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Remembrance Day

Veröffentlicht: 11. November 2015 in Krieg & Frieden, Unterwegs
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Hallo erstmal. Mich gibt es noch. Ihr könnt die „Haben Sie diese Bloggerin gesehen“-Schilder wieder abhängen, ich bin wohlauf und außerdem in Glasgow, wo ich Im Zuge eines Praktikums an der University of Glasgow Fische und Stechinsekten zähle, Erstsemestervorlesungen besuche und mich durch die vielen Buchläden im West End hipstere.

Je nachdem, wo man als erstes hinblickt, sieht Schottland auf den ersten Blick exakt aus wie England oder vollkommen anders. Mir fielen sofort die typischen Schornsteine auf, mit deren Hilfe ich auch bei völligem Orientierungsverlust feststellen könnte, dass ich mich irgendwo auf den britischen Inseln befinde. Die Geschäfte sind überwiegend die gleichen wie in England (oder in Wales). Das Essen ist ähnlich.

Andererseits ist es eben nicht England, es ist Schottland. Blau-weiße Flaggen sind überall – an den Gebäuden, auf den Milchtüten, und ein Jahr nach dem Referendum um die Unabhängigkeit trotzdem noch auf den Straßen, vor allem im sehr jungen West End von Glasgow. Das Geld sieht anders aus. Die Leute reden anders – viele verständlich mit rollendem r und langen Vokalen, andere so verschludert Hardcore-Glaswegian, dass es praktisch unmöglich ist, sie zu verstehen. (Ich meine euch, Taxifahrer an der Queen Street Station!) Die meisten sagen tatsächlich „wee“ statt „little“, was ich bisher für eine Legende gehalten hatte.

Was jedoch um diese Jahreszeit sowohl in Schottland aus auch in England und dem Rest des Vereinigten Königreichs zu beobachten ist, sind die stilisierten roten Mohnblüten, die gefühlt jede*r zweite auf der Straße – und fast jede*r in den Nachrichten – am Revers trägt. Sie bilden den Auftakt zum heutigen Rememberance Day und sollen an im Krieg getötete britische Soldaten erinnern. Verkauft werden sie überall – der Erlös geht an die Royal British Legion, eine Streitkräfte- und Veteranenversorgungsorganisation. Die Resonanz in der Bevölkerung – ob Unionistisch oder Pro-Independence – ist enorm. Letztes Jahr wurde sogar der Graben des Tower of London mit Keramikmohnblumen bestückt. Sie sind wirklich überall. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, muss ich schlucken.

Die roten Mohnblumen sollen an Kriege erinnern. Und wir sollen uns erinnern. Wir müssen uns an Kriege erinnern, weil die Alternative wäre, sie zu vergessen, zu verdrängen und zu wiederholen. Aber wir müssen uns mit dem Gedanken an die Kriege erinnern, dass sie eine Scheiß-Idee waren, dass Krieg immer eine Scheiß-Idee ist und wir in Zukunft bitte nicht mehr auf Scheiß-Ideen kommen sollen.

Uns also mit dem Gedanken an Kriege zu erinnern, dass unsere Soldaten, unsere „Kriegshelden“ darin verletzt und getötet wurden (und werden), ist ebenfalls eine Scheiß-Idee. Es glorifiziert die Soldat*innen, glorifiziert das Militär, und glorifiziert damit letztendlich den Krieg. Krieg ist nicht schlimm, sagen die roten Mohnblumen. Wenn unsere Soldat*innen sterben, das ist schlimm! Kein Wort über die Zivilist*innen, die täglich sterben, verletzt werden, ihre Häuser, Arbeit, Familien und Freunde verlieren. Kein Wort über Kriegsflüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder, die sich, anders als unsere Soldat*innen, nie entschieden haben, in Kriegsgebieten zu sein. Sie sind die Mehrheit der Opfer der Kriege im 21. Jahrhundert, die unser Militär kämpft, oder auch nicht, je nach Interesse. Krieg ist erinnerungswürdig, aber nur unsere Seite des Krieges, sagen die roten Mohnblumen. Sie sagen nicht Nie wieder, sie sagen Soldaten sind Helden. Und wenn die Soldat*innen im ersten und zweiten Weltkrieg Helden waren, warum dann nicht die in Afghanistan und dem Irak?

