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Bitte erklär mir mal wer, wie man weniger als 24/356 Mutter sein kann. Bildquelle

Bitte erklär mir mal wer, wie man weniger als 24/356 Mutter sein kann. Bildquelle

Ein Begriff, über den ich im Zusammenhang mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wieder stolpere, ist „Vollzeitmütter“.  Vollzeitmütter – altmodisch oder unterschätzt? Vollzeitmütter – altmodisch oder einfach nur gut für’s [sic!] Kind? Vollzeitmütter in Erklärungsnot. Selbstbewusste Vollzeitmütter – Der Wunschtraum aller Kleinkinder. 5 Dinge, die man zu einer Vollzeitmutter nicht sagen sollte. Das Internet kennt sich aus mit Vollzeitmüttern. Nach ein paar Klicks weiß auch ich, was gemeint ist. Vollzeitmütter sind Frauen mit Kindern, die keinem Beruf nachgehen, um sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern.

Ah, also Mutter und Hausfrau.

Genau.

Warum sagt man dann Vollzeitmutter?

Na ja… sie sind Mutter… die ganze Zeit.

Spannend. Gibt es auch Teilzeitmütter? Google kennt auch diesen Begriff. Teilzeitmütter sind Frauen mit Kindern, die Teilzeit arbeiten.

Ach, und man sagt Teilzeit, weil sie Teilzeit arbeiten!

Genau.

Moment… Teilzeitmutter kommt von Teilzeit arbeiten…

Genau.

…und Vollzeitmutter kommt von Vollzeit zuhause…Moment, das ist ja total unlogisch.

Ist es nicht. Vollzeitmutter kommt von Vollzeit zuhause bleiben, Teilzeitmutter von Teilzeit zuhause bleiben.

Okay. Verstehe. Aber was hat das Ganze mit Mutter sein zu tun?

Ich finde, das jeder Mensch, ob Frau oder Mann, selbst entscheiden sollte, ob sie oder er nach der Geburt ihrer oder seiner Kinder weiterarbeiten möchte, wann, und ob Teilzeit oder Vollzeit. Was mich an all den Debatten über Vollzeitmütter stört, ist also nicht die Tatsache, dass es Frauen gibt, die, sobald sie Kinder haben, darauf verzichten, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Was mich stört, ist der Begriff Vollzeitmutter an sich. Denn er legt nahe, dass eine Frau nur dann Vollzeit Mutter ist, wenn sie  nicht arbeitet, dass sie nicht gleichzeitig arbeiten und Mutter sein kann, und das arbeitende Frauen nur nach Feierabend Mutter sind.

Was sagt das über unser Verständnis von Familie aus? Und was über unser Verständnis von Frauen und Müttern? Ist eine Frau keine Mutter, während sie arbeitet?

Ich bin in einem arbeitenden Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter ist in Teilzeit beschäftigt und gleichzeitig selbstständig. Als ich klein war, studierte sie und jobbte zeitweise nebenbei, zusätzlich macht sie Kommunalpolitik. Mein Vater hat eine Dreiviertelstelle und leitet außerdem mehrere Theatergruppen. Ich war in der Krippe, in der Kita und im Hort, auch in der Ferienbetreuung, ich habe in der Schule gegessen, und Abende und Wochenenden, an denen meine Eltern arbeiteten oder Tagungen und Fortbildungen hatten, was nicht oft, aber regelmäßig vorkam, verbrachte ich bei Freunden oder meinen Großeltern. Meine Eltern waren auch zuhause oft mit Arbeiten beschäftigt.

Nichts daran ändert, dass sie beide meine Vollzeiteltern sind. Wenn sie morgens zur Arbeit fahren, hören sie nicht einfach auf, meine Eltern zu sein. Ich habe noch nie mit Bauchschmerzen, einem verpassten Zug oder Aufrege-Bedarf, einem gewonnenen Wettbewerb oder der Bitte, mir Erdbeeren mitzubringen, meine Mutter oder meinen Vater auf der Arbeit angerufen und mir anhören müssen, „Sorry Kim, ich bin erst ab siebzehn Uhr wieder deine Mutter“ oder „Ihr Vater ist erst ab dem 22. Juli wieder ihr Vater, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton.“

Wer also Begriffe wie Vollzeitmutter und Vollzeitvater für Eltern vorbehält, die nicht arbeiten gehen, ignoriert die vielen Frauen und Männer, die die Verantwortung für ihre Kinder nicht vergessen, sobald sie eine Aktentasche oder einen Hammer on die Hand nehmen. Wer das vergisst, trägt nicht zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei. Alle Eltern sind Vollzeiteltern, und das hat mit arbeiten gar nichts zu tun.

Im Übrigen bin ich nicht der Meinung, dass Jugendherbergen nur für Jugendliche da sind.

Friendly Neighbourhood Neonazis

Veröffentlicht: 12. Mai 2016 in Allgemein, Echt jetzt?
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Sei nicht so unfair. Du weißt ja gar nicht, ob er die Positionen der AfD wirklich vertritt.

Sie sind vielleicht Nazis, aber sie können ja trotzdem gute Menschen sein.

