Archiv für die Kategorie ‘Krieg & Frieden’

Mein achter fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Verfassungsschutz. Nach meinem siebzehnten Geburtstag habe ich Post von einer zwielichtigen Vereinigung bekommen, die mir anbietet, Profi-Killerin zu werden.


Hallo Jochen.

Kim hier. Ich weiß, ich habe lang nichts mehr von mir hören lassen. Aber es ist verdammt wichtig.

Ich habe mich wohl mit den falschen Leuten angelegt. Keine Ahnung, was ich gemacht habe, jedenfalls kam gestern Post von einer Gruppe Bewaffneter, die wollen, dass wir uns treffen. Ich weiß nicht, woher sie wissen, wer ich bin und wo ich wohne, aber sie kennen meinen vollen Namen und mein Geburtsdatum, und ich schiebe hier langsam Panik.

Was wollen die von mir? Sie haben Waffen. Sie wollen mich in ein Kriegsgebiet schicken. Scheiße. Jochen, ich weiß nicht, was hier läuft. Warum tun sie das?

Vielleicht können Sie mir helfen. Ist Ihnen von ähnlichen Fällen bekannt? Oder haben die es nur auf mich abgesehen?

Einen Scan des Briefes habe ich angehängt. Bitte helfen Sie mir.

Kim

Beinahe befürchte ich, die Regierung hat den Bewaffneten meine Adresse verraten. Aber das würden die doch nicht wirklich tun, oder?

Beinahe befürchte ich, die Regierung hat den Bewaffneten meine Adresse verraten. Aber das würden die doch nicht wirklich tun, oder?

Remembrance Day

Veröffentlicht: 11. November 2015 in Krieg & Frieden, Unterwegs
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Hallo erstmal. Mich gibt es noch. Ihr könnt die „Haben Sie diese Bloggerin gesehen“-Schilder wieder abhängen, ich bin wohlauf und außerdem in Glasgow, wo ich Im Zuge eines Praktikums an der University of Glasgow Fische und Stechinsekten zähle, Erstsemestervorlesungen besuche und mich durch die vielen Buchläden im West End hipstere.

Je nachdem, wo man als erstes hinblickt, sieht Schottland auf den ersten Blick exakt aus wie England oder vollkommen anders. Mir fielen sofort die typischen Schornsteine auf, mit deren Hilfe ich auch bei völligem Orientierungsverlust feststellen könnte, dass ich mich irgendwo auf den britischen Inseln befinde. Die Geschäfte sind überwiegend die gleichen wie in England (oder in Wales). Das Essen ist ähnlich.

Andererseits ist es eben nicht England, es ist Schottland. Blau-weiße Flaggen sind überall – an den Gebäuden, auf den Milchtüten, und ein Jahr nach dem Referendum um die Unabhängigkeit trotzdem noch auf den Straßen, vor allem im sehr jungen West End von Glasgow. Das Geld sieht anders aus. Die Leute reden anders – viele verständlich mit rollendem r und langen Vokalen, andere so verschludert Hardcore-Glaswegian, dass es praktisch unmöglich ist, sie zu verstehen. (Ich meine euch, Taxifahrer an der Queen Street Station!) Die meisten sagen tatsächlich „wee“ statt „little“, was ich bisher für eine Legende gehalten hatte.

Was jedoch um diese Jahreszeit sowohl in Schottland aus auch in England und dem Rest des Vereinigten Königreichs zu beobachten ist, sind die stilisierten roten Mohnblüten, die gefühlt jede*r zweite auf der Straße – und fast jede*r in den Nachrichten – am Revers trägt. Sie bilden den Auftakt zum heutigen Rememberance Day und sollen an im Krieg getötete britische Soldaten erinnern. Verkauft werden sie überall – der Erlös geht an die Royal British Legion, eine Streitkräfte- und Veteranenversorgungsorganisation. Die Resonanz in der Bevölkerung – ob Unionistisch oder Pro-Independence – ist enorm. Letztes Jahr wurde sogar der Graben des Tower of London mit Keramikmohnblumen bestückt. Sie sind wirklich überall. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, muss ich schlucken.

Die roten Mohnblumen sollen an Kriege erinnern. Und wir sollen uns erinnern. Wir müssen uns an Kriege erinnern, weil die Alternative wäre, sie zu vergessen, zu verdrängen und zu wiederholen. Aber wir müssen uns mit dem Gedanken an die Kriege erinnern, dass sie eine Scheiß-Idee waren, dass Krieg immer eine Scheiß-Idee ist und wir in Zukunft bitte nicht mehr auf Scheiß-Ideen kommen sollen.