Ich habe in dem Absatz öfters wir gesagt, uns, unser. Ich meine natürlich die Briten. Nicht uns. Wir nicht. Wir waschen unsere Hände in Unschuld. Wir sind nicht die. Wir haben keine obligatorischen roten Mohnblumen, keinen „Poppy Fascism“, wie Moderator Jon Snow das Event nennt. Wir haben die blaue Kornblume, längst nicht so prominent wie der rote Mohn, aber nicht selten, und allgemein akzeptiert. Weil unsere Soldaten ja auch gestorben sind. Unsere Großväter haben auf der anderen Seite gekämpft. Die betrauern ihre Toten, wir betrauern unsere Toten. Deren Großväter gegen unsere Großväter. Jeder für sich. Die sind nicht wir. Wir sind Deutschland. Wir sind blau, die sind rot. Wir sind Kornblumen, die sind Mohn. Wir gegen die.

Jeder Mensch darf trauern. Jeder Mensch darf Flagge zeigen. Aber kein Mensch in keinem Land sollte sich herausnehmen, nur für ein Land zu trauern, und nur für die Soldat*innen. Weil deren Tod falsch war, aber keineswegs falscher als alle anderen Tode. Weil ihre Leben nicht erinnerungswürdiger oder „mehr wert“ waren als alle anderen, die sie und der Krieg ausgelöscht haben. Weil kein Mensch weniger betrauert werden sollte, weil er_sie zur anderen Seite gehörte. Weil jeder einzelne Tod gleich schrecklich und jeder einzelne Tod gleich überflüssig war.

Weil jeder Krieg eine Scheiß-Idee ist.

Deshalb muss ich jedes Mal schlucken, wenn ich eine schottische Person mit einem wunderbaren Akzent und wunderbar liberalen Ansichten und einer verdammten roten Mohnblume treffe. Und deshalb habe ich nichts als Solidarität mit und Achtung vor allen, die heute anstatt einer roten Blume eine weiße tragen, um zu sagen, Nie wieder.

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus?  Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus? Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Walisisch geschrieben aussieht, als hätte jemand wahllos Buchstaben zusammengeschmissen, die beim Scrabble übrig geblieben sind – und viele ls. (Aber es klingt super.)

PS: Hallo Jochen! Falls Sie das lesen– ich habe hier oben ein paar Orte entdeckt, die nicht videoüberwacht sind. Können Sie das mal dem britischen Geheimdienst weitersagen? Ich glaube, die haben Schottland einfach vergessen. Frechheit.

 Die beste Satire-Aktion seit langem! Bildquelle (bearbeitet)


Die beste Satire-Aktion seit langem!
Bildquelle (bearbeitet)

Endlich. Die deutsche Bundesregierung lernt dazu.

Es erstaunt mich gleichermaßen, wie es mich freut, diesen Post schreiben zu dürfen. Denn nach Jahren neoliberaler, marktradikaler und Arbeitnehmerfeindlicher Politik von CDU & Co hatte sogar ich als junge, optimistische Bundesbürgerin nicht mit einem so schnellen Kurswechsel gerechnet.

Jetzt aber haben Merkel, das Institut der deutschen Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie ihre Fehler eingesehen und sich mit einem Augenzwinkern dafür entschuldigt. Mit der großartigen Kunstaktion „INSM – Initiative Neoliberale Scheiß-Meinungsmache“ schaffen sie es, ihre ehemaligen Positionen gekonnt durch den Kakao zu ziehen und sich dabei als zwar nicht unfehlbare, aber durchaus humorvolle und sympathische Zeitgenossen zu präsentieren.

