Jugend Existiert

Veröffentlicht: 14. Juli 2015 in Echt jetzt?
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Liebe Leserinnen und Leser,

vergeben Sie mir bitte die lange Abwesenheit. Ich war in letzter Zeit sehr damit beschäftigt, meine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Monatelang war ich die einzige in meiner WG, die bei keinem Wirtschaftswettbewerb mitmachte. Junior, Jugend Gründet, Deutscher Gründerpreis, Schulbanker, Business@School und Jugend spekuliert mit Lebensmitteln gingen immer an mir vorbei. (Einer dieser Wettbewerbe ist kein richtiger Wettbewerb.)

Ich interessierte mich nie für Businesspläne. Mit Zahlen war ich schlecht. Ich konnte keinen Haushaltsplan aufstellen, weil ich schon regelmäßig meine PIN vergaß. Auf Konferenzen hatte ich keine Lust, auf Konkurrenz auch nicht, und um mich vier Stunden am Stück vor eine Excel-Tabelle zu setzen, fehlten mir einfach die Nerven. Ich war heillos faul und es gab mit Sicherheit bessere Teamplayer als mich. In der „echten freien Marktwirtschaft“ wäre ich vermutlich ziemlich schnell verhungert. Aber ich hatte lange Zeit auch nicht vor, durch Wettbewerbe besser im Wettbewerb zu werden. Wettbewerb war einfach nicht mein Ding.

Das, liebe Leserinnen und Leser, wird jetzt anders. Ich bin in den Wettbewerb eingetreten. Jeder gegen jeden, Compañeros. Ich hab’s verstanden. Wettbewerb ist total mein Ding. Man muss nämlich gar nicht fleißig, diszipliniert und ökonomisch sein. Es reicht, wenn man sich gut verkaufen kann – Präsentieren und Gewinnen!

Präsentieren und Gewinnen ist tatsächlich der Titel eines Wettbewerbs, der bei uns im Foyer beworben wird. Und der hat mich auf eine Idee gebracht.

Präsentieren und Verlieren! Die schlechteste Präsentation gewinnt.

Schummeln und Gewinnen! Gewinnen kann nur, wer die Aufgabenstellung umgeht. Wer das allerdings tut, erfüllt sie ja gleichzeitig, was allerdings wieder eine Umgehung der Aufgabenstellung wäre… es ist paradox. Meta-Schummeln.

Jugend Plagiiert! Nach Jugend Präsentiert, Jugend Forscht, Jugend Debattiert und Jugend Musiziert kommt jetzt das weitaus bessere EU-Remake des Schweizer Erfolgswettbewerbs Jugend Kopiert. Der erste Platz geht hierbei an das beste Plagiat des Vorjahres-Gewinners. In der Schweiz gewinnt zum Beispiel seit dreizehn Jahren die Beispielpräsentation.

Jugend Boykottiert! Der Pries wird an alle Teams verliehen, die erfolgreich nicht am Wettbewerb teilnehmen – allerdings nur bei Selbstabholung.

Jugend verpasst den Einsendeschluss! Was genau hier gefordert ist, weiß ich auch noch nicht genau. Aber ich wäre sicher gut darin.

Und last but not least – Jugend Existiert! Der Wettbewerb für all die unglücklichen Unwissenden, die sich immer noch vor dem Segen des Wettbewerbs zu drücken versuchen. Denn es ist nicht möglich, sich dem Wettbewerb zu verschließen! Nicht in unserer Welt! Wir können die Welt nicht ändern, also ist es nur logisch, uns ihr anzupassen! Willkommen in der Arena.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total cool wäre, auf der Oscar-Verleihung mit einem Segway über den roten Teppich zu fahren. (Und wenn das nächstes Jahr jemand macht: Kim S hat es zuerst gesagt!)

In Irland kann man jetzt heiraten. Bildquelle

In Irland kann man/frau jetzt heiraten.
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Als erstes Land der Welt hat Irland nach einem Volksentscheid die Ehe legalisiert. Für Paare in Irland ist es jetzt also endlich möglich, zu heiraten und somit offiziell als Paar zusammenzuleben. Bisher war das in Irland nicht möglich. Partnerschaften konnten zwar anerkannt werden, aber sie genossen nicht den rechtlichen Schutz einer Ehe. Irland war in dieser Hinsicht bislang ein Spätzünder, denn dort ist es erst seit 1993 legal, überhaupt einen Partner zu haben.

Vor dem Referendum am 22. Mai schien unklar, ob das Volk den Schritt zur Öffnung der Ehe wagen würde. Irland ist ein sehr katholisches Land, und die katholische Kirche stellt sich noch immer vehement gegen die Ehe. In streng religiösen Kreisen gilt das Zusammenleben von Paaren als unnatürlich und unmoralisch – genau wie zum Beispiel Sex. Kardinal-Staatssekretär Parolin im Vatikan bezeichnete die Entwicklungen in Irland sogar als eine „Niederlage für die Menschheit“.

Liberale und säkulare Iren hingegen feiern das Referendum als einen Sieg der Toleranz und einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung von Paaren. Unter den Hashtags #MarRef (Marriage Referendum), #equal (gleichberechtigt) und #YES (ja) zeigen sie auch im Internet ihre Solidarität mit den heiratswilligen Paaren.

In Deutschland ist es Paaren bisher noch nicht erlaubt, zu heiraten. Doch auch bei uns werden seit Jahren immer mehr Stimmen laut, die Ehe zu öffnen. Nicht nur Liberale und Linke, sondern auch die „Mitte der Gesellschaft“ wird Paaren und Individuen gegenüber immer aufgeschlossener. In der Politik stemmen sich einzig CDU und AfD vehement gegen die Ehe – als Partei der konservativen, traditionellen und „christlichen“ Werte sieht es die Union nicht gern, wenn geheiratet wird. Die AfD steht hier wie gewohnt noch einen Schritt weiter rechts.

Dass Paare sogar in streng christlichen Ländern wie Irland und einigen Staaten der USA heiraten dürfen, nicht aber im angeblich so aufgeklärten Deutschland, sollte uns zu denken geben. Ein Volksentscheid wäre auch bei uns eine Möglichkeit, die Ehe für alle zu legalisieren.