Uns also mit dem Gedanken an Kriege zu erinnern, dass unsere Soldaten, unsere „Kriegshelden“ darin verletzt und getötet wurden (und werden), ist ebenfalls eine Scheiß-Idee. Es glorifiziert die Soldat*innen, glorifiziert das Militär, und glorifiziert damit letztendlich den Krieg. Krieg ist nicht schlimm, sagen die roten Mohnblumen. Wenn unsere Soldat*innen sterben, das ist schlimm! Kein Wort über die Zivilist*innen, die täglich sterben, verletzt werden, ihre Häuser, Arbeit, Familien und Freunde verlieren. Kein Wort über Kriegsflüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder, die sich, anders als unsere Soldat*innen, nie entschieden haben, in Kriegsgebieten zu sein. Sie sind die Mehrheit der Opfer der Kriege im 21. Jahrhundert, die unser Militär kämpft, oder auch nicht, je nach Interesse. Krieg ist erinnerungswürdig, aber nur unsere Seite des Krieges, sagen die roten Mohnblumen. Sie sagen nicht Nie wieder, sie sagen Soldaten sind Helden. Und wenn die Soldat*innen im ersten und zweiten Weltkrieg Helden waren, warum dann nicht die in Afghanistan und dem Irak?

Ich habe in dem Absatz öfters wir gesagt, uns, unser. Ich meine natürlich die Briten. Nicht uns. Wir nicht. Wir waschen unsere Hände in Unschuld. Wir sind nicht die. Wir haben keine obligatorischen roten Mohnblumen, keinen „Poppy Fascism“, wie Moderator Jon Snow das Event nennt. Wir haben die blaue Kornblume, längst nicht so prominent wie der rote Mohn, aber nicht selten, und allgemein akzeptiert. Weil unsere Soldaten ja auch gestorben sind. Unsere Großväter haben auf der anderen Seite gekämpft. Die betrauern ihre Toten, wir betrauern unsere Toten. Deren Großväter gegen unsere Großväter. Jeder für sich. Die sind nicht wir. Wir sind Deutschland. Wir sind blau, die sind rot. Wir sind Kornblumen, die sind Mohn. Wir gegen die.

Jeder Mensch darf trauern. Jeder Mensch darf Flagge zeigen. Aber kein Mensch in keinem Land sollte sich herausnehmen, nur für ein Land zu trauern, und nur für die Soldat*innen. Weil deren Tod falsch war, aber keineswegs falscher als alle anderen Tode. Weil ihre Leben nicht erinnerungswürdiger oder „mehr wert“ waren als alle anderen, die sie und der Krieg ausgelöscht haben. Weil kein Mensch weniger betrauert werden sollte, weil er_sie zur anderen Seite gehörte. Weil jeder einzelne Tod gleich schrecklich und jeder einzelne Tod gleich überflüssig war.

Weil jeder Krieg eine Scheiß-Idee ist.

Deshalb muss ich jedes Mal schlucken, wenn ich eine schottische Person mit einem wunderbaren Akzent und wunderbar liberalen Ansichten und einer verdammten roten Mohnblume treffe. Und deshalb habe ich nichts als Solidarität mit und Achtung vor allen, die heute anstatt einer roten Blume eine weiße tragen, um zu sagen, Nie wieder.

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus?  Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus? Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Walisisch geschrieben aussieht, als hätte jemand wahllos Buchstaben zusammengeschmissen, die beim Scrabble übrig geblieben sind – und viele ls. (Aber es klingt super.)

PS: Hallo Jochen! Falls Sie das lesen– ich habe hier oben ein paar Orte entdeckt, die nicht videoüberwacht sind. Können Sie das mal dem britischen Geheimdienst weitersagen? Ich glaube, die haben Schottland einfach vergessen. Frechheit.

Hallo FraGIDA, wir haben uns gestern leider knapp verpasst.

Ich wünschte, ich wäre gestern auf der Gegendemonstration gewesen. Es muss lustig gewesen sein, zu hören, wie Heidi Mund immer hysterischer wurde und wie Ihr knapp 70 FraGIDA-Freaks unter den 16000 Gegendemonstranten untergingt. Ich hätte gern das Abendland gegen die Pegidisierung verteidigt. Ich war nicht dabei, weil ich und die sieben Freunde, mit denen ich mich verabredet hatte, schließlich an einer Unmenge bürokratischer und logistischer Problemchen gescheitert sind. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung, ich weiß. Die Party lief ja dann auch ohne uns.

