für den „angeblichen“ Klimawandel sind wir in der Welt vieler rechter Menschen auch nicht verantwortlich. Wir Menschen sind unschuldig. Vielleicht gibt es ihn auch gar nicht.

Wie schön das sein muss. Ich will auch rechts sein.

Aber wenn doch bloß alles so einfach wäre…

Die Welt, in der rechte Menschen leben, ist von einem ständigen Gefühl des „wir gegen die“ geprägt, von Angst vor „Fremden“, Angst vor Veränderung, Angst vor Offenheit, vor Unkonventionalität. Ich will nicht in einer Welt leben, in der wir allen, die anders sind als wir, mit Misstrauen und Hass begegnen. Ich will nicht die ganze Zeit meine Festung vor Drachen verteidigen, die nicht da sind.

Laut einer Statistik aus der Jungen Freiheit sympathisiert also jeder fünfte Muslim in Deutschland mit Islamisten? Scheiße.

Und laut einer sehr, sehr wirkungsvollen und ziemlich seriösen Statistik vom 13. März sympathisiert knapp jeder vierte Wähler in Sachsen-Anhalt mit der AfD. Auch scheiße.

Wie reagieren wir also darauf, dass manche Menschen Scheiße denken, glauben und bauen? Na, ab besten, wir werden selbst scheiße. Wir lesen Junge Freiheit und wählen AfD. Denken zumindest rechte Menschen. Ganz einfach. Kann jeder. Denken braucht man dazu übrigens auch nicht – steht ja alles in der Jungen Freiheit.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass ich den Joghurt im Kühlschrank mitgebracht habe, aber ich bin mir nicht mehr sicher. Wisst ihr was, Mädels? Esst ihn einfach. Aber lasst mir was übrig. Teilen ist schön.

PS: Meine Zimmerpartnerin sagt, ich solle den Text noch länger machen, aber dazu müsste ich leider noch länger Junge Freiheit lesen.

Quelle der Ideen rechter Menschen: Junge Freiheit Online

Schiebt mich doch ab!

Veröffentlicht: 2. Februar 2016 in Allgemein, Hallo Welt!
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Guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gestatten Sie, dass ich mich kurz vorstelle. Mein Name ist Kim S und in meiner Freizeit liege ich gern dem Staat auf der Tasche. Mit ein wenig Stolz kann ich sagen, dass ich ausgesprochen gut darin bin.

Ich bin seit sechzehn, bald siebzehn Jahren in Deutschland. Seit ich hier bin, habe ich noch keinen Tag gearbeitet oder Steuern gezahlt. Stattdessen beziehe ich regelmäßig Sozialleistungen. Meine Eltern erhalten beispielsweise jeden Monat Kindergeld für mich. Die Tatsache meiner Existenz hat die beiden zudem jahrelang daran gehindert, Vollzeit zu arbeiten und angemessen zum Wirtschaftswachstum beizutragen. In den letzten Jahren war ich zudem mehrfach krank, jedes Mal zumindest zum Teil auf Kosten des Staates. Man muss dazusagen, dass mein Aufenthalt in Deutschland sogar mit einem ausgedehnten Krankenhausaufenthalt für mich und meine Mutter begann. Ich erhalte regelmäßig haus- sowie zahnärztliche Routineuntersuchungen, für die jeweils meine gesetzliche Krankenversicherung aufkommt. Sogar einen Teil meiner langwierigen kieferorthopädischen Behandlung übernahm diese.

Dazu kommt all das Geld, das der Staat Jahr für Jahr in meine Bildung steckt. Ich gehe seit über zehn Jahren auf Staatskosten zur Schule. Ich sitze im Mathe-, Bio- und PoWi-Leistungskurs. Ich könnte Ingenieurin, Krebsforscherin oder Hedgefonds-Managerin werden und dem Staat was Gutes tun und dabei ordentlich Steuern zahlen. Will ich aber nicht. Ich werde lieber was Nutzloses mit Geisteswissenschaften. Zurzeit besuche ich eine für mein Bundesland äußerst kostspielige staatliche Schule, inklusive teurer Gimmicks wie einem vierwöchigen Auslandsaufenthalt, einer jährlichen Klassenfahrt und einem unverschämt großen neuen Fernseher im Fernsehraum, der vermutlich so viel gekostet hat wie das Auto meiner Mutter und die neue Matratze meines Vaters kombiniert. Und das alles von Ihren Steuergeldern, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Sonderlich integrationswillig bin ich im Übrigen auch nicht. Bis ich fließend Deutsch sprach, dauerte es mehrere Jahre. Ich habe, obwohl ich seit sechzehn Jahren hier bin, nie einen Deutschkurs besucht. Ich bin keine Christin, verweigere mich seit der Mittelstufe dem schulischen Religionsunterricht, und esse kein Schweinefleisch und kein Sauerkraut. Anstatt angemessen deutsches Kulturgut wie Helene Fischer zu fördern, importiere ich lieber – häufig mit politsicher Ideologie bepackte – Musik aus der Anglosphäre.

Einen deutschen Pass habe ich dennoch sofort bekommen. Es geht doch nichts über die richtigen Eltern. Die Regierung, die all das für mich ermöglicht, ziehe ich dabei in meinem pathetischen kleinen Blog durch den Kakao.

Wann ich etwas zurückgebe? Das weiß ich noch nicht. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich überhaupt etwas zurückgeben werde. Vielleicht wandere ich stattdessen aus. Ich genieße das Recht auf freie Wahl meines Wohnraumes innerhalb der EU. Dublin III gilt für mich nicht. Ich könnte nach dem Abitur Tschüss sagen und nach Schottland ziehen. Dann wäre ich weg mit Ihrem Steuergeld, und Sie könnten nichts dagegen machen! Aber wenigstens liegen meine Kinder dann nicht Deutschland auf der Tasche.