Allerdings frage ich mich, ob ein Volksentscheid nicht ein falsches Signal setzten würde. Denn was geht es die Mehrheitsbevölkerung, die gar keinen Partner heiraten möchte, an, ob Paare heiraten dürfen? Sollte die Möglichkeit, einen Lebensbund mit einem Partner der Wahl einzugehen, nicht für alle ein unumstößliches Grundrecht sein, an dem auch kein Volksentscheid etwas ändern kann? Ich mache mich für die Einführung der Ehe per Gesetz stark – denn auch, wenn gesellschaftliche Akzeptanz für Paare wünschenswert ist, darf (mangelnde) gesellschaftliche Akzeptanz nicht über Grundrechte entscheiden. Das Wahlrecht für alle wurde schließlich auch nicht erst eingeführt, als plötzlich die Mehrheit der bis dahin wahlberechtigten Bevölkerung dafür war. Damals waren es die nicht wahlberechtigten Frauen, die das Wahlrecht für sich selbst erkämpften – die Paare und Individuen, die heiraten wollen, fordern die Ehe schon jetzt. Zeit, sie zu hören. Zeit, zu begreifen, dass alle Menschen und Liebesformen gleich viel wert sind. Zeit für einen Schritt in die richtige Richtung.

Hinweis: dieser Text ist keine Satire. Ich habe lediglich an einigen Stellen die Adjektive gleichgeschlechtlich, schwul und lesbisch weggelassen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es in der U-Bahn für alle, die vor neun aufstehen mussten, erlaubt werden sollte, die Füße hochzulegen.

Liebster Blog Award!

Veröffentlicht: 26. April 2015 in Allgemein
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Rudilu von Blattsalat hat mich für den Liebester Blog Award nominiert, durch den kleine Blogs (unter hundert Follower) bekannter werden sollen. Danke schön!

Beim Liebster Blog Award können sich Blogger*innen gegenseitig nominieren. Man beantwortet zehn Fragen, die einem gestellt wurden, und denkt sich zehn weitere Fragen aus, die man zehn weiteren Blogger*innen stellt, die man nominieren möchte. Die nominierten Blogger informiert man per Kommentar. Niemand ist gezwungen, mitzumachen. Ich wurde folgendes gefragt:

  1. Warum hast du mit dem Bloggen angefangen?

Das war genaugenommen Zufall. Ich erzählte jemandem, dass ich schreibe und mich für Politik interessiere, woraufhin er wissen wollte, ob ich blogge. Ich verneinte, und dann fragte ich mich – Warum eigentlich nicht?

  1. Wie viel Zeit investierst du in deinen Blog? Würdest du gerne mehr Zeit investieren?

Ich blogge etwa zwei Mal im Monat und sitze ungefähr eine Stunde an einem Post, allerdings verbringe ich mehr Zeit damit, Blogs zu lesen. Mehr Aufwand lassen leider die Schule und der ganze Rest nicht zu.

  1. Was machst du in deiner Freizeit gerne, wenn du nicht gerade bloggst?

Wenn ich nicht blogge, schreibe ich gern andere Dinge. Außerdem spiele ich Theater.

  1. Welche Farbe ist deine Lieblingsfarbe und wieso?

Meine Lieblingsfarben sind hellgrün, weil sie sehr frisch und lebendig ist, und schwarz, weil ich am liebsten schwarze Klamotten trage.

  1. Kochst du lieber oder backst du lieber?

Ich backe lieber, vor allem vor Weihnachten.

  1. Gibt es einen Trend, der dich nervt?

Mich regt manchmal auf, dass im Radio DJ-Remixes von Liedern laufen, die im Original viel besser klingen. Und der Hype um schlecht geschriebene Erotik-Romane mit devoten Frauen.

  1. Wenn du den Jackpot im Lotto gewinnen würdest, was würdest du mit dem Geld tun?

Viel von dem Geld würde ich in ein Projekt investieren, das soziale Gerechtigkeit fördert, zum Beispiel, indem ich ein soziales und ökologisches Start-Up im globalen Süden finanziell unterstützen würde. Abgesehen davon würde ich Geld fürs Studium zurücklegen und vielleicht ein Gebäude oder einen Garten ankaufen, um dort Freiraum für junge Leute und ihre Projekte zu schaffen. Ein ehemaliges Fabrikgebäude wäre perfekt.

  1. Welche Sprache würdest du gerne sprechen können?

Italienisch, Isländisch und Hebräisch.

  1. Welche Jahreszeit magst du am liebsten?

Am liebsten mag ich den Frühling, wenn alle Bäume ein ganz helles Grün tragen.

  1. Hast du einen Gegenstand aus deiner Kindheit, den du niemals weggeben würdest?

Ich hänge sehr an meinen alten, selbstaufgenommenen Kassetten. Wenn ich die heute höre, denke ich mir zwar, „Was hab ich denn da für einen Kram gelabert?“, aber irgendwie sind sie auch süß und witzig.


So, das sind meine Antworten. Hier kommen meine Fragen!

  1. Was ist die krasseste Reaktion (Kommentar, Gespräch etc.), die du je auf deinen Blog bekommen hast?
  2. Hast du einen Lieblings-Beitrag auf deinem Blog, und wenn ja, welchen?
  3. Woher stammt der Name deines Blogs?
  4. Welcher Gegenstand liegt immer auf deinem Schreibtisch?
  5. Gibt es ein Thema, das thematisch nicht in deinem Blog passt, über das du aber trotzdem sehr gern schreiben würdest? Welche ist es?
  6. Hat sich dein Blog so entwickelt, wie du es dir vorgestellt hast, als du ihn gestartet hast?
  7. Angenommen, die Bundesregierung läse deinen Blog und würde auf ihn hören, was würdest du ihnen schreiben?
  8. Gibt es ein Thema (politisch, Hobby, Lyrik etc.), von dem du über WordPress erfahren hast, welches du dir mittlerweile nicht mehr wegdenken kannst?
  9. Versuche, die Quintessenz deines Blogs in einen T-Shirt-Spruch/ein Haiku/eine Schlagzeile zu packen!
  10. Mit welcher Figur aus Literatur, Film oder Fernsehen würdest du (nicht) gern in einem Aufzug stecken bleiben?