Ich finde nicht, dass man Menschen aufgrund ihrer politischen Einstellung beurteilen kann.

Also, zu mir sind sie immer total nett.

Du weißt doch nicht, ob er überhaupt rechts ist.

Die machen ja nichts.

Alles Sätze, die ich so oder so ähnlich von Freund*innen und Bekannten gehört habe, nachdem ich äußerte, wie sie mit rechts denkenden Menschen – in einem Fall „nur“ einem AfD-Mitglied, im anderen einer Gruppe Neonazis – befreundet seien können, sei mir schleierhaft. Und es ist mir schleierhaft. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man die Tatsache, dass eine Person, mit der man befreundet ist, offenbar menschenverachtendes Gedankengut und Handlungspotential mit sich herumträgt, einfach ignorieren kann.

Gut, wenn meine Freund*innen und Bekannten jetzt kämen und über das AfD-Mitglied sagten, Ich kann das aber ignorieren. Ganz einfach. ich weiß, dass mein Kumpel Soundso homophob und sexistisch ist, etwas gegen Flüchtlinge hat, den menschgemachten Klimawandel leugnet und sich in ein Europa der Vaterländer zurücksehnt, aber wir haben einen ähnlichen Humor und mögen beide Modelleisenbahnen, also stört mich das nicht. Das würde mich zwar schockieren, wäre aber wenigstens ehrlich. Genauso könnte man über den Nazi sagen, Ich weiß, dass er Asylunterkünfte abfackelt und Kopftuchträgerinnen zusammentritt, aber weil wir Freunde sind, ist mir das egal. Das würde mich ehrlich gesagt noch mehr schockieren, und ich wer auch immer so ehrlich zu mir wäre, hätte sofort eine Freundin weniger, aber ich kenne niemanden, der so redet.

Stattdessen waschen die netten Menschen, die mit augenscheinlich weniger netten Menschen befreundet sind, ihre Hände in Unwissen.

Vielleicht vertritt er die Positionen der AfD ja gar nicht. Nun, wenn er sie nicht vertreten würde, wäre er dann in die AfD eingetreten? Wer die Positionen einer Partei nämlich nicht zumindest in ihren Grundzügen unterstützt, ist nicht gezwungen, ihr beizutreten, und wer sie nicht kennt, der soll es gleich lassen. Wir haben alle Zugang zu verschiedenen Informationsquellen, und wir können alle lesen. Niemand wir versehentlich AfD-Mitglied, beim Schlafwandeln oder so. Gut, manche Menschen sind einfach etwas zerstreut. Ich selbst bin auch so. Heute beim Mittagessen hatte ich zum Beispiel vor, mir keinen Salat zu nehmen, ich ging also an der Salattheke vorbei zur Essensausgabe, unterhielt mich mit einer Mitschülerin, dachte an nichts Böses, schaute auf mein Tablett und stellte fest, dass ich mir unbewusst Salat genommen hatte. Passiert. Aber ist es möglich, auf dieselbe Art in die AfD einzutreten? Ich denke nicht.

Sie sind vielleicht Nazis, aber sie machen ja nichts. Ach nein? Und wer sind dann die Leute, die auf den Nazi-Demos „Nationaler Sozialismus!“ schreien? Ja, aber sie machen ja nichts. Und wer zündet dann nachts Asylunterkünfte an? Du? Ich? Aliens? Sicherlich nicht your friendly neighbourhoor Neonazis.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die sind immer so nett zu mir. Na klar. Hast du schon mal darüber nachgedacht, ob sie genau so nett zu dir wären, wenn deine Familie muslimisch, jüdisch oder eingewandert wäre? Ist dir nur wichtig, wie die Leute mit dir umgehen, und gar nicht, ob sie auch den Rest der Welt respektieren? Na dann, herzlichen Glückwunsch zum Verleih der Heile Welt-Egoismus-Medaille. Du hast sie dir verdient.

Choose your friends wisely. Association is perception. Perception is reality.

Hier noch ein pseudo-intellektuelles Zitat zum Thema Freundschaft. Bildquelle

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es wirklich witzig ist, dass im Wort Bildungsfernsehen das Wort bildungsfern steckt.

Ich wollte ein Bild zum Thema "Political Correctness" posten, aber alles, was ich fand, war rechte Hetze und White-Pride-Shit. Deshalb stattdessen ein Bild, das das Hubble-Space-Teleskop geschossen hat. Bildquelle

Ich wollte ein Bild zum Thema „Political Correctness“ posten, aber alles, was ich fand, war rechte Hetze und White-Pride-Shit. Deshalb stattdessen ein Bild, das das Hubble-Space-Teleskop geschossen hat.
Bildquelle

Ich werde heute etwas aussprechen, was nicht gern gehört wird. Von wem? Ach, von den ganzen Gutmenschen und Phrasendreschern und Wahrheitsverdrehern da oben. Was weiß ich. Denen muss mal ordentlich wer auf die Füße treten. Was ich jetzt aussprechen werde, denken viele, die trauen sich nur nicht, das Maul aufzusperren.

Deutschland muss anders werden. Sich mehr auf seine Werte zurückbesinnen. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Wir Deutschen müssen wieder politisch korrekt werden. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Spaß beiseite.