Mit freundlichen Grüßen,

Kim S

"Zu viele" Flüchtlinge? Wem die Überbevölkerung in Deutschland zu kritsiche wird, der soll leine Kinder kriegen. Quele des Originalplakats

„Zu viele“ Flüchtlinge? Wem die Überbevölkerung in Deutschland zu kritsich wird, der soll keine Kinder kriegen.
Quele des Originalplakats

 

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Staat lieber an der Parteienfinanzierung für die AfD sparen sollte als an Geldern für die Flüchtlingshilfe.

Hallo Simon Wächter

Veröffentlicht: 20. Dezember 2015 in Echt jetzt?, Hallo Welt!
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Wonder_Woman

Sexismus am Arbeitsplatz. (Quelle)

Sehr geehrter Herr Simon Wächter,

mit Interesse habe ich Ihren Artikel „So kleiden Sie sich richtig – Dresscode im Vorstellungsgespräch“ im Campusmagazin der European Management School gelesen. Das Magazin liegt an meiner gymnasialen Oberstufe am schwarzen Brett aus und soll den Schülerinnen und Schülern beim Einstieg in die Studien- und Berufswelt helfen. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Artikel für mich und die Hälfte meiner Schule und der Weltbevölkerung weniger als hilfreich war.

Was Sie unter „Tipps für Männer“ meinen männlichen Klassenkameraden zu sagen haben, wird diesen sicherlich weiterhelfen.

Der Klassiker für Männer ist die Kombination aus Lederschuhen, dunklem Anzug, Hemd und Krawatte. In konservativen Branchen ist dieser Kleidungsstil unverzichtbar. Darf es etwas legerer sein, machen Männer mit Stoffhose, Hemd und eventuell noch einem Jackett auf jeden Fall nichts falsch. In der Kreativbranche, im IT-Bereich oder auch in Start-Ups sind meist sogar dunkle Jeans erlaubt. […]

Die Schuhe müssen zum restlichen Outfit passen. […] Bestenfalls haben die Schuhe dieselbe Farbe wie der Gürtel. Das zeugt von Stil. Auch die Socken müssen passend gewählt werden. […]

So geht es noch ein paar Absätze weiter. Farben, Schnitte, Materialien. Verschiedene Branchen, Seriosität, Stil. Und jetzt sehen wir uns einmal an, was davon Sie in „Tipps für Frauen“ mir mitgeben:

Zu kurze Röcke oder zu knappe Kleidung sind ein absolutes No-Go. Der Rock darf auf keinen Fall kürzer sein als eine Handbreite über den Knien. Frauen, die nicht oft Röcke tragen, sollten am besten schon vorher das elegante Sitzen und den Gang im Rock trainieren. Auch sollten Sie, egal wie heiß es ist, immer eine Strumpfhose tragen.

Werden Hemd oder Bluse zu eng gewählt, zeichnet sich die Körpersilhouette zu stark ab und das kann unseriös wirken. Auch der Ausschnitt sollte nicht zu tief sein. Zu viel Haut ist generell im Vorstellungsgespräch ein Tabu.

Weder die Kleidung noch die Körpersprache dürfen Flirtbereitschaft signalisieren. Vor allem rote Kleidungsstücke sollten Sie vermeiden, da diese auf viele Menschen aufreizend bis aggressiv wirken. […]

Farben? Schnitte? Seriosität? Sehr geehrter Herr Wächter, merken Sie, was Sie getan haben? Meinen Mitschülern haben Sie beigebracht, welcher Gürtel zu welchen Schuhen passt. Meinen Mitschülerinnen und mir versuchen Sie beizubringen, wie wir uns zu kleiden und zu verhalten haben, wenn wir nicht als Sexobjekte gesehen werden wollen. Das Problem daran? Nun, ich möchte auch nicht als Sexobjekt gesehen werden. Das Problem daran ist, dass Sie in erster Linie mich dafür verantwortlich machen, wenn das passiert.

Wenn ich, in Ihren Worten, auf mein Gegenüber unseriös, aufreizend oder aggressiv wirke, liegt das nicht an ihm, sondern an mir, daran, wie ich mich kleide oder auftrete. Sie stellen es hin, als habe ich eine Bringschuld. Ich muss dafür sorgen, dass mich niemand aufreizend findet. Denn wenn Männer im Business ihre Verhandlungspartnerinnen als Sexobjekte, als aufreizend und unseriös ansehen, dann sind die Verhandlungspartnerinnen schuld. Die Männer können ja nichts dafür. Was kann der arme Chef dafür, der seine weiblichen Angestellten schlechter bezahlt, wenn sie sich ihm als unseriöse Sexobjekte präsentieren?

Denn Frauen, so klingt es in Ihrem Artikel, wirken viel zu schnell unseriös. Ich bin unseriös. Meine Haut ist unseriös. Mein Ausschnitt ist unseriös. Meine „Körpersilhouette“ ist unseriös. Denn ich bin eine Frau. Ich habe Brüste und eine Taille und einen Hintern, und das ist unseriös. Mein Körper ist nicht ernst zu nehmen. Mein Körper ist selbst schuld, wenn mein Gegenüber im Vorstellungsgespräch sich daran aufgeilt. Ich bin schuld.

Bin ich schuld, wenn ich nicht eingestellt werde, weil ich eine Frau bin? Bin ich schuld an der Gender-Pay-Gap, und daran, dass es in der Medizin mehr Männer mit Schnurrbart als Frauen insgesamt gibt? Sind meine Brüste schuld? Mein Hintern? Bin ich schuld, wenn sich mein Lehrer keine Mädchennamen merken kann, und bin ich schuld, wenn mir mein Kollege am Kopierer an den Arsch fasst?