INSM steht vordergründig für „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Diese fiktive Initiative predigt angeblich mehr Leistung, mehr Wachstum, mehr Markt, weniger Einschränkungen, weniger Freizeit und weniger Energiewende. Glücklicherweise sind diese Statements gut als Satire zu erkennen – schließlich werden sie in Form von klar als Fake erkennbaren Zitaten in pinker Schrift auf schwarzen Plakatwänden präsentiert. Und damit selbst Ironie-resistente Mitbürger*innen sie als Satire erkennen, zeigen diese Plakate ebenfalls halbe schwarz-weiß-Portraits grimmig dreinblickender älterer Herrschaften – eine äußerst gelungene Hommage an Grumpy Cat. Ich persönlich hätte Aussagen wie „Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch“ (Ludwig Erhard, CDU) oder „Märkte sind wie Fallschirme: sie funktionieren nur, wenn sie offen sind“ (Felix Baumgartner) jedoch auch ohne diese optische Unterstützung als beinahe überspitzte Satire erkannt.

Diese Plakate, mit denen ganz Berlin verschönert wurde, sind zum Glück nicht die einzigen Produkte der genialen Kunstaktion. Kostenlose „Unterrichtsmaterialien“ wie „Wir erklären Wirtschaft“ (gemeinsam mit dem beliebten Satire-Magazin Focus Money) sollen auch schon Schüler*innen der Mittel- und Oberstufen die Absurdität der freien Marktwirtschaft auf humorvolle Weise beibringen. Durch lustige Studien-Parodien wie „Chancengerechtigkeit durch Aufstiegsmobilität“ – sozialer Aufstieg sei angeblich problemlos möglich – unterstreicht die INSM ihren Satire-Charakter. Und auch das Fernsehen erobert das verantwortliche Künstlerkollektiv um CDU-und Commerzbank-Mitglied Johanna Hey, CDU- und Moody’s-Mitglied Hans Tietmeyer, Headhunter und Lobbyist Dieter Rickert und andere. Versteckte INSM-Themen machten sogar die ARD-Seifenoper „Marienhof“ zur Comedy-Show.

Alles in allem ist die INSM die witzigste und ehrlichste Satire, die die Bundesrepublik seit langem gesehen hat. Sie zeigt, dass unsere Medienkünstler*innen auch den internationalen Vergleich mit den grandiosen „Joint the Army“-Kampagne aus den USA oder der weltweit hochgelobten „Sozialistischen Propaganda“ des ehemaligen Ostblocks nicht zu scheuen braucht. Ich als Satirikerin bin jedenfalls stolz, dass meine Regierung so lustig und kreativ ist. Es lebe die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft!

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass keine Meinung auch eine Meinung ist, oder auch nicht.

Die INSM bei Lobbypedia

Die INSM bei Lobby Control

„Stoppt die INSM“ auf Facebook

Hallo FraGIDA, wir haben uns gestern leider knapp verpasst.

Ich wünschte, ich wäre gestern auf der Gegendemonstration gewesen. Es muss lustig gewesen sein, zu hören, wie Heidi Mund immer hysterischer wurde und wie Ihr knapp 70 FraGIDA-Freaks unter den 16000 Gegendemonstranten untergingt. Ich hätte gern das Abendland gegen die Pegidisierung verteidigt. Ich war nicht dabei, weil ich und die sieben Freunde, mit denen ich mich verabredet hatte, schließlich an einer Unmenge bürokratischer und logistischer Problemchen gescheitert sind. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung, ich weiß. Die Party lief ja dann auch ohne uns.

In der Presse sieht man euch als schwarz gekleidete, Fraktur-beschriftete Fahnenschwenker. Interessanterweise sind alle Fahnen Deutschlandflaggen, Europafahnen habe ich keine einzige gesehen. Wofür das E in „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes“ wirklich stehen soll, ist mir also schleierhaft. Aber PDGIDA klingt einfach bescheuert, und würdet Ihr euch wahrheitsgemäß VODGAA (Völkisch Orientierte Deutsche Gegen Alle Anderen) nennen, hättet Ihr es wohl kaum von facebook auf die Straße geschafft. Seid Ihr die Mitte der Gesellschaft? Der besorgte Deutsche? Der kleine Mann? Das Volk?

PEGIDA, Ihr seid nicht das Volk. Das Volk ist, das müsst Ihr akzeptieren, bunt, „linksversifft“ und zu 5% muslimisch. Egal, wie viele Deutschlandflaggen Ihr schwenkt. Und Ihr verteidigt nicht das Abendland. Die 16000 Frankfurter*innen, die euch gestern ausgelacht haben, die verteidigen das Abendland. Ihr seid lächerlich.