Politisch zu sein ist, soweit ich mich erinnere, etwas Gutes. Korrekt war meiner Meinung nach auch immer ein positives Wort. Was, frage ich mich, haben dann ständig alle gegen Politische Korrektheit? Googeln Sie den Begriff mal. Sie werden eine Definition und gefühlt eine Million Parodien, Karikaturen und Hetzreden gegen politische Korrektheit finden.

Wir haben schon immer Negerkuss gesagt. Ich meine das ja gar nicht abwertend, aber. Mit „Wissenschaftler“ sind natürlich auch Frauen gemeint, aber der Einfachheit halber verzichten wir im Weiteren auf. Ihr müsst schon zugeben, dass. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

„Politisch korrekt“ scheint ein grauenhaftes Schimpfwort für alle zu sein, die sich kleinhalten und den Mund verbieten lassen. Wer politisch korrekt ist, könnte man denken, plappert nach, denkt nicht mit und lässt sich von liberal-linksgrün-versifften Sprachnazis diktieren, was er_sie zu sagen und zu denken hat. Politisch korrekte Mitbürger*innen sind die armen Schlucker, die nicht mehr „Zigeunerschnitzel“ sagen dürfen und deshalb natürlich automatisch alle Probleme in Europa weglächeln, weil man ja über Zigeuner nicht reden darf. Oder so ähnlich.

Aber ganz ehrlich?

Politische Korrektheit bedeutet genau das Gegenteil – nämlich, dass wir über unsere Sprach- und Denkmuster nachdenken, bevor wir den Mund aufmachen, nicht, dass wir den Mund gar nicht aufmachen. Politische Korrektheit bedeutet nicht, alles nachzuplappern, sondern über das nachzudenken, was wir nachplappern. Täglich übernehmen wir unbewusst die Sprach- und damit die Denkmuster unserer Umgebung. Wie wir reden, entscheidet darüber, wie wir denken und wie andere denken. Wenn wir unsere Umgebung ändern wollen, müssen wir unsere Denkmuster ändern, und das beginnt mit der Änderung unserer Sprachmuster. Ganz einfach.

Wenn wir etwas scheiße finden, sagen wir, dass wir es scheiße finden, nicht, dass wir es schwul oder behindert oder abartig finden. Wenn jemand ein Arschloch ist, nennen wir ihn_sie ein Arschloch und keinen Mongo oder Spasti. Wenn wir einen Brief an unsere Kolleginnen und Kollegen schreiben, schreiben wir ihn an unsere Kolleginnen und Kollegen, nicht bloß an unsere Kollegen. Wenn wir eine Packung Schokoküsse kaufen, kaufen wir eine Packung Schokoküsse und keine Packung Mohrenköpfe. Wenn wir Politik weltfremd finden, nennen wir sie weltfremd und nicht autistisch. Wenn wir uns an Fasching unbedingt als etwas Originelles verkleiden müssen, dann verkleiden wir uns als etwas wirklich Originelles, zum Beispiel als Zeitreisebananen oder als Guerillazahncremetuben, und nicht als Inder oder Chinesen. Ganz einfach.

Wenn ich sehe, WER in unserer Gesellschaft am lautesten gegen politische Korrektheit wettert, dann sind das rechtslastige und undemokratische Zeitungen wie die Junge Freiheit und eigentümlich frei und Blogs wie Politically Incorrect. Und wenn ich lese, dass politische Korrektheit zugunsten derer rechter Meinungsmache aufgegeben werden soll, wird sie mir gleich noch viel sympathischer.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass jede gute Fernsehserie ein Crossover mit Doctor Who verdient.

Jugend Existiert

Veröffentlicht: 14. Juli 2015 in Echt jetzt?
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Liebe Leserinnen und Leser,

vergeben Sie mir bitte die lange Abwesenheit. Ich war in letzter Zeit sehr damit beschäftigt, meine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Monatelang war ich die einzige in meiner WG, die bei keinem Wirtschaftswettbewerb mitmachte. Junior, Jugend Gründet, Deutscher Gründerpreis, Schulbanker, Business@School und Jugend spekuliert mit Lebensmitteln gingen immer an mir vorbei. (Einer dieser Wettbewerbe ist kein richtiger Wettbewerb.)

Ich interessierte mich nie für Businesspläne. Mit Zahlen war ich schlecht. Ich konnte keinen Haushaltsplan aufstellen, weil ich schon regelmäßig meine PIN vergaß. Auf Konferenzen hatte ich keine Lust, auf Konkurrenz auch nicht, und um mich vier Stunden am Stück vor eine Excel-Tabelle zu setzen, fehlten mir einfach die Nerven. Ich war heillos faul und es gab mit Sicherheit bessere Teamplayer als mich. In der „echten freien Marktwirtschaft“ wäre ich vermutlich ziemlich schnell verhungert. Aber ich hatte lange Zeit auch nicht vor, durch Wettbewerbe besser im Wettbewerb zu werden. Wettbewerb war einfach nicht mein Ding.