Und wie kommen Sie darauf, dass ich das Sitzen im Rock trainieren muss, wenn Sie wenige Absätze vorher noch betonen, dass der Wohlfühlfaktor bei der Kleidung natürlich eine Rolle spielt? Wenn ich mich im Rock unwohl fühle, trage ich eine Hose. Ganz einfach.

Am schockiertesten war ich jedoch, als Sie meinten, weder Kleidung noch Körpersprache dürfen Flirtbereitschaft signalisieren. Mal ganz davon abgesehen, dass Bemerkungen über die Körpersprachen nichts mit Kleidung zu tun haben und in diesem Artikel eigentlich fehl am Platz sind, hat mich erstaunt und verletzt, dass sich dieser Hinweis nur an Frauen richtet. Frauen sollen in Vorstellungsgesprächen nicht flirten, um von ihren männlichen Interviewern ernstgenommen zu werden.

Was, frage ich Sie, ist mit Männern? Sind Sie tatsächlich der Meinung, dass Frauen versuchen werden, sich „hochzuflirten“ und Männer nicht? Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ich als Frau meine unseriöse Körpersilhouette dazu einsetzen werde, Jobs zu ergattern. Warum sollte ich das tun? Glauben Sie, mir gefällt es, wenn mein Interviewer zuerst auf meine Brüste und dann auf meinen Lebenslauf schaut? Glauben Sie, ich könnte nicht anders? Glauben Sie, mein Lebenslauf reicht nicht? Glauben Sie mir – wenn Arbeitgeber nur auf den Lebenslauf und nicht auf das Geschlecht ihrer Bewerber*innen schauen würden, hätten es Frauen im Business sehr viel einfacher.

Vermutlich gehen Sie davon aus, dass Ihr nett gemeinter Tipp bei Frauen mehr bringt. Denn in dem Vorstellungsgespräch, das Sie sich vorstellen, sitzt der_dem Bewerber*in als potentieller Chef ein heterosexueller Mann gegenüber. Dass es bereits Frauen (und nicht-heterosexuelle Männer) in Führungspositionen gibt, scheinen Sie vergessen zu haben. Dass besagte Menschen in Führungspositionen vielleicht Schwierigkeiten haben, sich bei einem attraktiven Mann in einem gut sitzenden Anzug nur auf den Lebenslauf zu konzentrieren, fällt Ihnen gar nicht erst ein. So sehr Sie mir als Frau den Job vielleicht wünschen, in Ihrer Vorstellung bleibt mein Chef immer ein heterosexueller Mann. Ich werde niemals Chefin sein.

Sehr geehrter Herr Wächter, ich bitte Sie nachdrücklich, sich über Ihre Ansichten zu Frauen im Business einmal ernsthaft Gedanken zu machen. Vielleicht konnte ich Ihnen ja helfen, Ihren eigenen unbemerkten Sexismus zu erkennen und in Zukunft besser nachzudenken, bevor Sie Aufforderungen an Frauen veröffentlichen. Mich würde es freuen, wenn Sie in der nächsten Ausgabe von EMS NEWS korrigierend Stellung zu Ihrem Artikel bezögen. Gerne würde ich auch einen konstruktiven Artikel über Sexismus am Arbeitsplatz lesen, der auch Männer dazu aufruft, ihr Verhalten zu ändern.

Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest,

Kim S

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass gute Vorsätze am besten bis Dezember halten, wenn man sie im November macht.

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Remembrance Day

Veröffentlicht: 11. November 2015 in Krieg & Frieden, Unterwegs
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Hallo erstmal. Mich gibt es noch. Ihr könnt die „Haben Sie diese Bloggerin gesehen“-Schilder wieder abhängen, ich bin wohlauf und außerdem in Glasgow, wo ich Im Zuge eines Praktikums an der University of Glasgow Fische und Stechinsekten zähle, Erstsemestervorlesungen besuche und mich durch die vielen Buchläden im West End hipstere.

Je nachdem, wo man als erstes hinblickt, sieht Schottland auf den ersten Blick exakt aus wie England oder vollkommen anders. Mir fielen sofort die typischen Schornsteine auf, mit deren Hilfe ich auch bei völligem Orientierungsverlust feststellen könnte, dass ich mich irgendwo auf den britischen Inseln befinde. Die Geschäfte sind überwiegend die gleichen wie in England (oder in Wales). Das Essen ist ähnlich.

Andererseits ist es eben nicht England, es ist Schottland. Blau-weiße Flaggen sind überall – an den Gebäuden, auf den Milchtüten, und ein Jahr nach dem Referendum um die Unabhängigkeit trotzdem noch auf den Straßen, vor allem im sehr jungen West End von Glasgow. Das Geld sieht anders aus. Die Leute reden anders – viele verständlich mit rollendem r und langen Vokalen, andere so verschludert Hardcore-Glaswegian, dass es praktisch unmöglich ist, sie zu verstehen. (Ich meine euch, Taxifahrer an der Queen Street Station!) Die meisten sagen tatsächlich „wee“ statt „little“, was ich bisher für eine Legende gehalten hatte.

Was jedoch um diese Jahreszeit sowohl in Schottland aus auch in England und dem Rest des Vereinigten Königreichs zu beobachten ist, sind die stilisierten roten Mohnblüten, die gefühlt jede*r zweite auf der Straße – und fast jede*r in den Nachrichten – am Revers trägt. Sie bilden den Auftakt zum heutigen Rememberance Day und sollen an im Krieg getötete britische Soldaten erinnern. Verkauft werden sie überall – der Erlös geht an die Royal British Legion, eine Streitkräfte- und Veteranenversorgungsorganisation. Die Resonanz in der Bevölkerung – ob Unionistisch oder Pro-Independence – ist enorm. Letztes Jahr wurde sogar der Graben des Tower of London mit Keramikmohnblumen bestückt. Sie sind wirklich überall. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, muss ich schlucken.