Zehn Fragen sollen an zehn Blogger*innen gestellt werden. Das ist mir leider nicht möglich, da sich der Award auf deutschsprachige Blogs beschränkt und ich überwiegend englischsprachigen Blogs folge. Deshalb kann ich leider nur drei Personen nominierten, aber diese Nominierungen stammen von Herzen. Nämlich:

Weltanschauung

Quergedachtes

Kritsicher Kommilitone

 Die beste Satire-Aktion seit langem! Bildquelle (bearbeitet)


Die beste Satire-Aktion seit langem!
Bildquelle (bearbeitet)

Endlich. Die deutsche Bundesregierung lernt dazu.

Es erstaunt mich gleichermaßen, wie es mich freut, diesen Post schreiben zu dürfen. Denn nach Jahren neoliberaler, marktradikaler und Arbeitnehmerfeindlicher Politik von CDU & Co hatte sogar ich als junge, optimistische Bundesbürgerin nicht mit einem so schnellen Kurswechsel gerechnet.

Jetzt aber haben Merkel, das Institut der deutschen Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie ihre Fehler eingesehen und sich mit einem Augenzwinkern dafür entschuldigt. Mit der großartigen Kunstaktion „INSM – Initiative Neoliberale Scheiß-Meinungsmache“ schaffen sie es, ihre ehemaligen Positionen gekonnt durch den Kakao zu ziehen und sich dabei als zwar nicht unfehlbare, aber durchaus humorvolle und sympathische Zeitgenossen zu präsentieren.

INSM steht vordergründig für „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Diese fiktive Initiative predigt angeblich mehr Leistung, mehr Wachstum, mehr Markt, weniger Einschränkungen, weniger Freizeit und weniger Energiewende. Glücklicherweise sind diese Statements gut als Satire zu erkennen – schließlich werden sie in Form von klar als Fake erkennbaren Zitaten in pinker Schrift auf schwarzen Plakatwänden präsentiert. Und damit selbst Ironie-resistente Mitbürger*innen sie als Satire erkennen, zeigen diese Plakate ebenfalls halbe schwarz-weiß-Portraits grimmig dreinblickender älterer Herrschaften – eine äußerst gelungene Hommage an Grumpy Cat. Ich persönlich hätte Aussagen wie „Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch“ (Ludwig Erhard, CDU) oder „Märkte sind wie Fallschirme: sie funktionieren nur, wenn sie offen sind“ (Felix Baumgartner) jedoch auch ohne diese optische Unterstützung als beinahe überspitzte Satire erkannt.

Diese Plakate, mit denen ganz Berlin verschönert wurde, sind zum Glück nicht die einzigen Produkte der genialen Kunstaktion. Kostenlose „Unterrichtsmaterialien“ wie „Wir erklären Wirtschaft“ (gemeinsam mit dem beliebten Satire-Magazin Focus Money) sollen auch schon Schüler*innen der Mittel- und Oberstufen die Absurdität der freien Marktwirtschaft auf humorvolle Weise beibringen. Durch lustige Studien-Parodien wie „Chancengerechtigkeit durch Aufstiegsmobilität“ – sozialer Aufstieg sei angeblich problemlos möglich – unterstreicht die INSM ihren Satire-Charakter. Und auch das Fernsehen erobert das verantwortliche Künstlerkollektiv um CDU-und Commerzbank-Mitglied Johanna Hey, CDU- und Moody’s-Mitglied Hans Tietmeyer, Headhunter und Lobbyist Dieter Rickert und andere. Versteckte INSM-Themen machten sogar die ARD-Seifenoper „Marienhof“ zur Comedy-Show.

Alles in allem ist die INSM die witzigste und ehrlichste Satire, die die Bundesrepublik seit langem gesehen hat. Sie zeigt, dass unsere Medienkünstler*innen auch den internationalen Vergleich mit den grandiosen „Joint the Army“-Kampagne aus den USA oder der weltweit hochgelobten „Sozialistischen Propaganda“ des ehemaligen Ostblocks nicht zu scheuen braucht. Ich als Satirikerin bin jedenfalls stolz, dass meine Regierung so lustig und kreativ ist. Es lebe die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft!

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass keine Meinung auch eine Meinung ist, oder auch nicht.

Die INSM bei Lobbypedia

Die INSM bei Lobby Control

„Stoppt die INSM“ auf Facebook

Feminismus im Fernsehn

Veröffentlicht: 3. April 2015 in WGweisend
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Serienkiller statt Topmodels – Alternativprogramm als Antisexistischer Aktivismus (Bildquelle)

Serienkiller statt Topmodels – Alternativprogramm als Antisexistischer Aktivismus
(Bildquelle)

Donnerstagabend.

Auf dem Campus ist es schon um Viertel nach acht ungewöhnlich still. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des Internats sitzen in ihren WGs vor dem Fernseher, in Grüppchen, mit Snacks und Getränken. Alle schauen Germany’s Next Top Model.

Wir nicht.

Eine kleine Schar von Prime-Time-Rebellinnen hat sich in meinem Wohnzimmer versammelt, um Serienkiller zu jagen. Natürlich nicht persönlich. Viel eher sehen wir dem FBI-Team der Serie Criminal Minds beim Jagen von Serienkillern zu. Dabei essen wir Cookies und das fetteste Gemüse der Welt – Avocados. Und wir werden selbst zu Killern.

Wir killen den Magerwahnsinn. Wir killen das unnatürliche Frauenbild, dass uns Klum und Co jeden Donnerstag zu vermitteln versuchen. Wir killen das lächelnde Bauch rein, Ellenbogen raus-Image der Modebranche. Wir killen 90-60-90. Wir killen das Ideal eines Mädchens, für das Streiten gleich Zicken-Terror bedeutet und das seinen Körper an Pro7 verkauft hat. Wir killen die angebliche Ironie, mit der die Hälfte aller GNTM-Zuschauer sich vor Kritikern verteidigt. Wer den Kram ironisch guckt, treibt die Quoten auch hoch.

