Archiv für die Kategorie ‘Echt jetzt?’

Friendly Neighbourhood Neonazis

Veröffentlicht: 12. Mai 2016 in Allgemein, Echt jetzt?
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Sei nicht so unfair. Du weißt ja gar nicht, ob er die Positionen der AfD wirklich vertritt.

Sie sind vielleicht Nazis, aber sie können ja trotzdem gute Menschen sein.

Ich finde nicht, dass man Menschen aufgrund ihrer politischen Einstellung beurteilen kann.

Also, zu mir sind sie immer total nett.

Du weißt doch nicht, ob er überhaupt rechts ist.

Die machen ja nichts.

Alles Sätze, die ich so oder so ähnlich von Freund*innen und Bekannten gehört habe, nachdem ich äußerte, wie sie mit rechts denkenden Menschen – in einem Fall „nur“ einem AfD-Mitglied, im anderen einer Gruppe Neonazis – befreundet seien können, sei mir schleierhaft. Und es ist mir schleierhaft. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man die Tatsache, dass eine Person, mit der man befreundet ist, offenbar menschenverachtendes Gedankengut und Handlungspotential mit sich herumträgt, einfach ignorieren kann.

Gut, wenn meine Freund*innen und Bekannten jetzt kämen und über das AfD-Mitglied sagten, Ich kann das aber ignorieren. Ganz einfach. ich weiß, dass mein Kumpel Soundso homophob und sexistisch ist, etwas gegen Flüchtlinge hat, den menschgemachten Klimawandel leugnet und sich in ein Europa der Vaterländer zurücksehnt, aber wir haben einen ähnlichen Humor und mögen beide Modelleisenbahnen, also stört mich das nicht. Das würde mich zwar schockieren, wäre aber wenigstens ehrlich. Genauso könnte man über den Nazi sagen, Ich weiß, dass er Asylunterkünfte abfackelt und Kopftuchträgerinnen zusammentritt, aber weil wir Freunde sind, ist mir das egal. Das würde mich ehrlich gesagt noch mehr schockieren, und ich wer auch immer so ehrlich zu mir wäre, hätte sofort eine Freundin weniger, aber ich kenne niemanden, der so redet.

Stattdessen waschen die netten Menschen, die mit augenscheinlich weniger netten Menschen befreundet sind, ihre Hände in Unwissen.

Vielleicht vertritt er die Positionen der AfD ja gar nicht. Nun, wenn er sie nicht vertreten würde, wäre er dann in die AfD eingetreten? Wer die Positionen einer Partei nämlich nicht zumindest in ihren Grundzügen unterstützt, ist nicht gezwungen, ihr beizutreten, und wer sie nicht kennt, der soll es gleich lassen. Wir haben alle Zugang zu verschiedenen Informationsquellen, und wir können alle lesen. Niemand wir versehentlich AfD-Mitglied, beim Schlafwandeln oder so. Gut, manche Menschen sind einfach etwas zerstreut. Ich selbst bin auch so. Heute beim Mittagessen hatte ich zum Beispiel vor, mir keinen Salat zu nehmen, ich ging also an der Salattheke vorbei zur Essensausgabe, unterhielt mich mit einer Mitschülerin, dachte an nichts Böses, schaute auf mein Tablett und stellte fest, dass ich mir unbewusst Salat genommen hatte. Passiert. Aber ist es möglich, auf dieselbe Art in die AfD einzutreten? Ich denke nicht.

Sie sind vielleicht Nazis, aber sie machen ja nichts. Ach nein? Und wer sind dann die Leute, die auf den Nazi-Demos „Nationaler Sozialismus!“ schreien? Ja, aber sie machen ja nichts. Und wer zündet dann nachts Asylunterkünfte an? Du? Ich? Aliens? Sicherlich nicht your friendly neighbourhoor Neonazis.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die sind immer so nett zu mir. Na klar. Hast du schon mal darüber nachgedacht, ob sie genau so nett zu dir wären, wenn deine Familie muslimisch, jüdisch oder eingewandert wäre? Ist dir nur wichtig, wie die Leute mit dir umgehen, und gar nicht, ob sie auch den Rest der Welt respektieren? Na dann, herzlichen Glückwunsch zum Verleih der Heile Welt-Egoismus-Medaille. Du hast sie dir verdient.

Choose your friends wisely. Association is perception. Perception is reality.

Hier noch ein pseudo-intellektuelles Zitat zum Thema Freundschaft. Bildquelle

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es wirklich witzig ist, dass im Wort Bildungsfernsehen das Wort bildungsfern steckt.

Hallo Simon Wächter

Veröffentlicht: 20. Dezember 2015 in Echt jetzt?, Hallo Welt!
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Wonder_Woman

Sexismus am Arbeitsplatz. (Quelle)

Sehr geehrter Herr Simon Wächter,

mit Interesse habe ich Ihren Artikel „So kleiden Sie sich richtig – Dresscode im Vorstellungsgespräch“ im Campusmagazin der European Management School gelesen. Das Magazin liegt an meiner gymnasialen Oberstufe am schwarzen Brett aus und soll den Schülerinnen und Schülern beim Einstieg in die Studien- und Berufswelt helfen. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Artikel für mich und die Hälfte meiner Schule und der Weltbevölkerung weniger als hilfreich war.

