Mit ‘England’ getaggte Beiträge

Remembrance Day

Veröffentlicht: 11. November 2015 in Krieg & Frieden, Unterwegs
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Hallo erstmal. Mich gibt es noch. Ihr könnt die „Haben Sie diese Bloggerin gesehen“-Schilder wieder abhängen, ich bin wohlauf und außerdem in Glasgow, wo ich Im Zuge eines Praktikums an der University of Glasgow Fische und Stechinsekten zähle, Erstsemestervorlesungen besuche und mich durch die vielen Buchläden im West End hipstere.

Je nachdem, wo man als erstes hinblickt, sieht Schottland auf den ersten Blick exakt aus wie England oder vollkommen anders. Mir fielen sofort die typischen Schornsteine auf, mit deren Hilfe ich auch bei völligem Orientierungsverlust feststellen könnte, dass ich mich irgendwo auf den britischen Inseln befinde. Die Geschäfte sind überwiegend die gleichen wie in England (oder in Wales). Das Essen ist ähnlich.

Andererseits ist es eben nicht England, es ist Schottland. Blau-weiße Flaggen sind überall – an den Gebäuden, auf den Milchtüten, und ein Jahr nach dem Referendum um die Unabhängigkeit trotzdem noch auf den Straßen, vor allem im sehr jungen West End von Glasgow. Das Geld sieht anders aus. Die Leute reden anders – viele verständlich mit rollendem r und langen Vokalen, andere so verschludert Hardcore-Glaswegian, dass es praktisch unmöglich ist, sie zu verstehen. (Ich meine euch, Taxifahrer an der Queen Street Station!) Die meisten sagen tatsächlich „wee“ statt „little“, was ich bisher für eine Legende gehalten hatte.

Was jedoch um diese Jahreszeit sowohl in Schottland aus auch in England und dem Rest des Vereinigten Königreichs zu beobachten ist, sind die stilisierten roten Mohnblüten, die gefühlt jede*r zweite auf der Straße – und fast jede*r in den Nachrichten – am Revers trägt. Sie bilden den Auftakt zum heutigen Rememberance Day und sollen an im Krieg getötete britische Soldaten erinnern. Verkauft werden sie überall – der Erlös geht an die Royal British Legion, eine Streitkräfte- und Veteranenversorgungsorganisation. Die Resonanz in der Bevölkerung – ob Unionistisch oder Pro-Independence – ist enorm. Letztes Jahr wurde sogar der Graben des Tower of London mit Keramikmohnblumen bestückt. Sie sind wirklich überall. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, muss ich schlucken.

Die roten Mohnblumen sollen an Kriege erinnern. Und wir sollen uns erinnern. Wir müssen uns an Kriege erinnern, weil die Alternative wäre, sie zu vergessen, zu verdrängen und zu wiederholen. Aber wir müssen uns mit dem Gedanken an die Kriege erinnern, dass sie eine Scheiß-Idee waren, dass Krieg immer eine Scheiß-Idee ist und wir in Zukunft bitte nicht mehr auf Scheiß-Ideen kommen sollen.

Uns also mit dem Gedanken an Kriege zu erinnern, dass unsere Soldaten, unsere „Kriegshelden“ darin verletzt und getötet wurden (und werden), ist ebenfalls eine Scheiß-Idee. Es glorifiziert die Soldat*innen, glorifiziert das Militär, und glorifiziert damit letztendlich den Krieg. Krieg ist nicht schlimm, sagen die roten Mohnblumen. Wenn unsere Soldat*innen sterben, das ist schlimm! Kein Wort über die Zivilist*innen, die täglich sterben, verletzt werden, ihre Häuser, Arbeit, Familien und Freunde verlieren. Kein Wort über Kriegsflüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder, die sich, anders als unsere Soldat*innen, nie entschieden haben, in Kriegsgebieten zu sein. Sie sind die Mehrheit der Opfer der Kriege im 21. Jahrhundert, die unser Militär kämpft, oder auch nicht, je nach Interesse. Krieg ist erinnerungswürdig, aber nur unsere Seite des Krieges, sagen die roten Mohnblumen. Sie sagen nicht Nie wieder, sie sagen Soldaten sind Helden. Und wenn die Soldat*innen im ersten und zweiten Weltkrieg Helden waren, warum dann nicht die in Afghanistan und dem Irak?