Die roten Mohnblumen sollen an Kriege erinnern. Und wir sollen uns erinnern. Wir müssen uns an Kriege erinnern, weil die Alternative wäre, sie zu vergessen, zu verdrängen und zu wiederholen. Aber wir müssen uns mit dem Gedanken an die Kriege erinnern, dass sie eine Scheiß-Idee waren, dass Krieg immer eine Scheiß-Idee ist und wir in Zukunft bitte nicht mehr auf Scheiß-Ideen kommen sollen.

Uns also mit dem Gedanken an Kriege zu erinnern, dass unsere Soldaten, unsere „Kriegshelden“ darin verletzt und getötet wurden (und werden), ist ebenfalls eine Scheiß-Idee. Es glorifiziert die Soldat*innen, glorifiziert das Militär, und glorifiziert damit letztendlich den Krieg. Krieg ist nicht schlimm, sagen die roten Mohnblumen. Wenn unsere Soldat*innen sterben, das ist schlimm! Kein Wort über die Zivilist*innen, die täglich sterben, verletzt werden, ihre Häuser, Arbeit, Familien und Freunde verlieren. Kein Wort über Kriegsflüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder, die sich, anders als unsere Soldat*innen, nie entschieden haben, in Kriegsgebieten zu sein. Sie sind die Mehrheit der Opfer der Kriege im 21. Jahrhundert, die unser Militär kämpft, oder auch nicht, je nach Interesse. Krieg ist erinnerungswürdig, aber nur unsere Seite des Krieges, sagen die roten Mohnblumen. Sie sagen nicht Nie wieder, sie sagen Soldaten sind Helden. Und wenn die Soldat*innen im ersten und zweiten Weltkrieg Helden waren, warum dann nicht die in Afghanistan und dem Irak?

Ich habe in dem Absatz öfters wir gesagt, uns, unser. Ich meine natürlich die Briten. Nicht uns. Wir nicht. Wir waschen unsere Hände in Unschuld. Wir sind nicht die. Wir haben keine obligatorischen roten Mohnblumen, keinen „Poppy Fascism“, wie Moderator Jon Snow das Event nennt. Wir haben die blaue Kornblume, längst nicht so prominent wie der rote Mohn, aber nicht selten, und allgemein akzeptiert. Weil unsere Soldaten ja auch gestorben sind. Unsere Großväter haben auf der anderen Seite gekämpft. Die betrauern ihre Toten, wir betrauern unsere Toten. Deren Großväter gegen unsere Großväter. Jeder für sich. Die sind nicht wir. Wir sind Deutschland. Wir sind blau, die sind rot. Wir sind Kornblumen, die sind Mohn. Wir gegen die.

Jeder Mensch darf trauern. Jeder Mensch darf Flagge zeigen. Aber kein Mensch in keinem Land sollte sich herausnehmen, nur für ein Land zu trauern, und nur für die Soldat*innen. Weil deren Tod falsch war, aber keineswegs falscher als alle anderen Tode. Weil ihre Leben nicht erinnerungswürdiger oder „mehr wert“ waren als alle anderen, die sie und der Krieg ausgelöscht haben. Weil kein Mensch weniger betrauert werden sollte, weil er_sie zur anderen Seite gehörte. Weil jeder einzelne Tod gleich schrecklich und jeder einzelne Tod gleich überflüssig war.

Weil jeder Krieg eine Scheiß-Idee ist.

Deshalb muss ich jedes Mal schlucken, wenn ich eine schottische Person mit einem wunderbaren Akzent und wunderbar liberalen Ansichten und einer verdammten roten Mohnblume treffe. Und deshalb habe ich nichts als Solidarität mit und Achtung vor allen, die heute anstatt einer roten Blume eine weiße tragen, um zu sagen, Nie wieder.

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus?  Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus? Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Walisisch geschrieben aussieht, als hätte jemand wahllos Buchstaben zusammengeschmissen, die beim Scrabble übrig geblieben sind – und viele ls. (Aber es klingt super.)

PS: Hallo Jochen! Falls Sie das lesen– ich habe hier oben ein paar Orte entdeckt, die nicht videoüberwacht sind. Können Sie das mal dem britischen Geheimdienst weitersagen? Ich glaube, die haben Schottland einfach vergessen. Frechheit.

Ich wollte ein Bild zum Thema "Political Correctness" posten, aber alles, was ich fand, war rechte Hetze und White-Pride-Shit. Deshalb stattdessen ein Bild, das das Hubble-Space-Teleskop geschossen hat. Bildquelle

Ich wollte ein Bild zum Thema „Political Correctness“ posten, aber alles, was ich fand, war rechte Hetze und White-Pride-Shit. Deshalb stattdessen ein Bild, das das Hubble-Space-Teleskop geschossen hat.
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Ich werde heute etwas aussprechen, was nicht gern gehört wird. Von wem? Ach, von den ganzen Gutmenschen und Phrasendreschern und Wahrheitsverdrehern da oben. Was weiß ich. Denen muss mal ordentlich wer auf die Füße treten. Was ich jetzt aussprechen werde, denken viele, die trauen sich nur nicht, das Maul aufzusperren.

Deutschland muss anders werden. Sich mehr auf seine Werte zurückbesinnen. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Wir Deutschen müssen wieder politisch korrekt werden. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Spaß beiseite.

Politisch zu sein ist, soweit ich mich erinnere, etwas Gutes. Korrekt war meiner Meinung nach auch immer ein positives Wort. Was, frage ich mich, haben dann ständig alle gegen Politische Korrektheit? Googeln Sie den Begriff mal. Sie werden eine Definition und gefühlt eine Million Parodien, Karikaturen und Hetzreden gegen politische Korrektheit finden.