Was Sie unter „Tipps für Männer“ meinen männlichen Klassenkameraden zu sagen haben, wird diesen sicherlich weiterhelfen.

Der Klassiker für Männer ist die Kombination aus Lederschuhen, dunklem Anzug, Hemd und Krawatte. In konservativen Branchen ist dieser Kleidungsstil unverzichtbar. Darf es etwas legerer sein, machen Männer mit Stoffhose, Hemd und eventuell noch einem Jackett auf jeden Fall nichts falsch. In der Kreativbranche, im IT-Bereich oder auch in Start-Ups sind meist sogar dunkle Jeans erlaubt. […]

Die Schuhe müssen zum restlichen Outfit passen. […] Bestenfalls haben die Schuhe dieselbe Farbe wie der Gürtel. Das zeugt von Stil. Auch die Socken müssen passend gewählt werden. […]

So geht es noch ein paar Absätze weiter. Farben, Schnitte, Materialien. Verschiedene Branchen, Seriosität, Stil. Und jetzt sehen wir uns einmal an, was davon Sie in „Tipps für Frauen“ mir mitgeben:

Zu kurze Röcke oder zu knappe Kleidung sind ein absolutes No-Go. Der Rock darf auf keinen Fall kürzer sein als eine Handbreite über den Knien. Frauen, die nicht oft Röcke tragen, sollten am besten schon vorher das elegante Sitzen und den Gang im Rock trainieren. Auch sollten Sie, egal wie heiß es ist, immer eine Strumpfhose tragen.

Werden Hemd oder Bluse zu eng gewählt, zeichnet sich die Körpersilhouette zu stark ab und das kann unseriös wirken. Auch der Ausschnitt sollte nicht zu tief sein. Zu viel Haut ist generell im Vorstellungsgespräch ein Tabu.

Weder die Kleidung noch die Körpersprache dürfen Flirtbereitschaft signalisieren. Vor allem rote Kleidungsstücke sollten Sie vermeiden, da diese auf viele Menschen aufreizend bis aggressiv wirken. […]

Farben? Schnitte? Seriosität? Sehr geehrter Herr Wächter, merken Sie, was Sie getan haben? Meinen Mitschülern haben Sie beigebracht, welcher Gürtel zu welchen Schuhen passt. Meinen Mitschülerinnen und mir versuchen Sie beizubringen, wie wir uns zu kleiden und zu verhalten haben, wenn wir nicht als Sexobjekte gesehen werden wollen. Das Problem daran? Nun, ich möchte auch nicht als Sexobjekt gesehen werden. Das Problem daran ist, dass Sie in erster Linie mich dafür verantwortlich machen, wenn das passiert.

Wenn ich, in Ihren Worten, auf mein Gegenüber unseriös, aufreizend oder aggressiv wirke, liegt das nicht an ihm, sondern an mir, daran, wie ich mich kleide oder auftrete. Sie stellen es hin, als habe ich eine Bringschuld. Ich muss dafür sorgen, dass mich niemand aufreizend findet. Denn wenn Männer im Business ihre Verhandlungspartnerinnen als Sexobjekte, als aufreizend und unseriös ansehen, dann sind die Verhandlungspartnerinnen schuld. Die Männer können ja nichts dafür. Was kann der arme Chef dafür, der seine weiblichen Angestellten schlechter bezahlt, wenn sie sich ihm als unseriöse Sexobjekte präsentieren?

Denn Frauen, so klingt es in Ihrem Artikel, wirken viel zu schnell unseriös. Ich bin unseriös. Meine Haut ist unseriös. Mein Ausschnitt ist unseriös. Meine „Körpersilhouette“ ist unseriös. Denn ich bin eine Frau. Ich habe Brüste und eine Taille und einen Hintern, und das ist unseriös. Mein Körper ist nicht ernst zu nehmen. Mein Körper ist selbst schuld, wenn mein Gegenüber im Vorstellungsgespräch sich daran aufgeilt. Ich bin schuld.

Bin ich schuld, wenn ich nicht eingestellt werde, weil ich eine Frau bin? Bin ich schuld an der Gender-Pay-Gap, und daran, dass es in der Medizin mehr Männer mit Schnurrbart als Frauen insgesamt gibt? Sind meine Brüste schuld? Mein Hintern? Bin ich schuld, wenn sich mein Lehrer keine Mädchennamen merken kann, und bin ich schuld, wenn mir mein Kollege am Kopierer an den Arsch fasst?

Und wie kommen Sie darauf, dass ich das Sitzen im Rock trainieren muss, wenn Sie wenige Absätze vorher noch betonen, dass der Wohlfühlfaktor bei der Kleidung natürlich eine Rolle spielt? Wenn ich mich im Rock unwohl fühle, trage ich eine Hose. Ganz einfach.

Am schockiertesten war ich jedoch, als Sie meinten, weder Kleidung noch Körpersprache dürfen Flirtbereitschaft signalisieren. Mal ganz davon abgesehen, dass Bemerkungen über die Körpersprachen nichts mit Kleidung zu tun haben und in diesem Artikel eigentlich fehl am Platz sind, hat mich erstaunt und verletzt, dass sich dieser Hinweis nur an Frauen richtet. Frauen sollen in Vorstellungsgesprächen nicht flirten, um von ihren männlichen Interviewern ernstgenommen zu werden.