Ich habe in dem Absatz öfters wir gesagt, uns, unser. Ich meine natürlich die Briten. Nicht uns. Wir nicht. Wir waschen unsere Hände in Unschuld. Wir sind nicht die. Wir haben keine obligatorischen roten Mohnblumen, keinen „Poppy Fascism“, wie Moderator Jon Snow das Event nennt. Wir haben die blaue Kornblume, längst nicht so prominent wie der rote Mohn, aber nicht selten, und allgemein akzeptiert. Weil unsere Soldaten ja auch gestorben sind. Unsere Großväter haben auf der anderen Seite gekämpft. Die betrauern ihre Toten, wir betrauern unsere Toten. Deren Großväter gegen unsere Großväter. Jeder für sich. Die sind nicht wir. Wir sind Deutschland. Wir sind blau, die sind rot. Wir sind Kornblumen, die sind Mohn. Wir gegen die.

Jeder Mensch darf trauern. Jeder Mensch darf Flagge zeigen. Aber kein Mensch in keinem Land sollte sich herausnehmen, nur für ein Land zu trauern, und nur für die Soldat*innen. Weil deren Tod falsch war, aber keineswegs falscher als alle anderen Tode. Weil ihre Leben nicht erinnerungswürdiger oder „mehr wert“ waren als alle anderen, die sie und der Krieg ausgelöscht haben. Weil kein Mensch weniger betrauert werden sollte, weil er_sie zur anderen Seite gehörte. Weil jeder einzelne Tod gleich schrecklich und jeder einzelne Tod gleich überflüssig war.

Weil jeder Krieg eine Scheiß-Idee ist.

Deshalb muss ich jedes Mal schlucken, wenn ich eine schottische Person mit einem wunderbaren Akzent und wunderbar liberalen Ansichten und einer verdammten roten Mohnblume treffe. Und deshalb habe ich nichts als Solidarität mit und Achtung vor allen, die heute anstatt einer roten Blume eine weiße tragen, um zu sagen, Nie wieder.

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus?  Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus? Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Walisisch geschrieben aussieht, als hätte jemand wahllos Buchstaben zusammengeschmissen, die beim Scrabble übrig geblieben sind – und viele ls. (Aber es klingt super.)

PS: Hallo Jochen! Falls Sie das lesen– ich habe hier oben ein paar Orte entdeckt, die nicht videoüberwacht sind. Können Sie das mal dem britischen Geheimdienst weitersagen? Ich glaube, die haben Schottland einfach vergessen. Frechheit.

Mein fünfter fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz.


 

Hallo Jochen,

Kim hier. (Wenn Sie meinen Nachnamen weglassen, lasse ich Ihren auch weg.) Ich habe ein kleines Problem, vielleicht können Sie mir helfen.

Gerade war ich zwei Wochen in Südengland, das war sehr schön da. Vor allem London ist einfach der Wahnsinn! Natürlich habe ich viele Fotos gemacht. Leider habe ich versehentlich alle Fotos ab dem 25. August gelöscht. Haben Sie die noch irgendwo?

Dumme Frage, natürlich. Sie sind schließlich beim Geheimdienst und mein Handy ist mit dem Internet verbunden. Könnten Sie bitte mal nachschauen? Vielleicht hat die Bilder ja auch der britische Geheimdienst, und mit dem verstehen Sie sich ja nicht so gut, aber sicher haben Sie ein paar Doppelagenten da, oder?

Schicken Sie mir doch bitte alle Bilder mit mir und meiner Familie drauf. (Ich bin das Mädchen in schwarz mit den türkis-schwarzen Haaren und den roten Schnürsenkeln.) Außerdem waren da noch ein paar Bilder von The Shard (dem Hochhaus), der Towerbridge, dem Camden Market, dem Hochhaus, das ein bisschen wie ein Penis aussieht, und ganz vielen Antifa-Aufklebern. Falls Sie meine Bilder nicht finden, schicken Sie mir einfach irgendwelche scharfen, auf denen nicht so viele Touristen drauf sind. Und falls Sie ein paar Aufnahmen vom London Eye finden, schicken Sie die doch auch gleich mit, ich war zu faul zum Anstehen.

Vielen Dank für Ihre Hilfe,

Kim S

 PS: Irgendwo müsste ein paar Fotos von einem schwäbischen Touristenpärchen sein, auf denen ich drauf bin. Die zwei haben mich am Picadilly Circus so sehr genervt, dass ich mich aus Rache auf alle ihre Bilder draufgeschmuggelt habe. Die Fotos hätte ich auch gerne. Dankeschön.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass „unnecessary“ das schlimmste Wort der englischen Sprache ist.

Smile, you’re on CCTV!

Veröffentlicht: 31. August 2014 in Allgemein, Unterwegs
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WHAT ARE YOU LOOKING AT?

Ein Schablonen-Graffiti des britischen Graffiti-Künstlers Banksy.
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England ist wirklich ein wahnsinnig schönes Land. Man könnte sich England ständig angucken, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr. Man könnte. Das heißt aber nicht, dass man es muss.