Das, liebe Leserinnen und Leser, wird jetzt anders. Ich bin in den Wettbewerb eingetreten. Jeder gegen jeden, Compañeros. Ich hab’s verstanden. Wettbewerb ist total mein Ding. Man muss nämlich gar nicht fleißig, diszipliniert und ökonomisch sein. Es reicht, wenn man sich gut verkaufen kann – Präsentieren und Gewinnen!

Präsentieren und Gewinnen ist tatsächlich der Titel eines Wettbewerbs, der bei uns im Foyer beworben wird. Und der hat mich auf eine Idee gebracht.

Präsentieren und Verlieren! Die schlechteste Präsentation gewinnt.

Schummeln und Gewinnen! Gewinnen kann nur, wer die Aufgabenstellung umgeht. Wer das allerdings tut, erfüllt sie ja gleichzeitig, was allerdings wieder eine Umgehung der Aufgabenstellung wäre… es ist paradox. Meta-Schummeln.

Jugend Plagiiert! Nach Jugend Präsentiert, Jugend Forscht, Jugend Debattiert und Jugend Musiziert kommt jetzt das weitaus bessere EU-Remake des Schweizer Erfolgswettbewerbs Jugend Kopiert. Der erste Platz geht hierbei an das beste Plagiat des Vorjahres-Gewinners. In der Schweiz gewinnt zum Beispiel seit dreizehn Jahren die Beispielpräsentation.

Jugend Boykottiert! Der Pries wird an alle Teams verliehen, die erfolgreich nicht am Wettbewerb teilnehmen – allerdings nur bei Selbstabholung.

Jugend verpasst den Einsendeschluss! Was genau hier gefordert ist, weiß ich auch noch nicht genau. Aber ich wäre sicher gut darin.

Und last but not least – Jugend Existiert! Der Wettbewerb für all die unglücklichen Unwissenden, die sich immer noch vor dem Segen des Wettbewerbs zu drücken versuchen. Denn es ist nicht möglich, sich dem Wettbewerb zu verschließen! Nicht in unserer Welt! Wir können die Welt nicht ändern, also ist es nur logisch, uns ihr anzupassen! Willkommen in der Arena.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es total cool wäre, auf der Oscar-Verleihung mit einem Segway über den roten Teppich zu fahren. (Und wenn das nächstes Jahr jemand macht: Kim S hat es zuerst gesagt!)

In Irland kann man jetzt heiraten. Bildquelle

In Irland kann man/frau jetzt heiraten.
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Als erstes Land der Welt hat Irland nach einem Volksentscheid die Ehe legalisiert. Für Paare in Irland ist es jetzt also endlich möglich, zu heiraten und somit offiziell als Paar zusammenzuleben. Bisher war das in Irland nicht möglich. Partnerschaften konnten zwar anerkannt werden, aber sie genossen nicht den rechtlichen Schutz einer Ehe. Irland war in dieser Hinsicht bislang ein Spätzünder, denn dort ist es erst seit 1993 legal, überhaupt einen Partner zu haben.

Vor dem Referendum am 22. Mai schien unklar, ob das Volk den Schritt zur Öffnung der Ehe wagen würde. Irland ist ein sehr katholisches Land, und die katholische Kirche stellt sich noch immer vehement gegen die Ehe. In streng religiösen Kreisen gilt das Zusammenleben von Paaren als unnatürlich und unmoralisch – genau wie zum Beispiel Sex. Kardinal-Staatssekretär Parolin im Vatikan bezeichnete die Entwicklungen in Irland sogar als eine „Niederlage für die Menschheit“.

Liberale und säkulare Iren hingegen feiern das Referendum als einen Sieg der Toleranz und einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung von Paaren. Unter den Hashtags #MarRef (Marriage Referendum), #equal (gleichberechtigt) und #YES (ja) zeigen sie auch im Internet ihre Solidarität mit den heiratswilligen Paaren.

In Deutschland ist es Paaren bisher noch nicht erlaubt, zu heiraten. Doch auch bei uns werden seit Jahren immer mehr Stimmen laut, die Ehe zu öffnen. Nicht nur Liberale und Linke, sondern auch die „Mitte der Gesellschaft“ wird Paaren und Individuen gegenüber immer aufgeschlossener. In der Politik stemmen sich einzig CDU und AfD vehement gegen die Ehe – als Partei der konservativen, traditionellen und „christlichen“ Werte sieht es die Union nicht gern, wenn geheiratet wird. Die AfD steht hier wie gewohnt noch einen Schritt weiter rechts.

Dass Paare sogar in streng christlichen Ländern wie Irland und einigen Staaten der USA heiraten dürfen, nicht aber im angeblich so aufgeklärten Deutschland, sollte uns zu denken geben. Ein Volksentscheid wäre auch bei uns eine Möglichkeit, die Ehe für alle zu legalisieren.