Wir versuchen zu ignorieren, dass Werbepausen bei Sat.1 dieselbe Diät- und Modewerbung zeigen wie auf Pro7, weil beide zur selben Sendergruppe gehören. Wir ignorieren, dass auch unsere FBI-Agentinnen vollkommen untaugliche kugelsichere Westen tragen, durch die ihre weiblichen Konturen nicht verloren gehen. Wir ignorieren, dass es Sexismus und Reduzierung von Frauen auf ihren Körper nicht nur in Castingshows gibt.

Aber vor allem freuen wir uns jedes Mal, wenn ein Typ oben ohne durchs Bild läuft.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass jeder Mörder in einer Fernsehserie ein Serienmörder ist.

Frauenkampftag

Feminismus geht uns alle etwas an. Bildquelle

Als ich klein war, sang mir meine Mutter, eine aktive Gewerkschafterin, oft das Lied „Brot und Rosen“ vor. Es stammt aus der amerikanischen Arbeiter- und Frauenbewegung und fordert, die Reduzierung von Frauen auf ihre Arbeitskraft und ihre Geschlechtsorgane zu stoppen. Ich hatte das Lied lange fast vergessen, bis ich letzten Winter den Film „Pride“ sah, in dem es um streikende Bergarbeiter und schwul-lesbische Aktivist*innen geht (und der wirklich wärmstens zu empfehlen ist). Gegen Ende des Filmes gibt es eine Szene in einem streikenden walisischen Bergarbeiterdorf: die ganze Gemeinde versammelt sich im Pub und diskutiert, ob man den Streik nicht brechen müsste. Plötzlich beginnt eine Frau, „Bread and Roses“ zu singen, und nach und nach stimmt das ganze Dorf ein. Wäre das Kino nicht voll gewesen, ich hätte mitgesungen. Heute ist Weltfrauentag. Und ich mache mir wieder Gedanken über die Bedeutung des Liedes. Eine kleine Geschichte meines persönlichen Feminismus.


Mit fünf beschloss ich, dass ich gegen die Farbe rosa allergisch sei. Meine Barbiepuppen-Phase hatte früher und schneller begonnen als die der anderen Mädchen, und umso abrupter und extremer endete sie, als ich eines Tages alle rosafarbenen, pinken und violetten Gegenstände aus meinem Zimmer entfernte und erklärte, ich würde sie nie wieder anfassen. Worin ich sehr konsequent war. Meine letzte Barbie verkaufte ich für 50 ct auf dem Flohmarkt, um sie endlich loszuwerden. Inklusive Kleid und Barbie-Ständer. Der Barbie-Ständer war Barbie-pink und hinderte die Barbiepuppe daran, umzufallen, weil sie nämlich auf ihren Barbie-Beinen von allein nicht stehen konnte. Außerdem war er überaus hässlich. Ich wollte keinen Barbie-Ständer brauchen. Ich wollte kein rosa-Mädchen sein.

In der dritten Klasse entdeckte ich geschlechtergerechte Sprache für mich. Im Klassenparlament setzte ich durch, dass es nicht „Schüler“, sondern „Schülerinnen und Schüler“ und nicht „jeder“, sondern „alle“ heißt. Sehr zur Verärgerung des – vorwiegend weiblichen – Lehrer*innen-Kollegiums. Ich wollte eine Schülerin sein, und zwar keine Unsichtbare.

Mit der Pubertät entwickelte ich eine Vorliebe für Eyeliner, Schnürstiefel und Skinny Jeans. Es war mir wichtig, zu zeigen, dass ich mich nicht schminkte, um Jungs zu gefallen, sondern, um meinen Style auszudrücken. Dass sich alle Mädchen plötzlich zur Begrüßung umarmten, fand ich irgendwie komisch. Ich las mit meinen Freundinnen die Foto-Lovestorys in der BRAVO und wir lachten uns darüber kaputt, wie klischeebeladen alle Figuren waren und wie witzig es gewesen wäre, wenn man die Geschlechter darin umgedreht hätte. Ich spielte in einem Theaterstück mit, das jedes Geschlechterklischee der Welt verdrehte, und ich war stolz darauf, in diesem Stück sowohl einen Laborkittel als auch ein Glitzerkleid zu tragen. Als mein Ethiklehrer mein Lieblingsmärchen als „ein totales Jungs-Märchen“ bezeichnete, ärgerte ich mich ein bisschen. In meinem Blog zog ich die „Ich bin keine Feministin“-Kampagne der Jungen AfD durch den Kakao. Ich schrieb eine Kurzgeschichte für eine Anthologie über „Mädchenbilder“, sollte dafür einen Kommentar zum Thema „Gender“ abgeben und stellte mir zum ersten Mal die Frage, ob ich Feministin sei. Ich war mir nicht ganz sicher.

Vor einer Weile wurde mir dieselbe Frage gestellt, und ich wusste, dass ich mit „Ja klar“ die richtige Antwort gab. Auch wenn mir nicht ganz klar war, wie die Fragestellerin zu der Annahme kam („Du hast Springerstiefel an und bist nicht kuschelbedürftig.“), war das keine Frage, der ich ausgewichen wäre. Ich bin Feministin.

Ich bin keine Männer-sind-doof-Feministin. Ich bin auch keine Wer-mir-die-Tür-aufhält-ist-ein-Sexist-Feministin. Ich bin Wie-doof-du-bist-hat-weniger-mit-deinem-Geschlecht-als-mit-deiner-Einstellung-zu-tun-und-ob-du-mir-die-Tür-aufhälst-sollte-eine-Frage-der-Höflichkeit-und-keine-Frage-des-Geschlechts-sein-Feministin und Weg-mit-dem-Patriarchat-und-der-Gender-Pay-Gap-Feministin. Ich bin eine Keine-Frau-ist-schuld-wenn-sie-vergewaltigt-wird-Feministin und Mädchen-dürfen-heulen-und-Jungs-auch-Feministin.