In der Presse sieht man euch als schwarz gekleidete, Fraktur-beschriftete Fahnenschwenker. Interessanterweise sind alle Fahnen Deutschlandflaggen, Europafahnen habe ich keine einzige gesehen. Wofür das E in „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes“ wirklich stehen soll, ist mir also schleierhaft. Aber PDGIDA klingt einfach bescheuert, und würdet Ihr euch wahrheitsgemäß VODGAA (Völkisch Orientierte Deutsche Gegen Alle Anderen) nennen, hättet Ihr es wohl kaum von facebook auf die Straße geschafft. Seid Ihr die Mitte der Gesellschaft? Der besorgte Deutsche? Der kleine Mann? Das Volk?

PEGIDA, Ihr seid nicht das Volk. Das Volk ist, das müsst Ihr akzeptieren, bunt, „linksversifft“ und zu 5% muslimisch. Egal, wie viele Deutschlandflaggen Ihr schwenkt. Und Ihr verteidigt nicht das Abendland. Die 16000 Frankfurter*innen, die euch gestern ausgelacht haben, die verteidigen das Abendland. Ihr seid lächerlich.

Eine Bitte noch: könntet Ihr *verdammt noch mal* aufhören, Israel-Flaggen zu schwenken? Ihr sprecht nicht für Israel, Ihr sprecht nicht für die Juden in Deutschland, und hättet Ihr ein wenig Ahnung von der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Ihr hättet sicher das ein oder andere Mitglied auf der Gegendemo entdeckt. Die Gemeinde gehört nämlich zu den Organisatoren derselben.

Ihr beruft euch auf die „jüdisch-christlichen“ Wurzeln des Abendlandes, um damit der dritten abrahamitischen Religion, dem Islam, hier die Existenz abzusprechen. Muslime in Deutschland, eine religiöse Minderheit, diffamiert Ihr auf Grund ihres Glaubens und ihrer Kultur. Und glaubt Ihr wirklich, damit im Sinne der jüdischen Minderheit in Deutschland zu sprechen, die lange genug selbst verfolgt wurde? Die Bilder, die heute anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren durch die Medien gehen, sollen uns nicht nur daran erinnern, dass Faschismus nie mehr sein darf. Sie sagen uns auch, dass Hass niemals eine Lösung ist. Damals nicht, heute nicht, und auch in Zukunft nicht.

PEGIDA, FraGIDA – Ihr seid nicht ich. Ihr seid nicht Deutschland. Ihr seid nicht das Abendland. Ihr seid eine – in Frankfurt nicht einmal siebzigköpfige – rechte Randgruppe, und ich hoffe, Ihr habt es gestern verstanden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es weniger Krieg gäbe, wenn wir alle mehr essen und mehr schlafen würden. Grüße von der Lügenpresse!

Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Sie leben mit Ihrer Freundin in einer Stadt in einem Land, in dem Sie sich sicher fühlen. Sie sind in der Lage, ihren Beruf frei auszuüben und nach ihre Religion zu leben. Ihr größtes Problem besteht darin, dass die Regierung in Ihrem Land nicht demokratisch gewählt wurde.
Dann befiehlt die Regierung, Sie und Ihre Landsleute müssten umgesiedelt werden, temporär, versteht sich. Sie machen sich also mit Ihrer Freundin auf den Weg in Ihr neues Übergangszuhause. Leider müssen Sie feststellen, dass sich niemand um Unterkünfte für die Umgesiedelten gekümmert hat, und auch die Logistik ist ausgesprochen dürftig, Sie müssen also laufen. Dass Ihre Freundin hochschwanger ist, scheint niemanden zu interessieren.
Schließlich müssen Sie in einer total heruntergekommen Baracke übernachten, weil niemand bereit ist, sie aufzunehmen. Bei Ihrer Freundin setzen die Wehen ein, und Sie sind gezwungen, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen Ihr Kind zur Welt zu bringen.
Dann kommt es noch schlimmer. Die Regierung sieht, warum auch immer, eine Bedrohung in Ihrem unschuldigen Kind und beschließt, Sie alle drei umbringen zu lassen. Um sicher zu gehen, dass Sie auch wirklich tot sind, richtet die Regierung zudem ein Massaker an Ihren Landsleuten an. Was tun Sie? In Ihrem Land können Sie nicht bleiben, also müssen Sie wohl oder übel fliehen.
Auf legalem Weg können Sie das Land nicht verlassen.
Den ungünstigen Umständen zum Trotz gelingt es Ihnen, unversehrt ins Nachbarland zu fliehen. Die Menschen dort sprechen eine andere Sprache, haben eine andere Religion und waren in der Vergangenheit nicht allzu gut auf Ihr Land zu sprechen, aber Sie hoffen auf ihre Gastfreundschaft.