Allerdings frage ich mich, ob ein Volksentscheid nicht ein falsches Signal setzten würde. Denn was geht es die Mehrheitsbevölkerung, die gar keinen Partner heiraten möchte, an, ob Paare heiraten dürfen? Sollte die Möglichkeit, einen Lebensbund mit einem Partner der Wahl einzugehen, nicht für alle ein unumstößliches Grundrecht sein, an dem auch kein Volksentscheid etwas ändern kann? Ich mache mich für die Einführung der Ehe per Gesetz stark – denn auch, wenn gesellschaftliche Akzeptanz für Paare wünschenswert ist, darf (mangelnde) gesellschaftliche Akzeptanz nicht über Grundrechte entscheiden. Das Wahlrecht für alle wurde schließlich auch nicht erst eingeführt, als plötzlich die Mehrheit der bis dahin wahlberechtigten Bevölkerung dafür war. Damals waren es die nicht wahlberechtigten Frauen, die das Wahlrecht für sich selbst erkämpften – die Paare und Individuen, die heiraten wollen, fordern die Ehe schon jetzt. Zeit, sie zu hören. Zeit, zu begreifen, dass alle Menschen und Liebesformen gleich viel wert sind. Zeit für einen Schritt in die richtige Richtung.

Hinweis: dieser Text ist keine Satire. Ich habe lediglich an einigen Stellen die Adjektive gleichgeschlechtlich, schwul und lesbisch weggelassen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es in der U-Bahn für alle, die vor neun aufstehen mussten, erlaubt werden sollte, die Füße hochzulegen.

Hallo FraGIDA, wir haben uns gestern leider knapp verpasst.

Ich wünschte, ich wäre gestern auf der Gegendemonstration gewesen. Es muss lustig gewesen sein, zu hören, wie Heidi Mund immer hysterischer wurde und wie Ihr knapp 70 FraGIDA-Freaks unter den 16000 Gegendemonstranten untergingt. Ich hätte gern das Abendland gegen die Pegidisierung verteidigt. Ich war nicht dabei, weil ich und die sieben Freunde, mit denen ich mich verabredet hatte, schließlich an einer Unmenge bürokratischer und logistischer Problemchen gescheitert sind. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung, ich weiß. Die Party lief ja dann auch ohne uns.

In der Presse sieht man euch als schwarz gekleidete, Fraktur-beschriftete Fahnenschwenker. Interessanterweise sind alle Fahnen Deutschlandflaggen, Europafahnen habe ich keine einzige gesehen. Wofür das E in „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes“ wirklich stehen soll, ist mir also schleierhaft. Aber PDGIDA klingt einfach bescheuert, und würdet Ihr euch wahrheitsgemäß VODGAA (Völkisch Orientierte Deutsche Gegen Alle Anderen) nennen, hättet Ihr es wohl kaum von facebook auf die Straße geschafft. Seid Ihr die Mitte der Gesellschaft? Der besorgte Deutsche? Der kleine Mann? Das Volk?

PEGIDA, Ihr seid nicht das Volk. Das Volk ist, das müsst Ihr akzeptieren, bunt, „linksversifft“ und zu 5% muslimisch. Egal, wie viele Deutschlandflaggen Ihr schwenkt. Und Ihr verteidigt nicht das Abendland. Die 16000 Frankfurter*innen, die euch gestern ausgelacht haben, die verteidigen das Abendland. Ihr seid lächerlich.

Eine Bitte noch: könntet Ihr *verdammt noch mal* aufhören, Israel-Flaggen zu schwenken? Ihr sprecht nicht für Israel, Ihr sprecht nicht für die Juden in Deutschland, und hättet Ihr ein wenig Ahnung von der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Ihr hättet sicher das ein oder andere Mitglied auf der Gegendemo entdeckt. Die Gemeinde gehört nämlich zu den Organisatoren derselben.

Ihr beruft euch auf die „jüdisch-christlichen“ Wurzeln des Abendlandes, um damit der dritten abrahamitischen Religion, dem Islam, hier die Existenz abzusprechen. Muslime in Deutschland, eine religiöse Minderheit, diffamiert Ihr auf Grund ihres Glaubens und ihrer Kultur. Und glaubt Ihr wirklich, damit im Sinne der jüdischen Minderheit in Deutschland zu sprechen, die lange genug selbst verfolgt wurde? Die Bilder, die heute anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren durch die Medien gehen, sollen uns nicht nur daran erinnern, dass Faschismus nie mehr sein darf. Sie sagen uns auch, dass Hass niemals eine Lösung ist. Damals nicht, heute nicht, und auch in Zukunft nicht.

PEGIDA, FraGIDA – Ihr seid nicht ich. Ihr seid nicht Deutschland. Ihr seid nicht das Abendland. Ihr seid eine – in Frankfurt nicht einmal siebzigköpfige – rechte Randgruppe, und ich hoffe, Ihr habt es gestern verstanden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es weniger Krieg gäbe, wenn wir alle mehr essen und mehr schlafen würden. Grüße von der Lügenpresse!