Ich bin kein Fan der beschlossenen 30%-Frauenquote für Aufsichtsräte, weil ich fürchte, dass sich die Politik darauf ausruhen und das wahre Problem vernachlässigen wird, nämlich den mangelnden Respekt, der es Frauen schwer macht, überhaupt erst in solche Positionen aufzusteigen. Ich glaube auch, dass die Quote das Betriebsklima massiv verschlechtern wird, weil jede Frau in einer Führungsposition verdächtigt werden wird, nur die „Quotenfrau“ zu sein. Ich bin für anonyme Bewerbungsverfahren und Wickeltische in Männertoiletten. Ich bin gegen „Social Freezing“, was weiblichen Führungskräften ermöglichen soll, ihre Eizellen einzufrieren, um Kinderwunsch hinter Karriere zu stellen, weil damit impliziert wird, Kinder zu bekommen sein nur ein Karriereschnitt für Frauen, nicht aber für Männer, und Männer hätten keine Verantwortung und keinen Aufwand für ihre Familie.

Ich trage mittlerweile wieder gern pink. Ich finde Barbie immer noch doof und geschlechtergerechte Sprache wichtig. Ich bin immer noch Feministin und es wohl immer gewesen. Und für mich ist das keine „Ideologie“, sondern selbstverständlich.

Solidarische Grüße, Brot und Rosen zum Weltfrauentag!

Kim

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Herrenschokolade echt lecker ist.

Mein siebter fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Vielleicht kann Jochen mir helfen, das Radio zu revolutionieren.


 

Wenn es nach Franz-Robert Liskow ginge, bekäme der NDR ein neues Logo.

Wenn es nach Franz-Robert Liskow ginge, bekäme der NDR ein neues Logo.

Hallo Jochen,

wahrscheinlich sind Sie für das, was ich jetzt vorschlage, gar nicht zuständig, aber man weiß ja nie, wie mächtig Behörden wirklich sind. Könnten Sie mein Konzept bitte an die Zuständigen weiterleiten?

Der Chef der Jungen Union Mecklenburg-Vorpommern, Franz-Robert Liskow, hat ja eine fünfunddreißigprozentige Schlagerquote für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gefordert. Er erklärte dies sehr einleuchtend: „Durch Helene Fischer hat der Schlager ein frisches Image bekommen. Der NDR glaubt noch immer, junge Leute wollen nur internationale Popmusik hören. Die sollen mal in Helenes Konzerte gehen.“

Zuerst dachte ich, das sei Satire.

Danach dachte ich, das sei nervig, egoistisch, spießig und einfach nur peinlich. Sollen die Schlager vielleicht noch regional angeglichen werden? Sollen im Radio alle Moderatoren Mundart sprechen? Oder doch lieber solche Pop-Schlager spielen? Warum führen wir nicht gleich eine Helene Fischer-Quote ein? Ich vergaß, Helene Fische hat ja nur einen Song. Also eine Atemlos-Quote? Ich bin übrigens auch in einer politischen Jugendorganisation und ich mag wirklich gern Rise Against. Warum führen wir also keine Hardcore/Punk-Quote ein? Ach ja, weil der NDR glaubt, junge Leute wollten nur Popmusik hören. Aber da irren sie sich gewaltig. Sollen sie mal auf ein Festival gehen!

Aber dann dachte ich mir – warum nicht? Die CDU ist schließlich die einflussreichste Partei in Deutschland! Und warum nur 35%? Die Union hat bei der letzten Bundestagswahl schließlich 41,5% erreicht. Folglich sollten sie 41,5% der gespielten Musik bestimmen. Alle Politiker sollten so viel Musik bestimmen, wie sie Prozente haben. Ist ja schließlich Hauptaufgabe von Politikern. Das Volk repräsentieren und die Musik im Radio aussuchen. Steht sogar im Grundgesetz. Glaube ich.

Diese perfekte Verschmelzung von Musik und Politik ließe sich natürlich auch schneller vollziehen. Wir könnten zum Beispiel nur noch Musik von Abgeordneten des Bundes- und der Landtage spielen. Um weiterhin Qualität im Rundfunk zu gewährleisten, müsste natürlich jeder, der einen Listenplatz oder ein Direktmandat haben möchte, vorher wahlweise eine kleine Gesangsprobe oder einen Talentbeweis am Schlagzeug oder der Blockflöte abliefern. Sollte ein Kandidat letztendlich von der Bevölkerung in den Bundestag gecastet werden – Juroren unter der Leitung von Dieter Bohlen oder ein Coach-System wie bei The Voice sind durchaus denkbar – können die Fraktionen anhand der Musikrichtungen zusammengestellt werden. Eine Koalition ist extrem schwierig zu bilden, eine Band sehr viel einfacher, allein schon wegen der geringeren Mitgliederzahl. Die so entstandenen Combos treten dann in Blind Auditions und Battles im Parlamentsfernsehen gegeneinander an, wobei der oder die Leadsänger*in der Sieger-Band ins Kanzleramt einziehen darf. Der Rest der Band stellt die Ministerposten. Alternativ kann auch über eine Zusammenlegung von Bundestag und Staatsballett nachgedacht werden.

Um das ganze Verfahren abzukürzen kann natürlich auch gleich Helene Fischer als Bundeskanzlerin eingesetzt werden. Aber nur, wenn Florian Silbereisen Bundespräsident wird.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total verwirrend ist, wenn Sätze anders enden als man Kartoffel.

Hallo SYRIZA!

Veröffentlicht: 29. Januar 2015 in Echt jetzt?, Hallo Welt!
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Bildquelle: Wikipedia (bearbeitet)

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Hallo SYRIZA,

es hätte so schön mit euch werden können.

Schon vor der vorgezogenen Parlamentswahl in Griechenland war es relativ sicher, dass Ihr die Mehrheit im Parlament und den Ministerpräsidenten stellen würdet. Und das als junge, radikal linke Reformpartei. Alle deutschen Medien haben gezittert. Ich persönlich fand es ziemlich cool.

Es gab diese Kampagne unter deutschen Linken, Internationalen und Gewerkschaftlern, #westandwithsyriza. Die Teilnahme war einfach: druck das Bild aus, mach ein Foto von dir und dem Bild, poste es irgendwo unter dem Hashtag We stand with SYRIZA. Mein Bild war fertig. Und jetzt?