Eine Bitte noch: könntet Ihr *verdammt noch mal* aufhören, Israel-Flaggen zu schwenken? Ihr sprecht nicht für Israel, Ihr sprecht nicht für die Juden in Deutschland, und hättet Ihr ein wenig Ahnung von der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Ihr hättet sicher das ein oder andere Mitglied auf der Gegendemo entdeckt. Die Gemeinde gehört nämlich zu den Organisatoren derselben.

Ihr beruft euch auf die „jüdisch-christlichen“ Wurzeln des Abendlandes, um damit der dritten abrahamitischen Religion, dem Islam, hier die Existenz abzusprechen. Muslime in Deutschland, eine religiöse Minderheit, diffamiert Ihr auf Grund ihres Glaubens und ihrer Kultur. Und glaubt Ihr wirklich, damit im Sinne der jüdischen Minderheit in Deutschland zu sprechen, die lange genug selbst verfolgt wurde? Die Bilder, die heute anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren durch die Medien gehen, sollen uns nicht nur daran erinnern, dass Faschismus nie mehr sein darf. Sie sagen uns auch, dass Hass niemals eine Lösung ist. Damals nicht, heute nicht, und auch in Zukunft nicht.

PEGIDA, FraGIDA – Ihr seid nicht ich. Ihr seid nicht Deutschland. Ihr seid nicht das Abendland. Ihr seid eine – in Frankfurt nicht einmal siebzigköpfige – rechte Randgruppe, und ich hoffe, Ihr habt es gestern verstanden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es weniger Krieg gäbe, wenn wir alle mehr essen und mehr schlafen würden. Grüße von der Lügenpresse!

Passagiere Zweiter Klasse

Veröffentlicht: 6. Januar 2015 in Echt jetzt?, Unterwegs
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9:10
Ich wache auf und muss feststellen, dass ich, glücklicherweise voll bekleidet, neben einem Rollkoffer an einem Bahnsteig für Fernzüge stehe. Es dauert einen Moment, bis mir wieder einfällt, dass ich auf den ICE Frankfurt-Berlin  warte. Einen weiteren Moment brauche ich, um mich zu erinnern, was ich in Berlin will.
9:13
Mir fällt wieder ein, wie ich heiße. Mein Zug müsste langsam mal kommen. Mein Finger sind kalt. Ich hätte Handschuhe mitnehmen sollen.
9:17
Mein Zug ist immer noch nicht da. Ich drehe mich im Uhrzeigersinn, um die Rotation der Erde zu beschleunigen. (Das habe ich bei xkcd gelesen, stimmt also.) Einige Wartende schauen mich schräg an.
9:22
In der Drehung entdecke ich ein Schild, auf dem steht, dass an Gleisabschnitt A nur Passagiere der Ersten Klasse warten sollen. Natürlich befinde ich mich an Gleisabschnitt A, und natürlich habe ich kein Ticket für die Erste Klasse. „Verdammte Klassengesellschaft“, fluche ich, während ich meinen Koffer aus Protest zu Gleisabschnitt G schleife und die Deutsche Bahn ganz oben auf meine Revolutionsliste setze.
9:30
Mein Zug fährt ein.
9:31
Allerdings in verkehrter Wagenreihenfolge. Ich überlege, die Klassengesellschaft zu überwinden,  einfach in den vor mir zum Stehen gekommenen Erste-Klasse-Wagen zu steigen und dort eine Diktatur des Proletariats zu errichten, verwerfe den Gedanken jedoch beim Anblick der vielen Anzugträger, die über Headsets telefonieren und alle Steckdosen belegen.
9:32
Ich steige in einen Zweite-Klasse-Wagen und verstaue meinen Koffer im Überkopfgepäckfach. Zum Glück sitzt außer mir fast niemand im Wagen, sodass ich wenigstens im ersten Abschnitt der Reise keine schreienden Kleinkinder oder singende Wandervereine ertragen muss.
9:36
Der Zug ist endlich losgefahren. Ein Fahrkartenkontrolleur betritt den Wagen und verlangt freundlich, meine Fahrkarte zu sehen. Ich krame den Ausdruck mit meinem Ticket hervor und zeige ihn ihm.
„Haben Sie ein Bahn.Comfort-Ticket?“
„Ein was bitte?“
„Das ist ein Fahrschein, auf dem Bahn.Comfort steht. Dieser Waggon ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert.“
„Sie meinen, hier ist besetzt?“
„Hier ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert. Sie müssen sich einen freien Platz suchen.“
„Ich versteh Sie nicht. Das hier ist ein freier Platz.“
„Aber wenn Sie kein Bahn.Comfort-Ticket bezahlt haben, müssen Sie den Platz für jemanden mit…“
„Bezahlt? Hören Sie, ich habe ein Zweite-Klasse-Ticket bezahlt, das gibt mir das Recht, in einem Zweite-Klasse-Wagen zu sitzen. Ob Sie da irgendwo Bahn.Comfort hinschreiben und für die selbe Leistung zwei Euro mehr verlangen, ist mir total egal.“
„Wenn Sie eine Beschwerde haben, leiten Sie diese an unsere Geschäftsführung weiter. Ich muss Sie bitten, jetzt aufzustehen.“
„Ach ja? Und ich habe es satt, wie eine Passagierin Zweiter Klasse behandelt zu werden!“
„Aber… Sie sind eine Passagierin Zweiter Klasse.“
Er starrt mich an. Ich starre ihn an.  Es ist ein bisschen wie ein Duell.
„Chauvinist“, zische ich, während ich aufstehe, meinen Koffer nehme, den fast leeren Wagen räume und mich auf einen Platz setzte, der meinem alten Platz standardmäßig aufs Haar gleicht.
„Was sind Sie eigentlich für ein Bahn-Angestellter?“, rufe ich dem Kontrolleur hinterher. „Waggon heißt es nur bei Güterzügen. In Personenzügen sagt man Wagen!“
Dann denke ich an die Anzugträger, die mehr bezahlt haben als ich, und die trotzdem genau so zu spät kommen werden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass „Das Leben in vollen Zügen genießen“ auf Bahnreisen eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Kapitalismus im Kanu