Was, frage ich Sie, ist mit Männern? Sind Sie tatsächlich der Meinung, dass Frauen versuchen werden, sich „hochzuflirten“ und Männer nicht? Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ich als Frau meine unseriöse Körpersilhouette dazu einsetzen werde, Jobs zu ergattern. Warum sollte ich das tun? Glauben Sie, mir gefällt es, wenn mein Interviewer zuerst auf meine Brüste und dann auf meinen Lebenslauf schaut? Glauben Sie, ich könnte nicht anders? Glauben Sie, mein Lebenslauf reicht nicht? Glauben Sie mir – wenn Arbeitgeber nur auf den Lebenslauf und nicht auf das Geschlecht ihrer Bewerber*innen schauen würden, hätten es Frauen im Business sehr viel einfacher.

Vermutlich gehen Sie davon aus, dass Ihr nett gemeinter Tipp bei Frauen mehr bringt. Denn in dem Vorstellungsgespräch, das Sie sich vorstellen, sitzt der_dem Bewerber*in als potentieller Chef ein heterosexueller Mann gegenüber. Dass es bereits Frauen (und nicht-heterosexuelle Männer) in Führungspositionen gibt, scheinen Sie vergessen zu haben. Dass besagte Menschen in Führungspositionen vielleicht Schwierigkeiten haben, sich bei einem attraktiven Mann in einem gut sitzenden Anzug nur auf den Lebenslauf zu konzentrieren, fällt Ihnen gar nicht erst ein. So sehr Sie mir als Frau den Job vielleicht wünschen, in Ihrer Vorstellung bleibt mein Chef immer ein heterosexueller Mann. Ich werde niemals Chefin sein.

Sehr geehrter Herr Wächter, ich bitte Sie nachdrücklich, sich über Ihre Ansichten zu Frauen im Business einmal ernsthaft Gedanken zu machen. Vielleicht konnte ich Ihnen ja helfen, Ihren eigenen unbemerkten Sexismus zu erkennen und in Zukunft besser nachzudenken, bevor Sie Aufforderungen an Frauen veröffentlichen. Mich würde es freuen, wenn Sie in der nächsten Ausgabe von EMS NEWS korrigierend Stellung zu Ihrem Artikel bezögen. Gerne würde ich auch einen konstruktiven Artikel über Sexismus am Arbeitsplatz lesen, der auch Männer dazu aufruft, ihr Verhalten zu ändern.

Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest,

Kim S

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass gute Vorsätze am besten bis Dezember halten, wenn man sie im November macht.

Hier geht’s zum EMS-Artikel.

 

Noch mal für alle

Veröffentlicht: 11. Oktober 2015 in Echt jetzt?
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Liebe Leute,

da offenbar immer noch nicht alle verstanden haben, wie wir auf fliehende Menschen zu reagieren haben, hier noch mal die häufigsten Fehlannahmen einfach erklärt.

Fluechtlingsboot

Dieses Boot ist voll.

DeutschlandSchiff

Dieses Boot ist nicht voll.

Seehofer

Dieser Mann will Grenzzäune bauen und sagt, er sei kein Rassist.

TrumpQuote

Dieser Mann will eine Grenzmauer bauen und sagt, er sein kein Rassist.

Hmmm.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Bahnfahren wirklich kompliziert ist.

Bildquellen: DW, Alles Kreuzfahrt, gmx, CNN Money

Am liebsten würde ich jede*n Rassist*in gegen eine*n geflüchtete*n tauschen. Bildquelle

Am liebsten würde ich jede*n Rassist*in gegen eine*n Geflüchtete*n tauschen.
Bildquelle

“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”

„Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

Hallo Westen™, erinnerst du dich?

So beginnt die Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. 1776 wurde sie unterzeichnet – lange ist das her. Vergessen wurde sie nicht. Sie ist bis heute eines der einflussreichsten Dokumente der westlichen™ Welt. Geflügelte Worte. Die Gleichheit aller Menschen. Die unumstößlichen Rechte. Leben. Freiheit. Das Streben nach Glück.

Das, lieber Westen™, ist ein Dokument, das von Menschen handelt. Das ist es, was Menschen tun. Wir wollen gleiche, unumstößliche Rechte genießen. Leben. Frei sein. Wir streben nach Glück. Jede*r von uns. Jeden Tag.

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika ist über 239 Jahre alt. Ihre Gründerväter waren weiße, christliche, privilegierte Männer. Sie schrieben damals „alle Menschen“ und meinten vermutlich weiße, christliche, privilegierte Männer. Das ist 239 Jahre her. Seitdem hat sich viel verändert. Frauen, Nichtweiße und Nichtchristen haben gesetzliche Gleichberechtigung erkämpft. Stände und Klassen sind zumindest offiziell überwunden. Seit 1776 sind wir einen weiten Weg gekommen. Aber wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns, um all das auch wirklich umzusetzen, für jede*n von uns, jeden Tag.