Ihr habt die Mehrheit bekommen. Und was dann? Von all den Koalitionspartnern, die ihr hättet haben können, habt Ihr euch ausgerechnet die „Unabhängigen Griechen“ ausgesucht, die neuen Rechtspopulisten, einen Ableger der konservativen Ex-Regierungspartei. (Kommt uns bekannt vor, nicht wahr, Deutschland?) Die sind nämlich, wie Ihr, gegen die Troika-Sparpolitik. Aber das ist auch schon alles. Und das ist euch genug? Dafür wollt Ihr alles andere in Kauf nehmen? Die Politik zurückstecken, die nichts mit den Spar-Reformen zu tun hat? Eure solidarische, internationalistische Ausrichtung über Bord werfen? Beim „nationalen Erwachen“ der Rechtspopulisten mitmachen, die sich einer Verschwörung zum Opfer gefallen sehen?

Was ist jetzt mit Griechenland? Was wird das „nationale Erwachen“ mit den Bürger*inne anstellen, die zu 36,34% in eine linke Regierung vertraut haben? Wie wird das Land aussehen, wenn die Krise nicht mehr das größte Problem ist? Wie wird es den Migranten gehen, die da sind, den Migranten, die noch kommen, den Homosexuellen, den Kindern, die keine einheitliche orthodoxe Schulbildung haben wollen?

Mein Vertrauen habt Ihr mit dieser allzu wütenden und total unüberlegten Querfront-Regierung fürs Erste verspielt. Mir als linksradikaler Europäerin ist sie peinlich. Wenn mir jemand sagt, links oder rechts, Extremismus sei immer gleich, dann halte ich ihm unter anderem immer vor, Links- und Rechts-„Populisten“ seien sich doch Spinnenfeind. Linke und rechte Regierungen hätten doch Unterschiede. Was soll ich jetzt sagen? Mir sind auch die Vertreter der Partei Die Linke peinlich, die das Problem dieser Regierung relativieren, schließlich seien die Unabhängigen Griechen keine Goldene Morgenröte und kein Front National. Was stimmt, aber nichts daran ändert, dass Ihr falsch entschieden habt.

Herzliches Beileid,

Kim S

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Strände auch ganz schön wären, wenn man sie mit Schnee auffüllen würde.

 

Hallo FraGIDA, wir haben uns gestern leider knapp verpasst.

Ich wünschte, ich wäre gestern auf der Gegendemonstration gewesen. Es muss lustig gewesen sein, zu hören, wie Heidi Mund immer hysterischer wurde und wie Ihr knapp 70 FraGIDA-Freaks unter den 16000 Gegendemonstranten untergingt. Ich hätte gern das Abendland gegen die Pegidisierung verteidigt. Ich war nicht dabei, weil ich und die sieben Freunde, mit denen ich mich verabredet hatte, schließlich an einer Unmenge bürokratischer und logistischer Problemchen gescheitert sind. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung, ich weiß. Die Party lief ja dann auch ohne uns.

In der Presse sieht man euch als schwarz gekleidete, Fraktur-beschriftete Fahnenschwenker. Interessanterweise sind alle Fahnen Deutschlandflaggen, Europafahnen habe ich keine einzige gesehen. Wofür das E in „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes“ wirklich stehen soll, ist mir also schleierhaft. Aber PDGIDA klingt einfach bescheuert, und würdet Ihr euch wahrheitsgemäß VODGAA (Völkisch Orientierte Deutsche Gegen Alle Anderen) nennen, hättet Ihr es wohl kaum von facebook auf die Straße geschafft. Seid Ihr die Mitte der Gesellschaft? Der besorgte Deutsche? Der kleine Mann? Das Volk?

PEGIDA, Ihr seid nicht das Volk. Das Volk ist, das müsst Ihr akzeptieren, bunt, „linksversifft“ und zu 5% muslimisch. Egal, wie viele Deutschlandflaggen Ihr schwenkt. Und Ihr verteidigt nicht das Abendland. Die 16000 Frankfurter*innen, die euch gestern ausgelacht haben, die verteidigen das Abendland. Ihr seid lächerlich.

Eine Bitte noch: könntet Ihr *verdammt noch mal* aufhören, Israel-Flaggen zu schwenken? Ihr sprecht nicht für Israel, Ihr sprecht nicht für die Juden in Deutschland, und hättet Ihr ein wenig Ahnung von der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Ihr hättet sicher das ein oder andere Mitglied auf der Gegendemo entdeckt. Die Gemeinde gehört nämlich zu den Organisatoren derselben.

Ihr beruft euch auf die „jüdisch-christlichen“ Wurzeln des Abendlandes, um damit der dritten abrahamitischen Religion, dem Islam, hier die Existenz abzusprechen. Muslime in Deutschland, eine religiöse Minderheit, diffamiert Ihr auf Grund ihres Glaubens und ihrer Kultur. Und glaubt Ihr wirklich, damit im Sinne der jüdischen Minderheit in Deutschland zu sprechen, die lange genug selbst verfolgt wurde? Die Bilder, die heute anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren durch die Medien gehen, sollen uns nicht nur daran erinnern, dass Faschismus nie mehr sein darf. Sie sagen uns auch, dass Hass niemals eine Lösung ist. Damals nicht, heute nicht, und auch in Zukunft nicht.

PEGIDA, FraGIDA – Ihr seid nicht ich. Ihr seid nicht Deutschland. Ihr seid nicht das Abendland. Ihr seid eine – in Frankfurt nicht einmal siebzigköpfige – rechte Randgruppe, und ich hoffe, Ihr habt es gestern verstanden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es weniger Krieg gäbe, wenn wir alle mehr essen und mehr schlafen würden. Grüße von der Lügenpresse!

Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Sie leben mit Ihrer Freundin in einer Stadt in einem Land, in dem Sie sich sicher fühlen. Sie sind in der Lage, ihren Beruf frei auszuüben und nach ihre Religion zu leben. Ihr größtes Problem besteht darin, dass die Regierung in Ihrem Land nicht demokratisch gewählt wurde.
Dann befiehlt die Regierung, Sie und Ihre Landsleute müssten umgesiedelt werden, temporär, versteht sich. Sie machen sich also mit Ihrer Freundin auf den Weg in Ihr neues Übergangszuhause. Leider müssen Sie feststellen, dass sich niemand um Unterkünfte für die Umgesiedelten gekümmert hat, und auch die Logistik ist ausgesprochen dürftig, Sie müssen also laufen. Dass Ihre Freundin hochschwanger ist, scheint niemanden zu interessieren.
Schließlich müssen Sie in einer total heruntergekommen Baracke übernachten, weil niemand bereit ist, sie aufzunehmen. Bei Ihrer Freundin setzen die Wehen ein, und Sie sind gezwungen, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen Ihr Kind zur Welt zu bringen.
Dann kommt es noch schlimmer. Die Regierung sieht, warum auch immer, eine Bedrohung in Ihrem unschuldigen Kind und beschließt, Sie alle drei umbringen zu lassen. Um sicher zu gehen, dass Sie auch wirklich tot sind, richtet die Regierung zudem ein Massaker an Ihren Landsleuten an. Was tun Sie? In Ihrem Land können Sie nicht bleiben, also müssen Sie wohl oder übel fliehen.
Auf legalem Weg können Sie das Land nicht verlassen.
Den ungünstigen Umständen zum Trotz gelingt es Ihnen, unversehrt ins Nachbarland zu fliehen. Die Menschen dort sprechen eine andere Sprache, haben eine andere Religion und waren in der Vergangenheit nicht allzu gut auf Ihr Land zu sprechen, aber Sie hoffen auf ihre Gastfreundschaft.

Ende der Geschichte: Sie erleiden zwar einen Kulturschock, werden aber in Ihrem Gastland gut aufgenommen. Zuhause sprechen Sie selbstverständlich Ihre Muttersprache, und auch Ihre Religion können Sie ungestört ausleben. Ihr Sohn verbringt eine schöne Kindheit dort und wird später der Gründer einer Weltreligion, die (zumindest oft, 2000 Jahre später) Toleranz und Nächstenliebe predigt.

Alternatives Ende der Geschichte: Sie landen zunächst in einem Auffanglager, wo Sie unter kaum verbesserten Bedingungen ohne Job und Sprachkenntnisse mehrere Jahre verbringen. Als Ihr Asyl-Antrag schließlich behandelt wird, haben Sie bereits das Gefühl, die Bürger dieses Landes seien gegen Sie, zumindest die mit den PÄGIÄ-Plakaten, die sich selbst „Patriotische Ägypter gegen die Israelisierung Ägyptens“ nennen und die panische Angst davor haben, sich mit Ihrer Religion anzustecken. Nach Ablehnung Ihres Antrages werden Sie zurück in Ihr Heimatland abgeschoben, das gerade von Ihrem Aufnahmeland zum sicheren Drittstaat erklärt worden ist. Dort werden Sie bald von einem wütenden Mob zu Tode geprügelt.

Liebe Pegida-Sympathisanten, liebe Fahnenträger westlicher Werte, liebe Verteidiger der christlich-abendländischen Kultur,
denken Sie an diese Geschichte, wann immer Sie einen Zuwanderer anderer Religion treffen, und wenn Sie das nächste Mal meinen, dass Zuwanderung klare Regeln braucht, dann rufen Sie sich in Erinnerung, dass Ihr Messias auch ein Asylant war.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Pullunder nicht zum DRÜBER-Ziehen gemacht sind.

Passagiere Zweiter Klasse

Veröffentlicht: 6. Januar 2015 in Echt jetzt?, Unterwegs
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9:10
Ich wache auf und muss feststellen, dass ich, glücklicherweise voll bekleidet, neben einem Rollkoffer an einem Bahnsteig für Fernzüge stehe. Es dauert einen Moment, bis mir wieder einfällt, dass ich auf den ICE Frankfurt-Berlin  warte. Einen weiteren Moment brauche ich, um mich zu erinnern, was ich in Berlin will.
9:13
Mir fällt wieder ein, wie ich heiße. Mein Zug müsste langsam mal kommen. Mein Finger sind kalt. Ich hätte Handschuhe mitnehmen sollen.
9:17
Mein Zug ist immer noch nicht da. Ich drehe mich im Uhrzeigersinn, um die Rotation der Erde zu beschleunigen. (Das habe ich bei xkcd gelesen, stimmt also.) Einige Wartende schauen mich schräg an.
9:22
In der Drehung entdecke ich ein Schild, auf dem steht, dass an Gleisabschnitt A nur Passagiere der Ersten Klasse warten sollen. Natürlich befinde ich mich an Gleisabschnitt A, und natürlich habe ich kein Ticket für die Erste Klasse. „Verdammte Klassengesellschaft“, fluche ich, während ich meinen Koffer aus Protest zu Gleisabschnitt G schleife und die Deutsche Bahn ganz oben auf meine Revolutionsliste setze.
9:30
Mein Zug fährt ein.
9:31
Allerdings in verkehrter Wagenreihenfolge. Ich überlege, die Klassengesellschaft zu überwinden,  einfach in den vor mir zum Stehen gekommenen Erste-Klasse-Wagen zu steigen und dort eine Diktatur des Proletariats zu errichten, verwerfe den Gedanken jedoch beim Anblick der vielen Anzugträger, die über Headsets telefonieren und alle Steckdosen belegen.
9:32
Ich steige in einen Zweite-Klasse-Wagen und verstaue meinen Koffer im Überkopfgepäckfach. Zum Glück sitzt außer mir fast niemand im Wagen, sodass ich wenigstens im ersten Abschnitt der Reise keine schreienden Kleinkinder oder singende Wandervereine ertragen muss.
9:36
Der Zug ist endlich losgefahren. Ein Fahrkartenkontrolleur betritt den Wagen und verlangt freundlich, meine Fahrkarte zu sehen. Ich krame den Ausdruck mit meinem Ticket hervor und zeige ihn ihm.
„Haben Sie ein Bahn.Comfort-Ticket?“
„Ein was bitte?“
„Das ist ein Fahrschein, auf dem Bahn.Comfort steht. Dieser Waggon ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert.“
„Sie meinen, hier ist besetzt?“
„Hier ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert. Sie müssen sich einen freien Platz suchen.“
„Ich versteh Sie nicht. Das hier ist ein freier Platz.“
„Aber wenn Sie kein Bahn.Comfort-Ticket bezahlt haben, müssen Sie den Platz für jemanden mit…“
„Bezahlt? Hören Sie, ich habe ein Zweite-Klasse-Ticket bezahlt, das gibt mir das Recht, in einem Zweite-Klasse-Wagen zu sitzen. Ob Sie da irgendwo Bahn.Comfort hinschreiben und für die selbe Leistung zwei Euro mehr verlangen, ist mir total egal.“
„Wenn Sie eine Beschwerde haben, leiten Sie diese an unsere Geschäftsführung weiter. Ich muss Sie bitten, jetzt aufzustehen.“
„Ach ja? Und ich habe es satt, wie eine Passagierin Zweiter Klasse behandelt zu werden!“
„Aber… Sie sind eine Passagierin Zweiter Klasse.“
Er starrt mich an. Ich starre ihn an.  Es ist ein bisschen wie ein Duell.
„Chauvinist“, zische ich, während ich aufstehe, meinen Koffer nehme, den fast leeren Wagen räume und mich auf einen Platz setzte, der meinem alten Platz standardmäßig aufs Haar gleicht.
„Was sind Sie eigentlich für ein Bahn-Angestellter?“, rufe ich dem Kontrolleur hinterher. „Waggon heißt es nur bei Güterzügen. In Personenzügen sagt man Wagen!“
Dann denke ich an die Anzugträger, die mehr bezahlt haben als ich, und die trotzdem genau so zu spät kommen werden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass „Das Leben in vollen Zügen genießen“ auf Bahnreisen eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Der Bananen-Engpass