Wir haben schon immer Negerkuss gesagt. Ich meine das ja gar nicht abwertend, aber. Mit „Wissenschaftler“ sind natürlich auch Frauen gemeint, aber der Einfachheit halber verzichten wir im Weiteren auf. Ihr müsst schon zugeben, dass. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

„Politisch korrekt“ scheint ein grauenhaftes Schimpfwort für alle zu sein, die sich kleinhalten und den Mund verbieten lassen. Wer politisch korrekt ist, könnte man denken, plappert nach, denkt nicht mit und lässt sich von liberal-linksgrün-versifften Sprachnazis diktieren, was er_sie zu sagen und zu denken hat. Politisch korrekte Mitbürger*innen sind die armen Schlucker, die nicht mehr „Zigeunerschnitzel“ sagen dürfen und deshalb natürlich automatisch alle Probleme in Europa weglächeln, weil man ja über Zigeuner nicht reden darf. Oder so ähnlich.

Aber ganz ehrlich?

Politische Korrektheit bedeutet genau das Gegenteil – nämlich, dass wir über unsere Sprach- und Denkmuster nachdenken, bevor wir den Mund aufmachen, nicht, dass wir den Mund gar nicht aufmachen. Politische Korrektheit bedeutet nicht, alles nachzuplappern, sondern über das nachzudenken, was wir nachplappern. Täglich übernehmen wir unbewusst die Sprach- und damit die Denkmuster unserer Umgebung. Wie wir reden, entscheidet darüber, wie wir denken und wie andere denken. Wenn wir unsere Umgebung ändern wollen, müssen wir unsere Denkmuster ändern, und das beginnt mit der Änderung unserer Sprachmuster. Ganz einfach.

Wenn wir etwas scheiße finden, sagen wir, dass wir es scheiße finden, nicht, dass wir es schwul oder behindert oder abartig finden. Wenn jemand ein Arschloch ist, nennen wir ihn_sie ein Arschloch und keinen Mongo oder Spasti. Wenn wir einen Brief an unsere Kolleginnen und Kollegen schreiben, schreiben wir ihn an unsere Kolleginnen und Kollegen, nicht bloß an unsere Kollegen. Wenn wir eine Packung Schokoküsse kaufen, kaufen wir eine Packung Schokoküsse und keine Packung Mohrenköpfe. Wenn wir Politik weltfremd finden, nennen wir sie weltfremd und nicht autistisch. Wenn wir uns an Fasching unbedingt als etwas Originelles verkleiden müssen, dann verkleiden wir uns als etwas wirklich Originelles, zum Beispiel als Zeitreisebananen oder als Guerillazahncremetuben, und nicht als Inder oder Chinesen. Ganz einfach.

Wenn ich sehe, WER in unserer Gesellschaft am lautesten gegen politische Korrektheit wettert, dann sind das rechtslastige und undemokratische Zeitungen wie die Junge Freiheit und eigentümlich frei und Blogs wie Politically Incorrect. Und wenn ich lese, dass politische Korrektheit zugunsten derer rechter Meinungsmache aufgegeben werden soll, wird sie mir gleich noch viel sympathischer.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass jede gute Fernsehserie ein Crossover mit Doctor Who verdient.

Am liebsten würde ich jede*n Rassist*in gegen eine*n geflüchtete*n tauschen. Bildquelle

Am liebsten würde ich jede*n Rassist*in gegen eine*n Geflüchtete*n tauschen.
Bildquelle

“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”

„Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

Hallo Westen™, erinnerst du dich?

So beginnt die Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. 1776 wurde sie unterzeichnet – lange ist das her. Vergessen wurde sie nicht. Sie ist bis heute eines der einflussreichsten Dokumente der westlichen™ Welt. Geflügelte Worte. Die Gleichheit aller Menschen. Die unumstößlichen Rechte. Leben. Freiheit. Das Streben nach Glück.

Das, lieber Westen™, ist ein Dokument, das von Menschen handelt. Das ist es, was Menschen tun. Wir wollen gleiche, unumstößliche Rechte genießen. Leben. Frei sein. Wir streben nach Glück. Jede*r von uns. Jeden Tag.

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika ist über 239 Jahre alt. Ihre Gründerväter waren weiße, christliche, privilegierte Männer. Sie schrieben damals „alle Menschen“ und meinten vermutlich weiße, christliche, privilegierte Männer. Das ist 239 Jahre her. Seitdem hat sich viel verändert. Frauen, Nichtweiße und Nichtchristen haben gesetzliche Gleichberechtigung erkämpft. Stände und Klassen sind zumindest offiziell überwunden. Seit 1776 sind wir einen weiten Weg gekommen. Aber wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns, um all das auch wirklich umzusetzen, für jede*n von uns, jeden Tag.

Und was tust du dafür, lieber Westen™? Jeden Tag kommen Menschen zu dir, die genau das wollen. Rechte. Leben. Freiheit. Glück. All die Fliehenden, die jeden Tag über das Mittelmeer und den Balkan nach Europa und über den Rio Grande in die USA kommen, streben nach Glück. Und du, der doch so stolz darauf ist, diese Bedürfnisse als erster erkannt zu haben, weist sie ab. Du lässt sie nicht nach Glück streben, weil sie nicht weiß, nicht christlich, nicht privilegiert sind, weil sie keine Europäer*innen und Amerikaner*innen sind. Deine Westlichen Werte™ gelten nicht für all die Menschen, die nicht aus dem Westen™ kommen. Die sind offenbar nicht „alle Menschen“.

„Sollen sie doch zuhause nach Glück streben“, sagst du. „Wir haben keinen Platz. Wir haben kein Geld. Wir können ihre Kultur, ihre Religion nicht brauchen.“

Und du? Hast du immer zuhause nach Glück gestrebt? Die Männer, die die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, stammten nicht aus Amerika. Ihre Vorfahren kamen aus Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden – Europa. Viele von ihnen hatten Europa verlassen, weil sie ihren puritanischen Glauben dort nicht ausleben konnten. Sie waren politisch Verfolgte, Religionsflüchtlinge. Andere waren neugierig. Ehrgeizig. Wollten etwas aufbauen. Perspektiven. Reich werden. Und wer zeigt deshalb mit dem Finger auf sie? Wer hat versucht, sie aufzuhalten? Lieber Westen™, du nicht.