Ende der Geschichte: Sie erleiden zwar einen Kulturschock, werden aber in Ihrem Gastland gut aufgenommen. Zuhause sprechen Sie selbstverständlich Ihre Muttersprache, und auch Ihre Religion können Sie ungestört ausleben. Ihr Sohn verbringt eine schöne Kindheit dort und wird später der Gründer einer Weltreligion, die (zumindest oft, 2000 Jahre später) Toleranz und Nächstenliebe predigt.

Alternatives Ende der Geschichte: Sie landen zunächst in einem Auffanglager, wo Sie unter kaum verbesserten Bedingungen ohne Job und Sprachkenntnisse mehrere Jahre verbringen. Als Ihr Asyl-Antrag schließlich behandelt wird, haben Sie bereits das Gefühl, die Bürger dieses Landes seien gegen Sie, zumindest die mit den PÄGIÄ-Plakaten, die sich selbst „Patriotische Ägypter gegen die Israelisierung Ägyptens“ nennen und die panische Angst davor haben, sich mit Ihrer Religion anzustecken. Nach Ablehnung Ihres Antrages werden Sie zurück in Ihr Heimatland abgeschoben, das gerade von Ihrem Aufnahmeland zum sicheren Drittstaat erklärt worden ist. Dort werden Sie bald von einem wütenden Mob zu Tode geprügelt.

Liebe Pegida-Sympathisanten, liebe Fahnenträger westlicher Werte, liebe Verteidiger der christlich-abendländischen Kultur,
denken Sie an diese Geschichte, wann immer Sie einen Zuwanderer anderer Religion treffen, und wenn Sie das nächste Mal meinen, dass Zuwanderung klare Regeln braucht, dann rufen Sie sich in Erinnerung, dass Ihr Messias auch ein Asylant war.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Pullunder nicht zum DRÜBER-Ziehen gemacht sind.

Mein Name ist Kim S. Ich wurde zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer im Westen der BRD geboren. Die Wende beginnt für mich im letzten Kapitel meines Geschichtsbuches. Ich kenne kein anderes Deutschland als ein Vereintes. Ich erinnere mich nicht an die innerdeutsche Grenze. Ich kann sie mir auch nicht vorstellen. Ich habe keine Ahnung davon, und ich nehme mir nicht das Recht heraus, darüber zu schreiben. Das will ich auch nicht. Das will ich denen überlassen, die dabei waren. Mein Name ist Kim S, ich bin fünfzehn Jahre alt und Europäerin, und heute möchte ich über eine andere Mauer schreiben.

Die Mauer, über die ich schreiben möchte, ist offiziell keine Mauer. Offiziell ist sie nicht einmal ein „Antiimperialistischer Schutzwall“. Sie ist eine „Eindämmungsanlage“. Klingt, als könne sie Wassermassen eindämmen, Ebola oder dem Klimawandel. Kann sie aber nicht. Das einzige, was sie eindämmen kann, sind „Flüchtlingsströme“.

Screenshot: Duden Online

Screenshot: Duden Online

Flüchtlinge sind Menschen. Was gibt uns als Europäern das Recht, andere Menschen wie Wasser zu behandeln?

Eindämmungsanlagen sind dazu da, Wasser im eingedämmten Gebiet drinnen zu halten. Sie sind nicht dazu da, Menschen aus dem eingedämmten Gebiet draußen zu halten. Sicherlich nicht, sie zu hindern, aufzuhalten und zu unterdrücken. Und sicherlich nicht mit Stacheldraht und Reizmittelschussanlagen. Wären die europäischen Außengrenzen wirklich Eindämmungsanlagen, würden sie kein Menschenleben fordern. Nicht in Spanien/Marokko, nicht in Griechenland/Türkei, nicht in Bulgarien/Türkei, nirgendwo. Und dass sie Menschenleben fordern, kann auch nicht dadurch relativiert werden, dass es keine Schießbefehle gibt. Es sterben Menschen, die Grenzzäune sind der Auslöser, das müsste doch reichen, um als Menschenrechtsverletzung durchzugehen. Tut es aber nicht.

