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Keine Satire

Veröffentlicht: 23. Oktober 2017 in Hallo Welt!
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Sich zu verstecken, ist sehr einfach. Bildquelle

Ich habe lange nicht geschrieben. Ich könnte es auf das Abitur schieben, und darauf, dass ich umgezogen bin, aber damit würde ich es mir wohl zu einfach machen.

Tatsache ist, dass es einfach ist, nicht zu schreiben. Die Gründe dafür sind nicht einfach, auch wenn sie sich vermutlich ganz einfach in den Zahlen 2016 und 2017 zusammenfassen lassen. Das möchte ich erklären.

Vielleicht fing es damit an, dass ich Donald Trump unkommentiert gelassen habe. Ich habe ihn, selbst im Frühjahr 2016, als seine Kampagne schon im Gang und ich noch regelmäßig auf meinem Blog aktiv war, lieber ignoriert, vielleicht aus Unwillen, über die Politik eines anderen Landes zu schreiben – auch wenn ich das bereits mehrfach getan habe – vielleicht, weil man Tag für Tag überall Artikel, Horrorgeschichten und Satire über ihn las und ich einfach keinen Bock hatte, davon noch mehr zu produzieren. Vielleicht habe ich gehofft, dass er, wenn ihn nur genug Menschen ignorieren, wieder in den Untiefen des Amerikanischen Reality-TV verschwindet.

Dann kam die Wahl. Dass meine Hoffnung naiv gewesen war, wunderte mich zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr, aber ich fühlte mich nicht berechtigt, mich im Internet auf welche Weise auch immer über den Präsidenten Trump aufzuregen, nachdem ich den Kandidaten Trump absichtlich ignoriert hatte. Einmal in diesem Denkmuster verheddert, ist es unglaublich schwer, wieder daraus auszusteigen. Tag für Tag strömten Nachrichten über die immer desolatere politische Lage in den USA auf mich ein, und wenn ich vielleicht nicht nicht darüber schreiben konnte, so bildete ich mir zumindest ein, nicht darüber schreiben zu können. Was momentan in der Welt passiert, sind keine „normalen“ GroKo-Querelen – ich will nicht so tun, als hätte die deutsche Austeritäts-Politik der letzten Jahre nicht auch viel Schaden angerichtet – sondern leider eine Krise nach der anderen. Wir leben wieder in einer Welt, in der offener Hass auf andere wieder salonfähig ist, in der Staaten ohne Verluste wie Konzerne gelenkt werden und in der Populisten und religiösen Fanatikern mehr vertraut wird als den Ergebnissen der etablierten Wissenschaften. Daran, in so einer Welt über so eine Welt zu schreiben, muss man sich gewöhnen. Das ist, ganz einfach, nicht einfach.

Über das Schreiben im Zeitalter Trumps hat der geniale amerikanische Science-Fiction-Autor John Scalzi hier einen sehr guten Text verfasst. Wie Scalzi spüre ich die plötzliche Schwere nicht nur im politischen, sondern auch im literarischen Schreiben. Etwa zeitgleich mit dem letzten Blogeintrag habe ich fast aufgehört, Kurzgeschichten zu schreiben, ich lasse nur eine Wettbewerbs-Deadline nach der anderen verstreichen und zweifle mit fast schon pathologischer Routine an meinem Schreiben an sich, an meinem Talent, meiner Kreativität, der Legitimität meiner Stimme, man nenne es, wie man will. Was das Schreiben von Satire angeht, kann ich hier nur die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling zitieren, die mich weiterhin sehr zum Lachen bringen: „Ich dachte: Ich bin überflüssig, denn es ist schlicht unmöglich, die Wirklichkeit noch satirisch zuzuspitzen. Ich gebe auf“. Das Einfache am Schreiben ist mir irgendwie abhandengekommen.