Veröffentlicht: 14. Dezember 2014 in Echt jetzt?
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In unserer Mensa gibt es in den ersten beiden Schulpausen immer Obst zu essen. Meistens Äpfel. Manchmal auch Birnen, Pflaumen oder Mandarinen. Das ist Standard. Als andere ist immer eine kleine Sensation.
Neulich kam ich ins Foyer, nichtsahnend, als ein spontaner Tumult vor der Mensa entstand. „Was ist da los?“, fragte ich. „Bananen!“, schrie der Typ, den wir Der Kommunist nennen. Zehn Sekunden später stand ich an der Obsttheke und musste zusehen, wie mir der Kommunist die letzte Banane wegfutterte.
„Da haben wir schon Kapitalismus, und dann gibt’s nicht mal Bananen!“, fluchte ich. „Krieg ich die Hälfte?“
„Nein“, sagte der Kommunist.
„Wo ist deine Solidarität geblieben, Genosse? Wenn schon niemand hinkriegt, genug Bananen zu besorgen, können wir sie doch wenigstens gerecht verteilen!“ Dann gab es also halbe Bananen. „Scheiß Sparpolitik“, sagte ich.
„Wollt ihr noch Bananen?“, fragte die Küchenchefin. „Es sind noch
welche in der Küche.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Rosinen weitaus besser betitelt wären, wenn sie „Trauben-Mumien“ heißen würden.

Schachspielen für die Revolution

Veröffentlicht: 10. November 2014 in WGweisend
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Ich kenne keinen Ort, an dem mehr Schach gespielt wird als in meinem Internat. Die Bewohner hier sind versessen auf dieses Spiel. Auf eine WG kommen schätzungsweise zwei Schachbretter, und die am häufigsten gesuchten Gegenstände hier sind Bauern, die im Staubsauger gelandet sind. Die meisten von uns können gleichzeitig Schachspielen und Hausaufgaben machen. Oder den Kühlschrank abtauen. Oder sich über physikalische Fehler in Science-Fiction-Filmen austauschen. Wer hier nicht weiß, wie ein Turm ziehen kann, wird angeschaut, als wüsste er nicht, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Das Schachspiel entstand zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert in Persien. Der Name Schach leitet sich vom Persischen ‏شاه (Schah), König, ab. Es wird von zwei Spielern oder Teams gegeneinander gespielt, die mit ihren schwarzen bzw. weißen Figuren versuchen, den König des anderen zu stürzen. Jetzt wüsste ich gern – warum kommt nie jemand auf die Idee, seinen eigenen König zu stürzen?

Schachmatt, oder Persisch شاه مات (Shah mat), bedeutet Der König ist geschlagen und stellt das Ende des Spiels da. Die Mannschaft ohne König hat verloren, Ende der Geschichte. Aber wissen wir nicht alle, dass die Geschichte erst richtig interessant wird, wenn der König endlich weg ist? Monarchie-Anhänger, Liberale, Sozialisten, Kommunisten, religiöse Fundamentalisten, Faschisten und Anarchisten prügeln sich um die neue Herrschaft (oder Nicht-Herrschaft) im Staat. Ehemals machtlose Nicht-Eliten, Arbeiter, Bauern, Frauen fordern ihre Rechte. Meistens fließt Blut. Aber wenn man alles richtig macht, kommt am Ende eine Demokratie dabei raus.

Wenn die Könige weg sind, haben die Schwarzen und die Weißen außerdem keinen Grund mehr, sich gegenseitig zu bekämpfen. Weg fällt auch das Privileg, dass die Weißen immer anfangen dürfen. Dass sich die Bauern für den König opfern müssen. Dass es insgesamt nur zwei Frauen in Führungspositionen gibt. Um antiautoritär, antirassistisch und feministische zu handeln, müssen beide Könige weg!

Schachmatt.

Auf einem Schachbrett ohne Könige können alle anderen Figuren ohne Konkurrenzdenken zusammenstehen und sich zusammen bewegen, ohne sich gegenseitig rauszuschmeißen. Und idealerweise ärgere ich mich dann auch nicht mehr so, weil ich nicht mehr gegen unseren Junior-Großmeister verliere.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Völkerball das nationalistischste Spiel der Welt ist.