Mit ‘Boykott’ getaggte Beiträge

Feminismus im Fernsehn

Veröffentlicht: 3. April 2015 in WGweisend
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Serienkiller statt Topmodels – Alternativprogramm als Antisexistischer Aktivismus (Bildquelle)

Serienkiller statt Topmodels – Alternativprogramm als Antisexistischer Aktivismus
(Bildquelle)

Donnerstagabend.

Auf dem Campus ist es schon um Viertel nach acht ungewöhnlich still. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des Internats sitzen in ihren WGs vor dem Fernseher, in Grüppchen, mit Snacks und Getränken. Alle schauen Germany’s Next Top Model.

Wir nicht.

Eine kleine Schar von Prime-Time-Rebellinnen hat sich in meinem Wohnzimmer versammelt, um Serienkiller zu jagen. Natürlich nicht persönlich. Viel eher sehen wir dem FBI-Team der Serie Criminal Minds beim Jagen von Serienkillern zu. Dabei essen wir Cookies und das fetteste Gemüse der Welt – Avocados. Und wir werden selbst zu Killern.

Wir killen den Magerwahnsinn. Wir killen das unnatürliche Frauenbild, dass uns Klum und Co jeden Donnerstag zu vermitteln versuchen. Wir killen das lächelnde Bauch rein, Ellenbogen raus-Image der Modebranche. Wir killen 90-60-90. Wir killen das Ideal eines Mädchens, für das Streiten gleich Zicken-Terror bedeutet und das seinen Körper an Pro7 verkauft hat. Wir killen die angebliche Ironie, mit der die Hälfte aller GNTM-Zuschauer sich vor Kritikern verteidigt. Wer den Kram ironisch guckt, treibt die Quoten auch hoch.

Wir versuchen zu ignorieren, dass Werbepausen bei Sat.1 dieselbe Diät- und Modewerbung zeigen wie auf Pro7, weil beide zur selben Sendergruppe gehören. Wir ignorieren, dass auch unsere FBI-Agentinnen vollkommen untaugliche kugelsichere Westen tragen, durch die ihre weiblichen Konturen nicht verloren gehen. Wir ignorieren, dass es Sexismus und Reduzierung von Frauen auf ihren Körper nicht nur in Castingshows gibt.

Aber vor allem freuen wir uns jedes Mal, wenn ein Typ oben ohne durchs Bild läuft.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass jeder Mörder in einer Fernsehserie ein Serienmörder ist.

„Kim… was ist eigentlich das verrückteste, was du dieses Jahr getan hast?“

„Äh, heute Morgen bin ich in einem Ganzkörper-Känguru-Kostüm durch einen Textildiscounter gehüpft und habe Globalisierung ist geil geschrien.“

„Das ist nichts Verrücktes.“

„Dann hab ich auch noch nichts so wirklich Verrücktes gemacht.“

„Okay, schade. Wo hast du eigentlich das Finale geschaut?“

„Gar nicht. Ich hab dieses Jahr die WM boykottiert.“

„Waaas? Das ist definitiv verrückt!“

 

Dieses Jahr habe ich kein einziges WM-Spiel gesehen. Das hat einige Menschen so sehr irritiert, dass ich beschlossen habe, mich öffentlich zu outen – ich bin weder Fußballfan noch Deutschlandfan. Ich interessiere mich nicht für Fußball, ich mag Fußball nicht besonders und ich sehe keinen Grund, mir Fußballspiele anzuschauen, nur weil die Spieler zufällig aus demselben Land kommen wie ich.

Wenn Menschen – vorwiegend Kinder – auf dem Bolzplatz kicken, erregt das wenig Aufmerksamkeit (es sei denn, man ist Rentner und beschwert sich gern). Wenn hingegen Nationalmannschaften gegeneinander Fußball spielen, steht die gesamte Welt Kopf. Dafür gibt es zwei Gründe.

  1. Die Spieler sind wirklich gut.
  2. Jemand will, dass die ganze Welt kopfsteht. Wenn die ganze Welt kopfsteht, lässt sich nämlich ausgezeichnet verdienen.

Bei einem internationalen Großereignis wie einer WM fließt enorm viel Geld. Ein Land darf die WM austragen. Welches Land das ist, entscheidet die FIFA. Um als Austragungsort überhaupt in Frage zu kommen, muss ein Land finanziell dazu in der Lage sein, Stadien zu bauen und Infrastruktur bereitzustellen. Das kostet das Land natürlich Geld. Vereinfacht kann man also sagen, dass ein Land die WM kaufen kann. Und weil so eine WM nicht ganz billig ist, muss an anderer Stelle gespart werden.

Unter Kürzungen leiden oft zuerst Bildung, Versorgung, Umweltschutz und sozialer Wohnungsbau. Anstatt soziale Probleme zu beheben, werden sie für die Dauer der WM lieber versteckt. Für den Bau von Stadien in Brasilien wurden beispielsweise tausende Favela-Bewohner unfreiwillig umgesiedelt. Wer illegal wohnte, wurde einfach nur geräumt, ganz ohne Anspruch auf Ersatzwohnraum.

Das Geld, das das Land Brasilien ausgegeben hat, kommt nicht nach Brasilien zurück. Zwar verdient die lokale Tourismus-Branche und auch der Verkehr, aber die Menschen, die aus ihnen Wohnungen ausziehen mussten, verdienen keinen Centavo. Am Bau der Stadien verdienen die Bauunternehmer. An den direkten Einnahmen durch Kartenverkäufe verdient die FIFA. An den Fernseh- und Radio-Sendelizenzen verdient die FIFA. „Das Land“ mag langfristig verdienen, aber die Bevölkerung verdient nichts. Von Ordem e Progresso, Ordnung und Fortschritt, dem Motto des Landes, kann keine Rede sein.

2018 geht die WM übrigens nach Russland. Da Russland auf dem besten Weg ist, Homosexualität wieder illegal zu machen, können wir nur hoffen, dass sich bis dahin möglichst viele Spieler als schwul outen. Vielleicht wird sie dann komplett abgesagt.

2022 soll in Katar gespielt werden. Katar besitzt bis heute noch die Todesstrafe, freie Meinungsäußerung, sexuelle Selbstbestimmung und Religionsfreiheit sind enorm eingeschränkt, nur 20% der Menschen im Land dürfen wählen, Frauen besitzen nicht dieselben Rechte wie Männer und beim Bau der Stadien sind bereits mehrere Arbeiter tödlich verunglückt.

Seit dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft hegt natürlich so gut wie niemand mehr Zweifel daran, dass die WM und die FIFA geil sind, und wenn trotzdem mal ein Kritikpunkt auftaucht, wird er schwarz-rot-gold angemalt und mit Einigkeit und Recht und Freiheit dauerbeschallt.

Wer keinen Bock auf kollektive Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen hat, muss allerdings nicht mitmachen. Boykott ist ganz einfach – man muss nur an den betreffenden Abenden den Fernseher auslassen und keine WM-bezogenen Artikel kaufen. Während eines WM-Finales ist es auf der Straße übrigens super ruhig. Da kann man in aller Ruhe selbst Fußball spielen oder in einem Ganzkörper-Känguru-Kostüm rumhüpfen und Die FIFA ist geil schreien.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Schlapphüte toll sind.