Und was tust du dafür, lieber Westen™? Jeden Tag kommen Menschen zu dir, die genau das wollen. Rechte. Leben. Freiheit. Glück. All die Fliehenden, die jeden Tag über das Mittelmeer und den Balkan nach Europa und über den Rio Grande in die USA kommen, streben nach Glück. Und du, der doch so stolz darauf ist, diese Bedürfnisse als erster erkannt zu haben, weist sie ab. Du lässt sie nicht nach Glück streben, weil sie nicht weiß, nicht christlich, nicht privilegiert sind, weil sie keine Europäer*innen und Amerikaner*innen sind. Deine Westlichen Werte™ gelten nicht für all die Menschen, die nicht aus dem Westen™ kommen. Die sind offenbar nicht „alle Menschen“.

„Sollen sie doch zuhause nach Glück streben“, sagst du. „Wir haben keinen Platz. Wir haben kein Geld. Wir können ihre Kultur, ihre Religion nicht brauchen.“

Und du? Hast du immer zuhause nach Glück gestrebt? Die Männer, die die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, stammten nicht aus Amerika. Ihre Vorfahren kamen aus Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden – Europa. Viele von ihnen hatten Europa verlassen, weil sie ihren puritanischen Glauben dort nicht ausleben konnten. Sie waren politisch Verfolgte, Religionsflüchtlinge. Andere waren neugierig. Ehrgeizig. Wollten etwas aufbauen. Perspektiven. Reich werden. Und wer zeigt deshalb mit dem Finger auf sie? Wer hat versucht, sie aufzuhalten? Lieber Westen™, du nicht.

Menschen gehen dahin, wo es ihnen am besten geht. Sie wechseln ihre Jobs, ihre Freunde, und manchmal wechseln sie ihr Land. Das war schon immer so, und das wird vermutlich immer so sein. Menschen wandern schon seit es sie gibt. Sie wollen überleben. Leben. Frei sein. Sie streben nach Glück. Staatsgrenzen kamen erst viel später. Beim Streben nach Glück kommen sie vielen in den Weg. Als Menschen aus Europa in Übersee nach Glück strebten, waren noch keine Grenzposten und Zäune da, um sie aufzuhalten. Jetzt, wo auch andere in Übersee nach Glück streben, sind sie überall. Kein Mensch ist illegal, wenn er_sie irgendwo hinkommt. Erst die Zäune machen ihn_sie illegal. „Illegalität“ ist ein menschgemachtes Konzept, und nicht nur das – sie ist ein westliches™ Konzept.

Was ich dir sagen will, lieber Westen™? Menschen streben nach Glück, und du hast kein Recht, sie aufzuhalten. Steck dir deine Grenzzäune sonst wohin. Du warst dran. Jetzt sind sie dran. Und egal, was sie dir für wirtschaftliche Probleme bereiten – denk mal drüber nach, woher ihre Probleme kommen. Denk darüber nach, wer sie kolonialisiert, versklavt und ermordet hat, ihre Grenzen falsch gezogen, sie bekriegt, ihre Unterdrücker mit Waffen beliefert, ihre Diktatoren unterstützt hat, wer sie länger als genug erst ausgebeutet und dann im Stich gelassen hat? Hör auf, sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abzutun, wenn du es warst, der ihre Wirtschaft zerstört hat. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was es bedeutet, Wirtschaftsflüchtling zu sein? Da gibt man nicht zuhause alles auf und kommt nach Amerika oder Europa, weil man ein dickeres Auto fahren will, sondern weil man Hunger hat, perspektivlos ist, die Arztrechnungen nicht bezahlen kann. Da will man erstmal was zu Essen und was zum Anziehen und ein kleines bisschen Hilfsbereitschaft, und keine verdammten Zäune oder Zeltstädte oder Nazihorden, die einem die Unterkunft anzünden. Und du, lieber Westen, bist dafür verantwortlich, dass das funktioniert.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Donald Trump mal versuchen sollte, durch den Rio Grande zu schwimmen.

Ich benutze das ™Symbol, wenn ich ein Konzept beschreibe, dass im allgemeinen Sprachgebrauch oft verwendet wird, obwohl es sich lohnt, dieses Konzept aufzubrechen. (normal™, Deutschland™, der Westen™)

Jugend Existiert

Veröffentlicht: 14. Juli 2015 in Echt jetzt?
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Liebe Leserinnen und Leser,

vergeben Sie mir bitte die lange Abwesenheit. Ich war in letzter Zeit sehr damit beschäftigt, meine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Monatelang war ich die einzige in meiner WG, die bei keinem Wirtschaftswettbewerb mitmachte. Junior, Jugend Gründet, Deutscher Gründerpreis, Schulbanker, Business@School und Jugend spekuliert mit Lebensmitteln gingen immer an mir vorbei. (Einer dieser Wettbewerbe ist kein richtiger Wettbewerb.)

Ich interessierte mich nie für Businesspläne. Mit Zahlen war ich schlecht. Ich konnte keinen Haushaltsplan aufstellen, weil ich schon regelmäßig meine PIN vergaß. Auf Konferenzen hatte ich keine Lust, auf Konkurrenz auch nicht, und um mich vier Stunden am Stück vor eine Excel-Tabelle zu setzen, fehlten mir einfach die Nerven. Ich war heillos faul und es gab mit Sicherheit bessere Teamplayer als mich. In der „echten freien Marktwirtschaft“ wäre ich vermutlich ziemlich schnell verhungert. Aber ich hatte lange Zeit auch nicht vor, durch Wettbewerbe besser im Wettbewerb zu werden. Wettbewerb war einfach nicht mein Ding.