Schachspielen für die Revolution

Veröffentlicht: 10. November 2014 in WGweisend
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Ich kenne keinen Ort, an dem mehr Schach gespielt wird als in meinem Internat. Die Bewohner hier sind versessen auf dieses Spiel. Auf eine WG kommen schätzungsweise zwei Schachbretter, und die am häufigsten gesuchten Gegenstände hier sind Bauern, die im Staubsauger gelandet sind. Die meisten von uns können gleichzeitig Schachspielen und Hausaufgaben machen. Oder den Kühlschrank abtauen. Oder sich über physikalische Fehler in Science-Fiction-Filmen austauschen. Wer hier nicht weiß, wie ein Turm ziehen kann, wird angeschaut, als wüsste er nicht, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Das Schachspiel entstand zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert in Persien. Der Name Schach leitet sich vom Persischen ‏شاه (Schah), König, ab. Es wird von zwei Spielern oder Teams gegeneinander gespielt, die mit ihren schwarzen bzw. weißen Figuren versuchen, den König des anderen zu stürzen. Jetzt wüsste ich gern – warum kommt nie jemand auf die Idee, seinen eigenen König zu stürzen?

Schachmatt, oder Persisch شاه مات (Shah mat), bedeutet Der König ist geschlagen und stellt das Ende des Spiels da. Die Mannschaft ohne König hat verloren, Ende der Geschichte. Aber wissen wir nicht alle, dass die Geschichte erst richtig interessant wird, wenn der König endlich weg ist? Monarchie-Anhänger, Liberale, Sozialisten, Kommunisten, religiöse Fundamentalisten, Faschisten und Anarchisten prügeln sich um die neue Herrschaft (oder Nicht-Herrschaft) im Staat. Ehemals machtlose Nicht-Eliten, Arbeiter, Bauern, Frauen fordern ihre Rechte. Meistens fließt Blut. Aber wenn man alles richtig macht, kommt am Ende eine Demokratie dabei raus.

Wenn die Könige weg sind, haben die Schwarzen und die Weißen außerdem keinen Grund mehr, sich gegenseitig zu bekämpfen. Weg fällt auch das Privileg, dass die Weißen immer anfangen dürfen. Dass sich die Bauern für den König opfern müssen. Dass es insgesamt nur zwei Frauen in Führungspositionen gibt. Um antiautoritär, antirassistisch und feministische zu handeln, müssen beide Könige weg!

Schachmatt.

Auf einem Schachbrett ohne Könige können alle anderen Figuren ohne Konkurrenzdenken zusammenstehen und sich zusammen bewegen, ohne sich gegenseitig rauszuschmeißen. Und idealerweise ärgere ich mich dann auch nicht mehr so, weil ich nicht mehr gegen unseren Junior-Großmeister verliere.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Völkerball das nationalistischste Spiel der Welt ist.

Wer in ein Internat einzieht, bekommt zwei heilige Schriften zur Begrüßung. Die eine ist das Wertepapier und predigt Toleranz, Solidarität und Respekt für alle. Die andere ist das Regelwerk, und darin steht: nichts an Türen und Schränke kleben.
Ich muss sagen, als ich die Antifa- und No-Homophobia-Sticker am Schrank eines Mitschülers entdeckt habe, waren es weniger die Aufkleber, über die ich mich gefreut habe, als vielmehr diese kleine Geste des zivilen Ungehorsams. Denn wenn wir trotz kostenloser Schulbildung unsere Unterbringung im Internat bezahlen müssen, dann ist es unser gutes Recht, die Renovierungspauschale zu verplempern.
Für viele Menschen bedeutet ziviler Ungehorsam allerdings immer noch…
…abends elmex und morgens aronal zu benutzen…
…den Ohrstöpsel fürs linke Ohr und rechte Ohr zu stecken…
…im Schwimmbad vom Beckenrand zu springen…
…sich mit Handcreme das Gesicht einzuschmieren…
…während der Fahrt mit dem Busfahrer zu sprechen
& mehr als drei Teile mit in die Umkleidekabine zu nehmen.
Diese Leute rebellieren nicht nicht, weil sie keine Gründe zum Rebellieren finden. Sie rebellieren nicht, weil sie keie Gründe zum Rebellieren suchen. Wer sich umschaut, findet überall Gründe. In jeder Welt gibt es etwas zu verbessern, und manchmal erreichen wir diese Verbesserung eben nur durch Widerstand. Um erfolgreich (oder wenigstens enthusiastisch) Widerstand zu leisten, müssen wir uns klar machen, warum es sich lohnt, Aufkleber zu verteilen.

Aufkleber machen nicht nur Laternenpfähle schöner - hier in Brighton.

Aufkleber machen nicht nur Laternenpfähle schöner – hier in Brighton.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Schule eine klassenlose Gesellschaft zu werden hat.

Mein sechster fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Dieses Mal habe ich eine Schläferzelle entdeckt.


Hallo Jochen,

Kim hier. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Ihnen nicht mehr zu schreiben, Sie nehmen mich ja doch nicht ernst, aber dieses Mal geht es um die nationale Sicherheit. Und die müssen Sie ernstnehmen, nicht wahr?

Sie kennen sich doch sicherlich mit Schläferzellen aus. Terroristen, die vollkommen unerkannt unter normalen Bürgern leben und nur darauf warten, aktiviert zu werden und zuzuschlagen? Die sich harmlos geben und gleichzeitig in geheimen Terrorcamps neue Rekruten ausbilden? Sie sind besonders gefährlich, weil sie eben halb-offiziell sind. Wir sehen ihre Netzwerke, aber wir sehen nicht, dass es sich um Terror-Netzwerke handelt. Sie sind total unverdächtig. Anständige Leute. Nette Nachbarn. Man stößt nur durch Zufall auf sie. Dabei sind sie überall. Ich bin gerade über eine gestolpert.