Veröffentlicht: 25. September 2014 in Echt jetzt?, Unterwegs
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Kanufahren ist wie Kapitalismus.
Das mag weit hergeholt klingen, aber nach der gestrigen Schul-Kanutour kann ich nichts anderes dazu sagen. Genaugenommen sind Schleusen wie Kapitalismus, und zwar wie die marktradikalste Form, die man sich vorstellen kann.
Alle zwanzig Kanus, jeweils besetzt mit drei Schülern, fahren also in die erste Schleuse. Natürlich sind sie nicht alle gleichauf, über die Reihenfolge entscheidet, wer wann ins Wasser gelassen wurde. Damit sind manche Kanus also vor anderen. Die Schleuse schließt sich hinter dem letzten Boot. Und dann geht das Geschiebe los.
Alle Kanus versuchen, sich an den anderen vorwärts zu schieben. Weil die Schleuse nicht breit genug ist, wird jeder nach hinten gedrängt, der keine anderen Boote verdrängen kann. Bald sind die Typen mit den meisten Muskeln vorne. Ich ritze derweil Hausbesetzerzeichen in den Schlick an der Schleusenwand. Ihr kriegt uns hier nicht raus.
Dann gehen die schmutzigen Tricks los. Manche Boote versuchen, sich heimlich an anderen festzuknoten. Bei dem ein oder anderen beginnen die Hände zu bluten. Alle wollen möglichst weit nach vorne. Leider ist das Schleusentor zu. Wirklich voran kommt niemand.
Dann kommt Bewegung in den Wettbewerb. Um die Schleusentore zu öffnen, müssen alle ein Stück zurückpaddeln. Und da zeigt sich der wahre Charakter des Wettbewerbs.
Anscheinend denken sich alle, dass sie sich heimlich alleine vorwärtsschieben können, während sich der Rest rückwärts bewegt. Leider machen sie die Rechnung ohne die Skrupellosigkeit der anderen, und so bewegen sich doch alle vorwärts. Manche werden fast vom sich öffnenden Schleusentor versenkt.
Als die Tore dann endlich aufgehen, paddeln alle wie wild drauf los. Wenn sie ihre Kraft nicht für eine halbe Stunde Stillstand verbraucht hätten, wären sie zwar schneller, aber wenn stört’s?
Der Wettbewerb ist nicht fair. Das Prinzip, auf Kosten von anderen zu gewinnen, das Prinzip, dass es Verlierer geben muss, wenn es Gewinner geben soll, ist an sich schon nicht fair. Das größte Problem ist aber, dass nicht alle gleichzeitig starten. Die Menschen haben dieselben Rechte, aber nicht dieselben Chancen. Und da soll noch mal jemand behaupten, Gewinnen hätte allein mit Fleiß und Talent zu tun. Den nächsten Kapitalisten, der mich nervt, setzte ich einfach in ein Kanu.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Extrem-Bügeln sowieso die unterschätzteste Trendsportart ist.