Die wenigen Menschen, die gegen das Unrecht an den europäischen Außengrenzen vorgehen, werden sofort kriminalisiert. Die Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit, die sich mit Bolzenschneidern nach Griechenland aufgemacht hatten, wurden von der serbischen Polizei festgenommen. In Deutschland werden sie übrigens wegen besonders schweren Diebstahls der weißen Kreuze gesucht, die in Berlin an die Mauertoten erinnern sollen. Die Aktivisten haben die Kreuze an die europäische Außengrenze gebracht, zu ihren Schicksalsgenossen. Rechtlich gesehen sind die Festnahmen natürlich begründet. Es handelt sich um Diebstahl und versuchte Sachbeschädigung, vermutlich auch um Sabotage und Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Die Frage, die wir uns aber wirklich stellen sollten, lautet: Warum werden die von der Polizei verfolgt, die die Mauer abreißen wollen, und nicht die, die sie gebaut haben? Was ist die (unbemerkte!) Versetzung von Denkmälern und eine Kunstaktion mit Bolzenschneidern gegen die Inkaufnahme von tausenden toten Menschen?

Wer sich die Internetartikel über die Aktion des ZPS anschaut, findet darunter fast ausschließlich Kommentare wie

Screenshot: Spiegel Online

Screenshot: Spiegel Online

Screenshot: Spiegel Online

Screenshot: Spiegel Online

Was all diese Kommentierenden nicht verstehen: es geht nicht um die Verhöhnung von Mauertoten und Diktaturopfern. Es geht um das Retten von Menschenleben. Und es geht nicht um das Ausnutzen von Flüchtlingen zu linkspopulistischen Zwecken. Es geht um das Retten von Flüchtlingen. Und – an ihrem Tod sind nicht die Fliehenden mit ihren „waghalsigen Aktionen“ schuld. Was für ein Widerspruch, in ein und demselben Kommentar die einen Mauertoten zu verteidigen und die anderen für das Unrecht, das ihnen wiederfährt, verantwortlich zu machen!

Keine Mauer steht für immer. Das hat man von der in Berlin schließlich auch gedacht, und heute ist das 25. Jubiläum ihres Falls. Irgendwann werden auch die europäischen Mauern fallen. Irgendwann werden in ganz Europa und darum herum Kinder geboren werden, die sich ein Leben mit Mauern nicht mehr vorstellen können. Aber die Mauern werden nicht von selbst fallen, genau so wenig, wie die Berliner Mauer von allein gefallen ist. Jemand muss sie umstoßen, damit sie fallen. Deshalb hat das Zentrum für Politische Schönheit meine uneingeschränkte Solidarität. Wenn der Berliner Mauerfall 28 wird, werde ich volljährig. Und wenn die europäischen Mauern dann noch stehen, bringe ich einen Bolzenschneider mit. (Ist natürlich alles Theater. Aktionskunst an der längsten Bühne der Welt.)

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Die Deutschen™ ohne importierte Küche schon längst verhungert wären.

CDU will Krieg verbieten?

Veröffentlicht: 7. August 2014 in Echt jetzt?, Krieg & Frieden
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Höchster Kreisblatt 23. Juni 2014

Höchster Kreisblatt
23. Juni 2014

Oh. Junge Deutsche sollen nicht an bewaffneten Konflikten im Ausland teilnehmen? Das war mir neu.
Sicherlich ist es auch Frau von der Leyen neu, die mit einer Konjunkturspritze von insgesamt über 10 Milliarden Euro für die Bundeswehr winkt.

10 Milliarden Euro!
10.000.000.000 €
1.000.000.000.000 ct
Mehr als 114.155 Jahre (!) Arbeit, wenn man 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr durcharbeitet und dabei den von den Linken geforderten Mindestlohn bekommt.

Auf der Welt gibt es über sieben Milliarden Menschen. Das ist mehr als ein Euro pro Mensch. Für die Armee eines einzigen Landes. Und da soll noch mal eine CDU-Politikerin sagen, sie sei dagegen, dass junge Deutsche sich an bewaffneten Konflikten beteiligen!