KLEINGÄRTNERVEREIN "KRAUTGÄRTEN" e.V.Dieses Terrorcamp liegt etwa zehn Kilometer von meinem Haus entfernt. Es tarnt sich als Kleingartenkolonie, und da zeigt sich auch schon das Gefahrenpotential: darin wimmelt es von Kleingarten-Kolonialisten, Gemüsebeet-Imperialisten und Buchsbaum-Nationalisten. Auf einen von ihnen kommen geschätzte 60 m Gartenzaun, 2,2 Gartenzwerge, 0,7 Porzellan-Rehe und 0,4 Springbrunnen. Dazu 2,3 kg biologische Kampfmittel, allen voran Rattengift, 2,6 Heckenscheren, 10 m Stacheldraht und 1,1 Wasserwerfer. Schockierend!

Hier rüstet die extreme Mitte zum Kampf gegen Individualität und alternative Gesellschaftsformen. Hier wird vorgegeben, wie breit ein geharkter Weg, wie hoch eine Fertigbauhütte und wie lang ein Grashalm sein darf. Hier grüßen alle freundlich und bleiben schön auf ihrem eigenen Rollrasen. Hier erprobt FRONTEX neue Grenzzäune.

Die quadratischen Parzellen, penibel mit Maschendrahtzaun getrennt, sind die Keimzelle übertriebener Nationalstaatlichkeit. In jedem der Nationalstaaten flattert eine Deutschlandflagge, gemeinsam mit der Fahne des favorisierten Fußballvereins, daneben ein Bratwurstgrill und ein Gartenzwerg. Jeder Garten ist Deutschland. Aber nicht nur einmal, sondern ganz, ganz oft. Warum können nicht alle so ordentlich, fleißig und pünktlich sein wie wir? Wäre die Welt nicht schöner, wenn in jedem souveränen Staat eine Kuckucksuhr hinge und wenn es überall Kartoffelpuffer gäbe? Das ist der Traum der Kleingartenkolonialisten. Currywurst für alle! Ein deutscher Alptraum. Extreme Mitte, rechter Rand.

Ich habe Angst vor den Kleingärten. Und wenn Sie vernünftig sind, sollten Sie das auch tun. Denn wenn wir nicht handeln, wird bald die ganze Welt in quadratische Nationalparzellen eingeteilt sein. Dann ist keine Rede mehr von Gemeinschaft und Gemeineigentum. Dann sind überall Gartenzäune. Und zwischen den Gartenzäunen gilt das Recht des Stärkeren. Darauf hab ich keine Lust. Ich zähle auf Sie.

Mit besorgten Grüßen,

Kim

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Falafel der Schlüssel zur Lösung des Nahostkonflikts sind.

Kapitalismus im Kanu

Veröffentlicht: 25. September 2014 in Echt jetzt?, Unterwegs
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Kanufahren ist wie Kapitalismus.
Das mag weit hergeholt klingen, aber nach der gestrigen Schul-Kanutour kann ich nichts anderes dazu sagen. Genaugenommen sind Schleusen wie Kapitalismus, und zwar wie die marktradikalste Form, die man sich vorstellen kann.
Alle zwanzig Kanus, jeweils besetzt mit drei Schülern, fahren also in die erste Schleuse. Natürlich sind sie nicht alle gleichauf, über die Reihenfolge entscheidet, wer wann ins Wasser gelassen wurde. Damit sind manche Kanus also vor anderen. Die Schleuse schließt sich hinter dem letzten Boot. Und dann geht das Geschiebe los.
Alle Kanus versuchen, sich an den anderen vorwärts zu schieben. Weil die Schleuse nicht breit genug ist, wird jeder nach hinten gedrängt, der keine anderen Boote verdrängen kann. Bald sind die Typen mit den meisten Muskeln vorne. Ich ritze derweil Hausbesetzerzeichen in den Schlick an der Schleusenwand. Ihr kriegt uns hier nicht raus.
Dann gehen die schmutzigen Tricks los. Manche Boote versuchen, sich heimlich an anderen festzuknoten. Bei dem ein oder anderen beginnen die Hände zu bluten. Alle wollen möglichst weit nach vorne. Leider ist das Schleusentor zu. Wirklich voran kommt niemand.
Dann kommt Bewegung in den Wettbewerb. Um die Schleusentore zu öffnen, müssen alle ein Stück zurückpaddeln. Und da zeigt sich der wahre Charakter des Wettbewerbs.
Anscheinend denken sich alle, dass sie sich heimlich alleine vorwärtsschieben können, während sich der Rest rückwärts bewegt. Leider machen sie die Rechnung ohne die Skrupellosigkeit der anderen, und so bewegen sich doch alle vorwärts. Manche werden fast vom sich öffnenden Schleusentor versenkt.
Als die Tore dann endlich aufgehen, paddeln alle wie wild drauf los. Wenn sie ihre Kraft nicht für eine halbe Stunde Stillstand verbraucht hätten, wären sie zwar schneller, aber wenn stört’s?
Der Wettbewerb ist nicht fair. Das Prinzip, auf Kosten von anderen zu gewinnen, das Prinzip, dass es Verlierer geben muss, wenn es Gewinner geben soll, ist an sich schon nicht fair. Das größte Problem ist aber, dass nicht alle gleichzeitig starten. Die Menschen haben dieselben Rechte, aber nicht dieselben Chancen. Und da soll noch mal jemand behaupten, Gewinnen hätte allein mit Fleiß und Talent zu tun. Den nächsten Kapitalisten, der mich nervt, setzte ich einfach in ein Kanu.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Extrem-Bügeln sowieso die unterschätzteste Trendsportart ist.