Menschen gehen dahin, wo es ihnen am besten geht. Sie wechseln ihre Jobs, ihre Freunde, und manchmal wechseln sie ihr Land. Das war schon immer so, und das wird vermutlich immer so sein. Menschen wandern schon seit es sie gibt. Sie wollen überleben. Leben. Frei sein. Sie streben nach Glück. Staatsgrenzen kamen erst viel später. Beim Streben nach Glück kommen sie vielen in den Weg. Als Menschen aus Europa in Übersee nach Glück strebten, waren noch keine Grenzposten und Zäune da, um sie aufzuhalten. Jetzt, wo auch andere in Übersee nach Glück streben, sind sie überall. Kein Mensch ist illegal, wenn er_sie irgendwo hinkommt. Erst die Zäune machen ihn_sie illegal. „Illegalität“ ist ein menschgemachtes Konzept, und nicht nur das – sie ist ein westliches™ Konzept.

Was ich dir sagen will, lieber Westen™? Menschen streben nach Glück, und du hast kein Recht, sie aufzuhalten. Steck dir deine Grenzzäune sonst wohin. Du warst dran. Jetzt sind sie dran. Und egal, was sie dir für wirtschaftliche Probleme bereiten – denk mal drüber nach, woher ihre Probleme kommen. Denk darüber nach, wer sie kolonialisiert, versklavt und ermordet hat, ihre Grenzen falsch gezogen, sie bekriegt, ihre Unterdrücker mit Waffen beliefert, ihre Diktatoren unterstützt hat, wer sie länger als genug erst ausgebeutet und dann im Stich gelassen hat? Hör auf, sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abzutun, wenn du es warst, der ihre Wirtschaft zerstört hat. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was es bedeutet, Wirtschaftsflüchtling zu sein? Da gibt man nicht zuhause alles auf und kommt nach Amerika oder Europa, weil man ein dickeres Auto fahren will, sondern weil man Hunger hat, perspektivlos ist, die Arztrechnungen nicht bezahlen kann. Da will man erstmal was zu Essen und was zum Anziehen und ein kleines bisschen Hilfsbereitschaft, und keine verdammten Zäune oder Zeltstädte oder Nazihorden, die einem die Unterkunft anzünden. Und du, lieber Westen, bist dafür verantwortlich, dass das funktioniert.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Donald Trump mal versuchen sollte, durch den Rio Grande zu schwimmen.

Ich benutze das ™Symbol, wenn ich ein Konzept beschreibe, dass im allgemeinen Sprachgebrauch oft verwendet wird, obwohl es sich lohnt, dieses Konzept aufzubrechen. (normal™, Deutschland™, der Westen™)

Hallo Bernd Lucke

Veröffentlicht: 22. Juli 2015 in Hallo Welt!
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Hallo Bernd Lucke,

Herzlichen Glückwunsch zur Gründung von Alfa, der „Allianz für Aufbruch und Fortschritt“! Das war eine tolle Idee, Herr Lucke. Aus der AfD auszutreten ist immer eine gute Idee. Deshalb finde ich es schade, dass Sie sich diese einmalig gute Idee durch einen so einfallslosen Parteinamen zerstören.

Zunächst einmal Allianz – ist das nicht eine Versicherung? Oder irre ich mich da und verwechsle die Versicherung mit dem korrupten diktatorischen Imperium aus Joss Whedons genialer Science-Fiction-Serie firefly?

Außerdem – Aufbruch und Fortschritt? Kommen Sie, das ist wie Zukunft und Zukunft oder schön und gut oder Sicherheit und Verantwortung, die rechtspopulistische Partei aus den Känguru-Chroniken. Da könnten Sie Ihre Partei genauso gut Allianz für Floskeln und Phrasen nennen. Da steckt ja nichts drin. Sie müssen Ihre Inhalte in einem schnittigen Akronym unterbringen. Also… äh… rechts gibt sich mittig? Ich bin ja kein Rassist, aber? Raus aus dem Euro? Na ja, Inhalte eben. Sie werden schon wissen, wofür Ihre Partei so steht. Irgendwann zumindest.

Man prophezeit Ihnen, Herr Lucke, Ihre Partei werde sich nicht halten, weil sie kein Alleinstellungsmerkmal habe. Das glaube ich nicht. Ihre Partei ist in den Grundzügen zwar sehr AfD-nah, ABER NICHT RECHTS UND NICHT POPULISTISCH. Und außerdem ein großer Fan der NATO. Also ganz anders. AfD, aber nicht rechts. Vielleicht sollten Sie sich mal mit dem ehemaligen Präsidenten des Vegetarierbundes austauschen, der nach seinem Austritt bekanntgab, er werde eine eigene Organisation gründen – wie VeBu, aber nicht vegetarisch.

Mit diesem bahnbrechenden Unterschied zu Ihrer Mutterpartei ist Ihnen der Weg in den Bundestag so gut wie sicher. Schließlich haben Sie dieses Mal, anders als bei der Gründung der AfD, dafür gesorgt, dass Populisten, Reformer und Nein-Sager, also alle, die sich von einer aufstrebenden Partei wohlmöglich abspalten könnten, erst gar kein Parteibuch bekommen. Denn Sie hassen Spalter, und das ist komplett nachvollziehbar. Wer hasst die nicht? Sie sollen eine Liste mit Personen haben, die Sie niemals in Ihre Partei aufnehmen werden. Auf dieser Liste stehen ungeliebte AfD-Mitglieder und alle, die einmal einer „wohlmöglich extremistischen Partei“ angehört haben. Sie selbst sind natürlich eine Ausnahme, aber auch das ist total nachvollziehbar. Ich würde das auch so machen, wenn ich Sie wäre.