Das, liebe Leserinnen und Leser, wird jetzt anders. Ich bin in den Wettbewerb eingetreten. Jeder gegen jeden, Compañeros. Ich hab’s verstanden. Wettbewerb ist total mein Ding. Man muss nämlich gar nicht fleißig, diszipliniert und ökonomisch sein. Es reicht, wenn man sich gut verkaufen kann – Präsentieren und Gewinnen!

Präsentieren und Gewinnen ist tatsächlich der Titel eines Wettbewerbs, der bei uns im Foyer beworben wird. Und der hat mich auf eine Idee gebracht.

Präsentieren und Verlieren! Die schlechteste Präsentation gewinnt.

Schummeln und Gewinnen! Gewinnen kann nur, wer die Aufgabenstellung umgeht. Wer das allerdings tut, erfüllt sie ja gleichzeitig, was allerdings wieder eine Umgehung der Aufgabenstellung wäre… es ist paradox. Meta-Schummeln.

Jugend Plagiiert! Nach Jugend Präsentiert, Jugend Forscht, Jugend Debattiert und Jugend Musiziert kommt jetzt das weitaus bessere EU-Remake des Schweizer Erfolgswettbewerbs Jugend Kopiert. Der erste Platz geht hierbei an das beste Plagiat des Vorjahres-Gewinners. In der Schweiz gewinnt zum Beispiel seit dreizehn Jahren die Beispielpräsentation.

Jugend Boykottiert! Der Pries wird an alle Teams verliehen, die erfolgreich nicht am Wettbewerb teilnehmen – allerdings nur bei Selbstabholung.

Jugend verpasst den Einsendeschluss! Was genau hier gefordert ist, weiß ich auch noch nicht genau. Aber ich wäre sicher gut darin.

Und last but not least – Jugend Existiert! Der Wettbewerb für all die unglücklichen Unwissenden, die sich immer noch vor dem Segen des Wettbewerbs zu drücken versuchen. Denn es ist nicht möglich, sich dem Wettbewerb zu verschließen! Nicht in unserer Welt! Wir können die Welt nicht ändern, also ist es nur logisch, uns ihr anzupassen! Willkommen in der Arena.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total cool wäre, auf der Oscar-Verleihung mit einem Segway über den roten Teppich zu fahren. (Und wenn das nächstes Jahr jemand macht: Kim S hat es zuerst gesagt!)

Hallo SYRIZA!

Veröffentlicht: 29. Januar 2015 in Echt jetzt?, Hallo Welt!
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Bildquelle: Wikipedia (bearbeitet)

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Hallo SYRIZA,

es hätte so schön mit euch werden können.

Schon vor der vorgezogenen Parlamentswahl in Griechenland war es relativ sicher, dass Ihr die Mehrheit im Parlament und den Ministerpräsidenten stellen würdet. Und das als junge, radikal linke Reformpartei. Alle deutschen Medien haben gezittert. Ich persönlich fand es ziemlich cool.

Es gab diese Kampagne unter deutschen Linken, Internationalen und Gewerkschaftlern, #westandwithsyriza. Die Teilnahme war einfach: druck das Bild aus, mach ein Foto von dir und dem Bild, poste es irgendwo unter dem Hashtag We stand with SYRIZA. Mein Bild war fertig. Und jetzt?

Ihr habt die Mehrheit bekommen. Und was dann? Von all den Koalitionspartnern, die ihr hättet haben können, habt Ihr euch ausgerechnet die „Unabhängigen Griechen“ ausgesucht, die neuen Rechtspopulisten, einen Ableger der konservativen Ex-Regierungspartei. (Kommt uns bekannt vor, nicht wahr, Deutschland?) Die sind nämlich, wie Ihr, gegen die Troika-Sparpolitik. Aber das ist auch schon alles. Und das ist euch genug? Dafür wollt Ihr alles andere in Kauf nehmen? Die Politik zurückstecken, die nichts mit den Spar-Reformen zu tun hat? Eure solidarische, internationalistische Ausrichtung über Bord werfen? Beim „nationalen Erwachen“ der Rechtspopulisten mitmachen, die sich einer Verschwörung zum Opfer gefallen sehen?

Was ist jetzt mit Griechenland? Was wird das „nationale Erwachen“ mit den Bürger*inne anstellen, die zu 36,34% in eine linke Regierung vertraut haben? Wie wird das Land aussehen, wenn die Krise nicht mehr das größte Problem ist? Wie wird es den Migranten gehen, die da sind, den Migranten, die noch kommen, den Homosexuellen, den Kindern, die keine einheitliche orthodoxe Schulbildung haben wollen?

Mein Vertrauen habt Ihr mit dieser allzu wütenden und total unüberlegten Querfront-Regierung fürs Erste verspielt. Mir als linksradikaler Europäerin ist sie peinlich. Wenn mir jemand sagt, links oder rechts, Extremismus sei immer gleich, dann halte ich ihm unter anderem immer vor, Links- und Rechts-„Populisten“ seien sich doch Spinnenfeind. Linke und rechte Regierungen hätten doch Unterschiede. Was soll ich jetzt sagen? Mir sind auch die Vertreter der Partei Die Linke peinlich, die das Problem dieser Regierung relativieren, schließlich seien die Unabhängigen Griechen keine Goldene Morgenröte und kein Front National. Was stimmt, aber nichts daran ändert, dass Ihr falsch entschieden habt.