Unser Team war übrigens zweites bei den Mädchen. Wir wären gute Managerinnen. Jo, Bitches.

Auf der Jagd nach dem fünften Stern

Veröffentlicht: 7. August 2014 in Allgemein
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Kein Fußballbeitrag. Versprochen.


Bei vielen Online-Bestellungs- und Bewertungsportalen kann man zur Einschätzung seiner Zufriedenheit ein bis fünf Sterne vergeben. Das erinnert an Hotels und Restaurants und ist ja auch schon fast ein geflügeltes Wort.

Fünf-Sterne-Bewertungen sind aber auch diejenigen, die sich niemand durchliest. Wenn alles perfekt ist, braucht man nicht mehr zu erfahren, damit ist alles gesagt. Sobald aber jemand weniger als die Bestnote vergibt, wollen wir wissen, warum.

Vier Sterne – wo ist der Haken?
Drei Sterne – ist das Produkt noch okay?
Zwei Sterne – wer zur Hölle vergibt zwei Sterne?
Ein Stern – war der Film so scheiße oder ist bloß die DVD nicht gekommen?

Ein Stern und vier Sterne sind wahrscheinlich die spannendsten Bewertungen. Wir interessieren uns für die großen Katastrophen und die kleinen Meckereien. Wir wollen nicht wissen, warum etwas perfekt ist. Wir wollen wissen, warum es nicht perfekt ist. Wir glauben nicht an Perfektion. Wir lästern gern.

Was mir häufig auffällt, sind Vier-Sterne-Bewertungen wie

4Sterne_perfekt
Die große Frage lautet: Warum gibt es dann keine fünf Sterne? Wie viel besser als perfekt soll das Produkt denn noch werden?

Soll die Kurzhaarfrisur für immer halten, ohne nachzuwachsen? Soll der Staubsauger die Wohnung von alleine saugen? Wie soll man „super CD, super Künstlerin, jeder Song ist einzigartig & aufrichtig, schönes Artwork, Lieferung ging auch schnell, alles top“ denn bitte noch steigern?

Ich hatte mal eine Lehrerin, die generell keine Einsen vergab, weil sie meinte, so gut könne sowieso niemand sein. Eine Zwei bei ihr entsprach quasi einer Eins, und wo andere Lehrer eine Sechs vergaben, hätte sie eine sieben drunter geschrieben.

Nach diesem Prinzip funktioniert leider ein großer Teil unserer Gesellschaft. Wir werden nicht mehr von gesundem Ehrgeiz, sondern von krankhaftem Perfektionismus angetrieben. Anstatt uns zu freuen, dass etwas gut ist, wollen wir, dass alles noch schneller, noch besser, noch bequemer für uns wird. Wir streben so sehr nach dem Glück, dass wir es nicht mehr erkennen, wenn es längst da ist. Wir heben uns den fünften Stern auf, bis wir irgendwann vergessen, dass wir ihn haben.

Wann haben Sie das letzte Mal über etwas ganz Banales gelacht, nicht auf die anderen gehört und einfach gelacht?

Freuen Sie sich doch mal. Lachen Sie im Kino, im Theater, in der Oper, im Museum. Lachen Sie, auch wenn Ihnen die Etikette das Lachen verbietet, denn Sie müssen nicht verstecken, dass Sie glücklich sind. Loben Sie sich und andere wieder mehr. Sie haben es verdient. Vergeben Sie öfter mal fünf Sterne.

Graffiti sind illegal, aber wunderschön? Vergeben Sie fünf Sterne. Ihr Stammdöner ist kein Nobelrestaurant, macht aber die besten Falafel-Sandwiches weltweit? Fünf Sterne. Sie haben den ganzen Tag ohne Ihr Smartphone überlebt? Fünf Sterne.

Besorgen Sie sich einen Fünf-Sterne-Stempel, Fünf-Sterne-Aufkleber, eine Fünf-Sterne-Sprühschablone. Sagen Sie „Das ist super“, wenn etwas super ist, damit Sie guten Gewissens „Das ist die letzte Scheiße“ sagen können, wenn etwas die letzte Scheiße ist. Sparen Sie sich den Ärger für die Dinge, die Ihnen wichtig sind. Sie müssen nicht zufrieden sein mit der Welt. Aber das muss Sie nicht davon abhalten, glücklich zu sein.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Recht auf eine Hängematte ins Grundgesetz gehört.