Den Weg in Ihre Partei muss man sich verdienen. Wer Mitglied werden will, wird erst einmal Mitglied auf Zeit, für ein Jahr ohne Stimmrecht. Das ist eine geniale Methode, sich vor dem Mitgliederandrang zu schützen, den Sie zu erwarten haben. Außerdem werden Sie als Parteigründer im ersten Jahr das alleinige Stimmrecht haben – enorm wichtig für den demokratischen Austausch innerhalb einer Partei, der ansonsten von populistischen Neumitgliedern gefährdet würde, die nur zum Pöbeln gekommen sind.

Was soll ich sagen, Herr Lucke? Sie sind ein Genie. Demokratisch, unpopulistisch, inhaltsorientiert und selbstkritisch. Um die Macht in Deutschland an sich zu reißen, fehlt Ihnen also nur der richtige Parteiname. Wie wäre es mit BeTA? Ballungsraum ehemaliger Total-Arschl*****? Oder GaMmA? Griesgrämige alte Männer machen Aufstand? Nur ein Witz, ich finde Ihre Partei super. Sie ist eine echte Alternative zu meiner Zweitlieblingspartei, der Alternative für Deutschland. Das wäre doch ein guter Name. Alternative zur Alternative. AzA, oder falls Ihnen das zu kurt ist, AzAfD. Ich wäre dabei. Setzen Sie mich bitte bloß nicht auf die Liste der gesperrten Parteibewerber. Ich bin vielleicht links, aber den Spaß lasse ich mir ungern entgehen.

Alle Liebe und viel Erfolg,

Kim S

PS: Ihr Logo gefällt mir auch super. Grau ist eine total beruhigende Farbe, vor allem für Bestattungsunternehmen. Haben Sie Momo gelesen? Na ja, auch egal.

ALFA bestattet Ihre Toten - schnell und unauffällig. Bildquelle

ALFA bestattet Ihre Toten – schnell und unauffällig.
Bildquelle

PPS: Oh, das war nicht Ihr Logo, auf Wikipedia war einfach noch kein Logo vorhanden, daher das grau. Verzeihung.

Im Übrigen war ich lange der Meinung, dass Zeitreisen unmöglich sind, aber dann kam mein zukünftiges Ich und belehrte mich eines Besseren.

In Irland kann man jetzt heiraten. Bildquelle

In Irland kann man/frau jetzt heiraten.
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Als erstes Land der Welt hat Irland nach einem Volksentscheid die Ehe legalisiert. Für Paare in Irland ist es jetzt also endlich möglich, zu heiraten und somit offiziell als Paar zusammenzuleben. Bisher war das in Irland nicht möglich. Partnerschaften konnten zwar anerkannt werden, aber sie genossen nicht den rechtlichen Schutz einer Ehe. Irland war in dieser Hinsicht bislang ein Spätzünder, denn dort ist es erst seit 1993 legal, überhaupt einen Partner zu haben.

Vor dem Referendum am 22. Mai schien unklar, ob das Volk den Schritt zur Öffnung der Ehe wagen würde. Irland ist ein sehr katholisches Land, und die katholische Kirche stellt sich noch immer vehement gegen die Ehe. In streng religiösen Kreisen gilt das Zusammenleben von Paaren als unnatürlich und unmoralisch – genau wie zum Beispiel Sex. Kardinal-Staatssekretär Parolin im Vatikan bezeichnete die Entwicklungen in Irland sogar als eine „Niederlage für die Menschheit“.

Liberale und säkulare Iren hingegen feiern das Referendum als einen Sieg der Toleranz und einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung von Paaren. Unter den Hashtags #MarRef (Marriage Referendum), #equal (gleichberechtigt) und #YES (ja) zeigen sie auch im Internet ihre Solidarität mit den heiratswilligen Paaren.

In Deutschland ist es Paaren bisher noch nicht erlaubt, zu heiraten. Doch auch bei uns werden seit Jahren immer mehr Stimmen laut, die Ehe zu öffnen. Nicht nur Liberale und Linke, sondern auch die „Mitte der Gesellschaft“ wird Paaren und Individuen gegenüber immer aufgeschlossener. In der Politik stemmen sich einzig CDU und AfD vehement gegen die Ehe – als Partei der konservativen, traditionellen und „christlichen“ Werte sieht es die Union nicht gern, wenn geheiratet wird. Die AfD steht hier wie gewohnt noch einen Schritt weiter rechts.

Dass Paare sogar in streng christlichen Ländern wie Irland und einigen Staaten der USA heiraten dürfen, nicht aber im angeblich so aufgeklärten Deutschland, sollte uns zu denken geben. Ein Volksentscheid wäre auch bei uns eine Möglichkeit, die Ehe für alle zu legalisieren.

Allerdings frage ich mich, ob ein Volksentscheid nicht ein falsches Signal setzten würde. Denn was geht es die Mehrheitsbevölkerung, die gar keinen Partner heiraten möchte, an, ob Paare heiraten dürfen? Sollte die Möglichkeit, einen Lebensbund mit einem Partner der Wahl einzugehen, nicht für alle ein unumstößliches Grundrecht sein, an dem auch kein Volksentscheid etwas ändern kann? Ich mache mich für die Einführung der Ehe per Gesetz stark – denn auch, wenn gesellschaftliche Akzeptanz für Paare wünschenswert ist, darf (mangelnde) gesellschaftliche Akzeptanz nicht über Grundrechte entscheiden. Das Wahlrecht für alle wurde schließlich auch nicht erst eingeführt, als plötzlich die Mehrheit der bis dahin wahlberechtigten Bevölkerung dafür war. Damals waren es die nicht wahlberechtigten Frauen, die das Wahlrecht für sich selbst erkämpften – die Paare und Individuen, die heiraten wollen, fordern die Ehe schon jetzt. Zeit, sie zu hören. Zeit, zu begreifen, dass alle Menschen und Liebesformen gleich viel wert sind. Zeit für einen Schritt in die richtige Richtung.