Herzliches Beileid,

Kim S

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Strände auch ganz schön wären, wenn man sie mit Schnee auffüllen würde.

 

Passagiere Zweiter Klasse

Veröffentlicht: 6. Januar 2015 in Echt jetzt?, Unterwegs
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9:10
Ich wache auf und muss feststellen, dass ich, glücklicherweise voll bekleidet, neben einem Rollkoffer an einem Bahnsteig für Fernzüge stehe. Es dauert einen Moment, bis mir wieder einfällt, dass ich auf den ICE Frankfurt-Berlin  warte. Einen weiteren Moment brauche ich, um mich zu erinnern, was ich in Berlin will.
9:13
Mir fällt wieder ein, wie ich heiße. Mein Zug müsste langsam mal kommen. Mein Finger sind kalt. Ich hätte Handschuhe mitnehmen sollen.
9:17
Mein Zug ist immer noch nicht da. Ich drehe mich im Uhrzeigersinn, um die Rotation der Erde zu beschleunigen. (Das habe ich bei xkcd gelesen, stimmt also.) Einige Wartende schauen mich schräg an.
9:22
In der Drehung entdecke ich ein Schild, auf dem steht, dass an Gleisabschnitt A nur Passagiere der Ersten Klasse warten sollen. Natürlich befinde ich mich an Gleisabschnitt A, und natürlich habe ich kein Ticket für die Erste Klasse. „Verdammte Klassengesellschaft“, fluche ich, während ich meinen Koffer aus Protest zu Gleisabschnitt G schleife und die Deutsche Bahn ganz oben auf meine Revolutionsliste setze.
9:30
Mein Zug fährt ein.
9:31
Allerdings in verkehrter Wagenreihenfolge. Ich überlege, die Klassengesellschaft zu überwinden,  einfach in den vor mir zum Stehen gekommenen Erste-Klasse-Wagen zu steigen und dort eine Diktatur des Proletariats zu errichten, verwerfe den Gedanken jedoch beim Anblick der vielen Anzugträger, die über Headsets telefonieren und alle Steckdosen belegen.
9:32
Ich steige in einen Zweite-Klasse-Wagen und verstaue meinen Koffer im Überkopfgepäckfach. Zum Glück sitzt außer mir fast niemand im Wagen, sodass ich wenigstens im ersten Abschnitt der Reise keine schreienden Kleinkinder oder singende Wandervereine ertragen muss.
9:36
Der Zug ist endlich losgefahren. Ein Fahrkartenkontrolleur betritt den Wagen und verlangt freundlich, meine Fahrkarte zu sehen. Ich krame den Ausdruck mit meinem Ticket hervor und zeige ihn ihm.
„Haben Sie ein Bahn.Comfort-Ticket?“
„Ein was bitte?“
„Das ist ein Fahrschein, auf dem Bahn.Comfort steht. Dieser Waggon ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert.“
„Sie meinen, hier ist besetzt?“
„Hier ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert. Sie müssen sich einen freien Platz suchen.“
„Ich versteh Sie nicht. Das hier ist ein freier Platz.“
„Aber wenn Sie kein Bahn.Comfort-Ticket bezahlt haben, müssen Sie den Platz für jemanden mit…“
„Bezahlt? Hören Sie, ich habe ein Zweite-Klasse-Ticket bezahlt, das gibt mir das Recht, in einem Zweite-Klasse-Wagen zu sitzen. Ob Sie da irgendwo Bahn.Comfort hinschreiben und für die selbe Leistung zwei Euro mehr verlangen, ist mir total egal.“
„Wenn Sie eine Beschwerde haben, leiten Sie diese an unsere Geschäftsführung weiter. Ich muss Sie bitten, jetzt aufzustehen.“
„Ach ja? Und ich habe es satt, wie eine Passagierin Zweiter Klasse behandelt zu werden!“
„Aber… Sie sind eine Passagierin Zweiter Klasse.“
Er starrt mich an. Ich starre ihn an.  Es ist ein bisschen wie ein Duell.
„Chauvinist“, zische ich, während ich aufstehe, meinen Koffer nehme, den fast leeren Wagen räume und mich auf einen Platz setzte, der meinem alten Platz standardmäßig aufs Haar gleicht.
„Was sind Sie eigentlich für ein Bahn-Angestellter?“, rufe ich dem Kontrolleur hinterher. „Waggon heißt es nur bei Güterzügen. In Personenzügen sagt man Wagen!“
Dann denke ich an die Anzugträger, die mehr bezahlt haben als ich, und die trotzdem genau so zu spät kommen werden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass „Das Leben in vollen Zügen genießen“ auf Bahnreisen eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Der Bananen-Engpass