England steht unter Beobachtung. An jeder Straßenecke, vor jeder Tankstelle, in jeder Hotel-Lobby, überall sind Kameras angebracht. Netterweise wird auch noch auf die Kameras hingewiesen. Von einem nüchternen „CCTV operating 24/7“ (24 Stunden Videoüberwachung) bis zu einem fast zynischen „Smile! You’re on CCTV“ (Bitte lächeln! Sie werden gefilmt!) findet man alle Arten von CCTV-Schildern. Hätte ich in vierzehn Tagen Großbritannien jeden Hinweis auf Überwachung fotografiert, hätte das wahrscheinlich meine Handy-Speicherkarte gesprengt. Und am Bildschirm hinter der Kamera hätte sich wahrscheinlich das britische Pendant zu Jochen Sönkeberg gewundert, welche verrückte Touristin alle Überwachungskameras des Landes fotografiert.

Das Beitragsbild stammt vom britischen Graffiti-Künstler Banksy. “What are you looking at?“, fragt er die Kamera. Was glotz du so?

Ich weiß es selbst nicht. Ob es wohl diejenigen wissen, die die Kameras aufhängen? Oder filmen sie nur, weil jeder Mensch verdächtig ist, just in case? Sammeln sie für Upps – Die Pannenshow? Reicht es, dass wir glauben, dass die Möglichkeit besteht, dass wir eventuell überwacht werden, damit wir uns ruhig verhalten? (Das Känguru-Manifest, Marc-Uwe Kling, Ullstein-Verlag, Kapitel „Überwachen und schlafen“. Ich habe eine Quellenangabe benutzt! Siehst du das, Jochen? Halleluja!)

England wird vermutlich das erste Land sein, dass flächendeckend videoüberwacht wird. Und vor allem – fast niemand regt es auf. Banksy bleibt eine Ausnahme. Ich fühle mich unwohl. Aber für die meisten Engländer ist das ganz normal.

Was mich wirklich beunruhigt, ist: wie weit reicht die Überwachung wirklich? In England wird wenigstens mit Schildern auf die Kameras hingewiesen. Aber wo hängen überall Kameras, ohne dass wir es wissen? Wenn wir nicht wissen, wo die Überwachung ist, können wir uns nicht gegen sie wehren.

Zurzeit wird heiß über das Verbot von Burkas und sonstiger Vollverschleierung diskutiert. Eines der Argumente der Burka-Gegner ist: wenn mir jemand auf der Straße begegnet, habe ich das Recht, zu sehen, wer das ist. Dieses Argument zielt auf ein generelles Vermummungsverbot ab, wie wir es schon von Versammlungen wie Demos kennen.

Vielleicht habe ich als Privatperson, als Individuum, das Recht, mein Gegenüber zu erkennen. Genau so haben die Menschen um mich herum das Recht, mich zu erkennen. Aber was ist mit den Überwachungskameras?

Irgendwo in den Archiven von Land und Staat lagern meine Daten. Biometrische Ausweisfotos, ohne die ich das Land theoretisch gar nicht verlassen darf. Meine Fingerabdrücke. Mein Krankenakte. Wenn mich irgendjemand beim Geheimdienst finden wollte, würde er mich finden. Ich müsste nur an einer Kamera vorbeispazieren.

Mein Handy hat eine automatische Gesichtserkennung. Wenn einer meiner Freunde bei Whatsapp ein Profilfoto hat, auf dem man ihn erkennt, und wenn ich ihn in meinen Kontakten unter seinem echten Namen gespeichert habe, dann ordnet mein Handy den Fotos, die in meinem Album habe, automatisch die Namen meiner Freunde zu. Es war nicht schwer, die automatische Gesichtserkennung auszuschalten. Aber bis man erst mal weiß, dass sie überhaupt da ist, hat sie schon alle meine Freunde erkannt. Was soll ich dagegen machen? Mir eine alte Polaroid-Kamera kaufen? Meine Freunde durchnummerieren?

Jeder Mensch hat das Recht, unerkannt durch eine Straße zu gehen. Hängt die Kameras ab, und wir können über das Vermummungsverbot sprechen. Jeder Mensch hat etwas zu verbergen. Das müssen keine „Geheimnisse“ sein, nicht Kriminelles oder Intimes. Das kann auch sein, wo wir sind und wie wir den Nachmittag verbringen. Das geht niemanden etwas an.

Überwachungskameras sollen Sicherheit schaffen. Aber ich persönlich will keine Sicherheit, wenn der Preis, den ich dafür zahlen muss, meine Privatsphäre ist und wenn mir die Sicherheit Angst macht.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total nervt, wenn man extra vorsichtig an Touristen vorbeischleicht, weil man denkt, dass sie irgendetwas fotografieren, und wenn sich dann herausstellt, dass sie sich selbst fotografieren.