Unser Team war übrigens zweites bei den Mädchen. Wir wären gute Managerinnen. Jo, Bitches.

Mein fünfter fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz.


 

Hallo Jochen,

Kim hier. (Wenn Sie meinen Nachnamen weglassen, lasse ich Ihren auch weg.) Ich habe ein kleines Problem, vielleicht können Sie mir helfen.

Gerade war ich zwei Wochen in Südengland, das war sehr schön da. Vor allem London ist einfach der Wahnsinn! Natürlich habe ich viele Fotos gemacht. Leider habe ich versehentlich alle Fotos ab dem 25. August gelöscht. Haben Sie die noch irgendwo?

Dumme Frage, natürlich. Sie sind schließlich beim Geheimdienst und mein Handy ist mit dem Internet verbunden. Könnten Sie bitte mal nachschauen? Vielleicht hat die Bilder ja auch der britische Geheimdienst, und mit dem verstehen Sie sich ja nicht so gut, aber sicher haben Sie ein paar Doppelagenten da, oder?

Schicken Sie mir doch bitte alle Bilder mit mir und meiner Familie drauf. (Ich bin das Mädchen in schwarz mit den türkis-schwarzen Haaren und den roten Schnürsenkeln.) Außerdem waren da noch ein paar Bilder von The Shard (dem Hochhaus), der Towerbridge, dem Camden Market, dem Hochhaus, das ein bisschen wie ein Penis aussieht, und ganz vielen Antifa-Aufklebern. Falls Sie meine Bilder nicht finden, schicken Sie mir einfach irgendwelche scharfen, auf denen nicht so viele Touristen drauf sind. Und falls Sie ein paar Aufnahmen vom London Eye finden, schicken Sie die doch auch gleich mit, ich war zu faul zum Anstehen.

Vielen Dank für Ihre Hilfe,

Kim S

 PS: Irgendwo müsste ein paar Fotos von einem schwäbischen Touristenpärchen sein, auf denen ich drauf bin. Die zwei haben mich am Picadilly Circus so sehr genervt, dass ich mich aus Rache auf alle ihre Bilder draufgeschmuggelt habe. Die Fotos hätte ich auch gerne. Dankeschön.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass „unnecessary“ das schlimmste Wort der englischen Sprache ist.

Smile, you’re on CCTV!

Veröffentlicht: 31. August 2014 in Allgemein, Unterwegs
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WHAT ARE YOU LOOKING AT?

Ein Schablonen-Graffiti des britischen Graffiti-Künstlers Banksy.
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England ist wirklich ein wahnsinnig schönes Land. Man könnte sich England ständig angucken, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr. Man könnte. Das heißt aber nicht, dass man es muss.

England steht unter Beobachtung. An jeder Straßenecke, vor jeder Tankstelle, in jeder Hotel-Lobby, überall sind Kameras angebracht. Netterweise wird auch noch auf die Kameras hingewiesen. Von einem nüchternen „CCTV operating 24/7“ (24 Stunden Videoüberwachung) bis zu einem fast zynischen „Smile! You’re on CCTV“ (Bitte lächeln! Sie werden gefilmt!) findet man alle Arten von CCTV-Schildern. Hätte ich in vierzehn Tagen Großbritannien jeden Hinweis auf Überwachung fotografiert, hätte das wahrscheinlich meine Handy-Speicherkarte gesprengt. Und am Bildschirm hinter der Kamera hätte sich wahrscheinlich das britische Pendant zu Jochen Sönkeberg gewundert, welche verrückte Touristin alle Überwachungskameras des Landes fotografiert.