Veröffentlicht: 14. Dezember 2014 in Echt jetzt?
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In unserer Mensa gibt es in den ersten beiden Schulpausen immer Obst zu essen. Meistens Äpfel. Manchmal auch Birnen, Pflaumen oder Mandarinen. Das ist Standard. Als andere ist immer eine kleine Sensation.
Neulich kam ich ins Foyer, nichtsahnend, als ein spontaner Tumult vor der Mensa entstand. „Was ist da los?“, fragte ich. „Bananen!“, schrie der Typ, den wir Der Kommunist nennen. Zehn Sekunden später stand ich an der Obsttheke und musste zusehen, wie mir der Kommunist die letzte Banane wegfutterte.
„Da haben wir schon Kapitalismus, und dann gibt’s nicht mal Bananen!“, fluchte ich. „Krieg ich die Hälfte?“
„Nein“, sagte der Kommunist.
„Wo ist deine Solidarität geblieben, Genosse? Wenn schon niemand hinkriegt, genug Bananen zu besorgen, können wir sie doch wenigstens gerecht verteilen!“ Dann gab es also halbe Bananen. „Scheiß Sparpolitik“, sagte ich.
„Wollt ihr noch Bananen?“, fragte die Küchenchefin. „Es sind noch
welche in der Küche.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Rosinen weitaus besser betitelt wären, wenn sie „Trauben-Mumien“ heißen würden.

CCTV is everywhere…

Veröffentlicht: 21. Oktober 2014 in Echt jetzt?
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CCTV_HK

Das Chinesische Staatsfernsehen heißt also tatsächlich CCTV… witzig, denn die Abkürzung hat noch eine ganz andere Bedeutung:

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über private Videoüberwachung. Screenshot: Wikipedia

Der englischsprachige Wikipedia-Artikel über private Videoüberwachung.
Screenshot: Wikipedia

Das ist zumindest mir suspekt. Und „Smile, you’re on CCTV“ bekommt dadurch eine ganz neue Dimension.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man in der Schule als vierte Fremdsprache zwischen Chinesisch und Klingonisch wählen sollen könnte.

Wer in ein Internat einzieht, bekommt zwei heilige Schriften zur Begrüßung. Die eine ist das Wertepapier und predigt Toleranz, Solidarität und Respekt für alle. Die andere ist das Regelwerk, und darin steht: nichts an Türen und Schränke kleben.
Ich muss sagen, als ich die Antifa- und No-Homophobia-Sticker am Schrank eines Mitschülers entdeckt habe, waren es weniger die Aufkleber, über die ich mich gefreut habe, als vielmehr diese kleine Geste des zivilen Ungehorsams. Denn wenn wir trotz kostenloser Schulbildung unsere Unterbringung im Internat bezahlen müssen, dann ist es unser gutes Recht, die Renovierungspauschale zu verplempern.
Für viele Menschen bedeutet ziviler Ungehorsam allerdings immer noch…
…abends elmex und morgens aronal zu benutzen…
…den Ohrstöpsel fürs linke Ohr und rechte Ohr zu stecken…
…im Schwimmbad vom Beckenrand zu springen…
…sich mit Handcreme das Gesicht einzuschmieren…
…während der Fahrt mit dem Busfahrer zu sprechen
& mehr als drei Teile mit in die Umkleidekabine zu nehmen.
Diese Leute rebellieren nicht nicht, weil sie keine Gründe zum Rebellieren finden. Sie rebellieren nicht, weil sie keie Gründe zum Rebellieren suchen. Wer sich umschaut, findet überall Gründe. In jeder Welt gibt es etwas zu verbessern, und manchmal erreichen wir diese Verbesserung eben nur durch Widerstand. Um erfolgreich (oder wenigstens enthusiastisch) Widerstand zu leisten, müssen wir uns klar machen, warum es sich lohnt, Aufkleber zu verteilen.

Aufkleber machen nicht nur Laternenpfähle schöner - hier in Brighton.

Aufkleber machen nicht nur Laternenpfähle schöner – hier in Brighton.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Schule eine klassenlose Gesellschaft zu werden hat.