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass zwischen „mit dem Ziel“ und „an bewaffneten Konflikten“ ein Komma fehlt.

Goldener Windbeutel für die Bundeswehr

Veröffentlicht: 30. Juli 2014 in Echt jetzt?, Krieg & Frieden
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Der Goldene Windbeutel, der jährlich von der Organisation FoodWatch verliehen wird, ist ein Negativpreis für die verlogenste Produktwerbung, vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen. Actimel, Milchschnitte und Capri-Sonne waren schon unter den Preisträgern. Coole, vielversprechende Werbung, ungesunder Inhalt – das ist oft Standard in der Werbung, und das nicht nur bei Lebensmitteln.

Den Preisträger 2014 muss die Verbraucherumfrage noch bestimmen. Wie wäre es, wenn statt Nutella, Cola Light oder Activia dieses Jahr ein echter Werbepfuscherverein den Preis bekäme?

Den Goldenen Windbeutel 2014 verdient am meisten die deutsche Bundeswehr!

Soldat ist ein tödlicher Beruf. Nicht nur für denjenigen, der im Panzer sitzt, sondern auch für denjenigen, der aus Versehen vor den Panzer läuft. Dabei muss man sich doch fragen: sind die Zivilisten im Weg? Oder sind die Panzer im Weg?

Darüber, ob das Massensterben von Soldaten und Zivilisten notwendig ist, lässt sich sowieso streiten. Ganz klar sollte aber sein, dass für einen tödlichen Beruf, ob notwendig oder nicht, nicht auch noch mithilfe von Sommercamps geworben werden soll.

Man mag hier gegenhalten, dass die Bundeswehr ohne diese Veranstaltungen wohlmöglich keinen Nachwuchs finden würde. Junge Leute interessieren sich eben mehr für Sport und Flugzeuge als für zerfetzte Gliedmaßen und tote Zivilisten. Die gehören allerdings auch zur Bundeswehr – die, und nicht Sommercamps und Journalistenworkshops. Wenn sich niemand für die wahren Inhalte der Bundeswehr begeistert, bedeutet das dann nicht, dass die wahren Inhalte der Bundeswehr schlichtweg abstoßend sind?

Die Bundeswehr wirbt mit Sport, Action und dem Versprechen auf intellektuellen Austausch für Auslandseinsätze, die, ob notwendig oder nicht, sowohl die Mitglieder der Streitkräfte als auch tausende von Zivilisten täglich in Lebensgefahr bringen und viele von ihnen töten. Kein Wunder, dass es mittlerweile Schulen gibt, die sogenannte „Jungendoffiziere“ der Bundeswehr nicht mehr zu „Informationsveranstaltungen“ einladen und Werbematerial der „Young Leaders Presseakademie“ – mitgetragen von der Bundeswehr – nicht verteilen. Denn daraus, dass all diese Veranstaltungen zur Anwerbung von Nachwuchs dienen, macht die Bundeswehr selbst keinen Hehl. „Und das ist auch das Ziel des Sommercamps – Einblicke geben und Begeisterung für den Soldatenberuf wecken.“ So heißt es etwa auf der Jugendwebsite der Bundeswehr. „Ich kann mir schon vorstellen, später bei der Bundeswehr zu landen“ und „Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, später zur Bundeswehr zu gehen“ werden Vierzehn- und Fünfzehnjährige zitiert, die sich schon um den Finger haben wickeln lassen. Vielleicht winkt den beiden wirklich eine glorreiche Karriere. Vielleicht enden sie auch schon in ein paar Jahren als Kollateralschaden.

Von den Risiken des Soldatenberufs schreibt die Bundeswehr auf diesen Websites natürlich nichts. Die Karriereseite der Bundeswehr verspricht stattdessen das Blaue vom Himmel. Lesen Sie mal folgende Stellenanzeige: „Als […] erwarten Sie interessante und abwechslungsreiche Aufgaben mit hohen Anforderungen. Dafür bieten wir Ihnen Teamwork, berufliche Qualifizierung und ein attraktives Gehalt. Informieren Sie sich!“ Könnten Sie das einem Beruf zuordnen? Lehrer? Koch? Pilot vielleicht? Wer genau hinschaut, liest nur hohle Phrasen, die auch auf einer Capri-Sonne stehen könnten. Der Windbeutel wäre verdient.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man eine Eyeliner-Flatrate einführen müsste.

 

 

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