Hinweis: dieser Text ist keine Satire. Ich habe lediglich an einigen Stellen die Adjektive gleichgeschlechtlich, schwul und lesbisch weggelassen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es in der U-Bahn für alle, die vor neun aufstehen mussten, erlaubt werden sollte, die Füße hochzulegen.

Liebster Blog Award!

Veröffentlicht: 26. April 2015 in Allgemein
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Rudilu von Blattsalat hat mich für den Liebester Blog Award nominiert, durch den kleine Blogs (unter hundert Follower) bekannter werden sollen. Danke schön!

Beim Liebster Blog Award können sich Blogger*innen gegenseitig nominieren. Man beantwortet zehn Fragen, die einem gestellt wurden, und denkt sich zehn weitere Fragen aus, die man zehn weiteren Blogger*innen stellt, die man nominieren möchte. Die nominierten Blogger informiert man per Kommentar. Niemand ist gezwungen, mitzumachen. Ich wurde folgendes gefragt:

  1. Warum hast du mit dem Bloggen angefangen?

Das war genaugenommen Zufall. Ich erzählte jemandem, dass ich schreibe und mich für Politik interessiere, woraufhin er wissen wollte, ob ich blogge. Ich verneinte, und dann fragte ich mich – Warum eigentlich nicht?

  1. Wie viel Zeit investierst du in deinen Blog? Würdest du gerne mehr Zeit investieren?

Ich blogge etwa zwei Mal im Monat und sitze ungefähr eine Stunde an einem Post, allerdings verbringe ich mehr Zeit damit, Blogs zu lesen. Mehr Aufwand lassen leider die Schule und der ganze Rest nicht zu.

  1. Was machst du in deiner Freizeit gerne, wenn du nicht gerade bloggst?

Wenn ich nicht blogge, schreibe ich gern andere Dinge. Außerdem spiele ich Theater.

  1. Welche Farbe ist deine Lieblingsfarbe und wieso?

Meine Lieblingsfarben sind hellgrün, weil sie sehr frisch und lebendig ist, und schwarz, weil ich am liebsten schwarze Klamotten trage.

  1. Kochst du lieber oder backst du lieber?

Ich backe lieber, vor allem vor Weihnachten.

  1. Gibt es einen Trend, der dich nervt?

Mich regt manchmal auf, dass im Radio DJ-Remixes von Liedern laufen, die im Original viel besser klingen. Und der Hype um schlecht geschriebene Erotik-Romane mit devoten Frauen.

  1. Wenn du den Jackpot im Lotto gewinnen würdest, was würdest du mit dem Geld tun?

Viel von dem Geld würde ich in ein Projekt investieren, das soziale Gerechtigkeit fördert, zum Beispiel, indem ich ein soziales und ökologisches Start-Up im globalen Süden finanziell unterstützen würde. Abgesehen davon würde ich Geld fürs Studium zurücklegen und vielleicht ein Gebäude oder einen Garten ankaufen, um dort Freiraum für junge Leute und ihre Projekte zu schaffen. Ein ehemaliges Fabrikgebäude wäre perfekt.

  1. Welche Sprache würdest du gerne sprechen können?

Italienisch, Isländisch und Hebräisch.

  1. Welche Jahreszeit magst du am liebsten?

Am liebsten mag ich den Frühling, wenn alle Bäume ein ganz helles Grün tragen.

  1. Hast du einen Gegenstand aus deiner Kindheit, den du niemals weggeben würdest?

Ich hänge sehr an meinen alten, selbstaufgenommenen Kassetten. Wenn ich die heute höre, denke ich mir zwar, „Was hab ich denn da für einen Kram gelabert?“, aber irgendwie sind sie auch süß und witzig.


So, das sind meine Antworten. Hier kommen meine Fragen!

  1. Was ist die krasseste Reaktion (Kommentar, Gespräch etc.), die du je auf deinen Blog bekommen hast?
  2. Hast du einen Lieblings-Beitrag auf deinem Blog, und wenn ja, welchen?
  3. Woher stammt der Name deines Blogs?
  4. Welcher Gegenstand liegt immer auf deinem Schreibtisch?
  5. Gibt es ein Thema, das thematisch nicht in deinem Blog passt, über das du aber trotzdem sehr gern schreiben würdest? Welche ist es?
  6. Hat sich dein Blog so entwickelt, wie du es dir vorgestellt hast, als du ihn gestartet hast?
  7. Angenommen, die Bundesregierung läse deinen Blog und würde auf ihn hören, was würdest du ihnen schreiben?
  8. Gibt es ein Thema (politisch, Hobby, Lyrik etc.), von dem du über WordPress erfahren hast, welches du dir mittlerweile nicht mehr wegdenken kannst?
  9. Versuche, die Quintessenz deines Blogs in einen T-Shirt-Spruch/ein Haiku/eine Schlagzeile zu packen!
  10. Mit welcher Figur aus Literatur, Film oder Fernsehen würdest du (nicht) gern in einem Aufzug stecken bleiben?

Zehn Fragen sollen an zehn Blogger*innen gestellt werden. Das ist mir leider nicht möglich, da sich der Award auf deutschsprachige Blogs beschränkt und ich überwiegend englischsprachigen Blogs folge. Deshalb kann ich leider nur drei Personen nominierten, aber diese Nominierungen stammen von Herzen. Nämlich:

Weltanschauung

Quergedachtes

Kritsicher Kommilitone