Kapitalismus im Kanu

Veröffentlicht: 25. September 2014 in Echt jetzt?, Unterwegs
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Kanufahren ist wie Kapitalismus.
Das mag weit hergeholt klingen, aber nach der gestrigen Schul-Kanutour kann ich nichts anderes dazu sagen. Genaugenommen sind Schleusen wie Kapitalismus, und zwar wie die marktradikalste Form, die man sich vorstellen kann.
Alle zwanzig Kanus, jeweils besetzt mit drei Schülern, fahren also in die erste Schleuse. Natürlich sind sie nicht alle gleichauf, über die Reihenfolge entscheidet, wer wann ins Wasser gelassen wurde. Damit sind manche Kanus also vor anderen. Die Schleuse schließt sich hinter dem letzten Boot. Und dann geht das Geschiebe los.
Alle Kanus versuchen, sich an den anderen vorwärts zu schieben. Weil die Schleuse nicht breit genug ist, wird jeder nach hinten gedrängt, der keine anderen Boote verdrängen kann. Bald sind die Typen mit den meisten Muskeln vorne. Ich ritze derweil Hausbesetzerzeichen in den Schlick an der Schleusenwand. Ihr kriegt uns hier nicht raus.
Dann gehen die schmutzigen Tricks los. Manche Boote versuchen, sich heimlich an anderen festzuknoten. Bei dem ein oder anderen beginnen die Hände zu bluten. Alle wollen möglichst weit nach vorne. Leider ist das Schleusentor zu. Wirklich voran kommt niemand.
Dann kommt Bewegung in den Wettbewerb. Um die Schleusentore zu öffnen, müssen alle ein Stück zurückpaddeln. Und da zeigt sich der wahre Charakter des Wettbewerbs.
Anscheinend denken sich alle, dass sie sich heimlich alleine vorwärtsschieben können, während sich der Rest rückwärts bewegt. Leider machen sie die Rechnung ohne die Skrupellosigkeit der anderen, und so bewegen sich doch alle vorwärts. Manche werden fast vom sich öffnenden Schleusentor versenkt.
Als die Tore dann endlich aufgehen, paddeln alle wie wild drauf los. Wenn sie ihre Kraft nicht für eine halbe Stunde Stillstand verbraucht hätten, wären sie zwar schneller, aber wenn stört’s?
Der Wettbewerb ist nicht fair. Das Prinzip, auf Kosten von anderen zu gewinnen, das Prinzip, dass es Verlierer geben muss, wenn es Gewinner geben soll, ist an sich schon nicht fair. Das größte Problem ist aber, dass nicht alle gleichzeitig starten. Die Menschen haben dieselben Rechte, aber nicht dieselben Chancen. Und da soll noch mal jemand behaupten, Gewinnen hätte allein mit Fleiß und Talent zu tun. Den nächsten Kapitalisten, der mich nervt, setzte ich einfach in ein Kanu.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Extrem-Bügeln sowieso die unterschätzteste Trendsportart ist.

Unser Team war übrigens zweites bei den Mädchen. Wir wären gute Managerinnen. Jo, Bitches.

Take the lead and melt it down

Veröffentlicht: 11. August 2014 in Allgemein, Echt jetzt?
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Das englische Wort für Blei ist lead.
Das englische Wort für Führung ist auch lead.
Zu viel Blei macht krank…

Feminismus? Ohne die Junge AfD…

Veröffentlicht: 8. August 2014 in Allgemein, Echt jetzt?
Schlagwörter:, , , ,

 

Das Bild ist von der Website der Jungen Alternative. Ich habe daran herumgebastelt - aber nur ein bisschen.

Das Bild ist von der Website der Jungen Alternative.
Ich habe daran herumgebastelt – aber nur ein bisschen.

Die Junge Alternative für Deutschland ist gar nicht so verkorkst, wie ich bisher dachte. Ich war mir sicher, es gäbe dort nur krasse Antifeministen. Es gibt aber noch mehr. Es gibt auch krasse Antifeminist*innen!

Per Facebook hat die JA schon vor Monaten die Kampagne „Vernunft statt Genderwahn“ oder „Gleichberechtigung statt Gleichstellung“ gestartet. Dabei gab es auch schon nackte Hintern zu sehen. (Es waren nicht die Hintern von AfD-Mitgliedern. Wäre ja auch zu schön gewesen. Aber anscheinend ist alles rechts von der CDU asexuell oder gibt sich zumindest so.)

Die nackten Model-Hintern waren aber nicht genug. Jetzt lichten sich auch AfD-Mädels als Antifeministinnen ab – allerdings nicht im Bikini, sondern mit Plakaten, auf denen sie erklären, warum sie keine Feministinnen sind. Kräftige Unterstützung kommt natürlich von den AfD-Jungs. Da diese ihre „Keimzellen der deutschen Gesellschaft“ später wohl mit braven, vernünftigen deutschen Mädchen gründen wollen, kommt ihnen die Selbst-Degradierungsaktion ihrer Parteifreundinnen wahrscheinlich sehr gelegen.

„Ich bin keine Feministin, weil mein Mann mein Fels in der Brandung ist“, „Ich bin kein Feminist, weil Familie wichtiger ist als Karriere und ich den Genderwahn stoppen will“ oder „Ich bin kein Feminist, weil ich keine Ideologie brauche, um Frauen zu respektieren“ sind die Aussagen. Irgendwie ist diese Anti-Ideologie fast schon witzig. Mir zumindest macht das Ausdenken von Sprüchen so viel Spaß, dass ich erwäge, sie auf T-Shirts zu drucken.

„Ich bin keine Feministin, weil ich das Denken lieber meinem Mann überlasse.“
„Ich bin keine Feministin, weil ich nicht weiß, wie man ein Kondom benutzt.“
„Ich bin kein Feminist, weil ich keine Frau will, die klüger ist als ich.“
„Ich bin kein Feminist, weil ich nicht kochen kann.“
„Ich bin keine Feministin, weil Eva auch keine Feministin war.“
„Ich bin kein Feminist, weil Frauen beim Sex die Klappe zu halten haben!“

Sehr schön, liebe AfD-Kids. Wie wäre es mit der nächsten Kampagne: „Ich mag keine Männer, weil…“, „Ich bin nicht sexy, weil…“ oder „Ich denke niemals selbst, weil…“? Ich würde euch dabei mit Vergnügen beraten.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Bernd Lucke mit seiner Blümchenkrawatte gar nicht so homophob aussieht, wie er redet.

Die taz hat übrigens auch ein paar lustige Vorschläge.