Das Beitragsbild stammt vom britischen Graffiti-Künstler Banksy. “What are you looking at?“, fragt er die Kamera. Was glotz du so?

Ich weiß es selbst nicht. Ob es wohl diejenigen wissen, die die Kameras aufhängen? Oder filmen sie nur, weil jeder Mensch verdächtig ist, just in case? Sammeln sie für Upps – Die Pannenshow? Reicht es, dass wir glauben, dass die Möglichkeit besteht, dass wir eventuell überwacht werden, damit wir uns ruhig verhalten? (Das Känguru-Manifest, Marc-Uwe Kling, Ullstein-Verlag, Kapitel „Überwachen und schlafen“. Ich habe eine Quellenangabe benutzt! Siehst du das, Jochen? Halleluja!)

England wird vermutlich das erste Land sein, dass flächendeckend videoüberwacht wird. Und vor allem – fast niemand regt es auf. Banksy bleibt eine Ausnahme. Ich fühle mich unwohl. Aber für die meisten Engländer ist das ganz normal.

Was mich wirklich beunruhigt, ist: wie weit reicht die Überwachung wirklich? In England wird wenigstens mit Schildern auf die Kameras hingewiesen. Aber wo hängen überall Kameras, ohne dass wir es wissen? Wenn wir nicht wissen, wo die Überwachung ist, können wir uns nicht gegen sie wehren.

Zurzeit wird heiß über das Verbot von Burkas und sonstiger Vollverschleierung diskutiert. Eines der Argumente der Burka-Gegner ist: wenn mir jemand auf der Straße begegnet, habe ich das Recht, zu sehen, wer das ist. Dieses Argument zielt auf ein generelles Vermummungsverbot ab, wie wir es schon von Versammlungen wie Demos kennen.

Vielleicht habe ich als Privatperson, als Individuum, das Recht, mein Gegenüber zu erkennen. Genau so haben die Menschen um mich herum das Recht, mich zu erkennen. Aber was ist mit den Überwachungskameras?

Irgendwo in den Archiven von Land und Staat lagern meine Daten. Biometrische Ausweisfotos, ohne die ich das Land theoretisch gar nicht verlassen darf. Meine Fingerabdrücke. Mein Krankenakte. Wenn mich irgendjemand beim Geheimdienst finden wollte, würde er mich finden. Ich müsste nur an einer Kamera vorbeispazieren.

Mein Handy hat eine automatische Gesichtserkennung. Wenn einer meiner Freunde bei Whatsapp ein Profilfoto hat, auf dem man ihn erkennt, und wenn ich ihn in meinen Kontakten unter seinem echten Namen gespeichert habe, dann ordnet mein Handy den Fotos, die in meinem Album habe, automatisch die Namen meiner Freunde zu. Es war nicht schwer, die automatische Gesichtserkennung auszuschalten. Aber bis man erst mal weiß, dass sie überhaupt da ist, hat sie schon alle meine Freunde erkannt. Was soll ich dagegen machen? Mir eine alte Polaroid-Kamera kaufen? Meine Freunde durchnummerieren?

Jeder Mensch hat das Recht, unerkannt durch eine Straße zu gehen. Hängt die Kameras ab, und wir können über das Vermummungsverbot sprechen. Jeder Mensch hat etwas zu verbergen. Das müssen keine „Geheimnisse“ sein, nicht Kriminelles oder Intimes. Das kann auch sein, wo wir sind und wie wir den Nachmittag verbringen. Das geht niemanden etwas an.

Überwachungskameras sollen Sicherheit schaffen. Aber ich persönlich will keine Sicherheit, wenn der Preis, den ich dafür zahlen muss, meine Privatsphäre ist und wenn mir die Sicherheit Angst macht.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total nervt, wenn man extra vorsichtig an Touristen vorbeischleicht, weil man denkt, dass sie irgendetwas fotografieren, und wenn sich dann herausstellt, dass sie sich selbst fotografieren.