Anders als Scalzi lebe ich nicht in Amerika, und darüber bin ich Tag für Tag froh. Aber es dauerte nicht lange, bis die Horror-Storys zu mir nach Hause kamen. Ich habe nicht über die Bundestagswahl geschrieben, weil es einfach war, es nicht zu tun, aber auch, weil mir mittlerweile das Zweifeln sehr einfach geworden war. Ich bezweifle, dass ich mit meinem Blog irgendetwas erreichen kann. Diejenigen, die ihn lesen und links wählen, brauchen ihn nicht, um links zu wählen, und diejenigen, die ihn lesen und rechts wählen, hat er ja offensichtlich nicht davon abgehalten, rechts zu wählen. Ich kenne Rechte, die lesen meinen Blog ironisch. Ich kenne Rechte, die schicken mir ironisch-nette Gewaltdrohungen. Ich habe mein Impressum vom Netz genommen.

Nach der Bundestagswahl habe ich mich feige gefühlt. Ich war wählen. Ich war demonstrieren. Ich habe mich um Naziplakate gekümmert. Ich habe Angst, die Situation auf meine Art ein kleines bisschen schlimmer gemacht zu haben. Denn ich habe während des Wahlkampfes mit keinem einzigen besorgten Bürger geredet, der Gefahr lief, AfD zu wählen, sich aber doch nicht ganz sicher war. Ich habe mich, wie viele Linke, lieber online wie offline in meiner Filterblase bewegt und mit denjenigen diskutiert, deren Meinung nicht allzu weit von meiner entfernt ist. Weil das einfach ist.

Mit Gefühlen von Zweifeln und Feigheit schreibt es sich nicht gut. ich erinnere mich, wie sehr ich mich über die Öffnung der Ehe für Homosexuelle in Irland gefreut habe, es ist bis heute vermutlich der Blogbeitrag, auf den ich stilistisch am stolzesten bin. Über die Ehe für Alle in Deutschland habe ich mich umso mehr gefreut, weil sie für Menschen geschaffen ist, die ich kenne und mit denen ich mich freuen konnte. Darüber schreiben konnte ich nicht. Nachdem ich zu so viel Negativem geschwiegen hatte, kam es mir falsch vor, einen euphorischen Text dazu zu schreiben.

Ich bin vor fast zwei Monaten nach Tschechien gezogen, wo am Wochenende das Parlament gewählt wurde. Der Rechtspopulist und Konzernchef Andrej Babiš, der nicht umsonst als Tschechischer Donald Trump bezeichnet wird, holte mit seiner One-man-Partei ANO mit fast dreißig Prozent die klare Mehrheit. Zusammen mit der konservativen ODS – gegen den Auftritt von deren ehemaligen Vorsitzenden Václav Klaus auf einer AfD-Veranstaltung bin ich diesen August noch auf die Straße gegangen – und der rechtsextremen SPD (kein Witz), die über zehn Prozent erreicht hat, kann er regieren. (Nehmt diese Koalitions-Idee nicht beim Wort, tschechische Politik ist unberechenbar und ich besitze darüber höchstens gefährliches Halbwissen.) In Österreich wird es wohl keine Koalition ohne die rechtsextreme FPÖ geben. Polen schränkt die Pressefreiheit ein. Großbritannien verlässt die EU, und das Land verkauft sein Bildungswesen an Unternehmen. Ganz Europa dreht am Rad.

Was soll ich sagen? Ich kann das Rad nicht anhalten. Ich muss, so wie wir alle, wohl lernen, mich mitzudrehen, ohne die ganze Zeit zu kotzen. Ich habe wieder begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben. Dass sie alle gut sind, bezweifle ich. Aber das kann ich ignorieren. Ich hatte trotz allem ein sehr gutes Jahr.

Ich weiß nicht, in welcher Form dieser Blog in Zukunft existieren wird – das kommt ganz auf die Zukunft an. Angst habe ich schon vor ihr. Frustriert bin ich auch. Fatalistisch will ich nicht sein. Wie auch immer es wird, dieser Beitrag ist hoffentlich ein Anfang. Und wie auch immer es wird, bloggen wird nicht reichen. Ich arbeite zurzeit für ein Jahr in einer Holocaust-Gedenkstätte. Bernd Höcke will eine 180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungspolitik? Dazu muss er erst an mir vorbei.

Dinge zu ignorieren, ist immer einfach. Aber das ist kein Grund, die Zukunft sich selbst zu überlassen. Und vielleicht schreibe ich auch bald wieder Satire.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das echt gut getan hat.