Mit ‘Kapitalismus’ getaggte Beiträge

 Die beste Satire-Aktion seit langem! Bildquelle (bearbeitet)


Die beste Satire-Aktion seit langem!
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Endlich. Die deutsche Bundesregierung lernt dazu.

Es erstaunt mich gleichermaßen, wie es mich freut, diesen Post schreiben zu dürfen. Denn nach Jahren neoliberaler, marktradikaler und Arbeitnehmerfeindlicher Politik von CDU & Co hatte sogar ich als junge, optimistische Bundesbürgerin nicht mit einem so schnellen Kurswechsel gerechnet.

Jetzt aber haben Merkel, das Institut der deutschen Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie ihre Fehler eingesehen und sich mit einem Augenzwinkern dafür entschuldigt. Mit der großartigen Kunstaktion „INSM – Initiative Neoliberale Scheiß-Meinungsmache“ schaffen sie es, ihre ehemaligen Positionen gekonnt durch den Kakao zu ziehen und sich dabei als zwar nicht unfehlbare, aber durchaus humorvolle und sympathische Zeitgenossen zu präsentieren.

INSM steht vordergründig für „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Diese fiktive Initiative predigt angeblich mehr Leistung, mehr Wachstum, mehr Markt, weniger Einschränkungen, weniger Freizeit und weniger Energiewende. Glücklicherweise sind diese Statements gut als Satire zu erkennen – schließlich werden sie in Form von klar als Fake erkennbaren Zitaten in pinker Schrift auf schwarzen Plakatwänden präsentiert. Und damit selbst Ironie-resistente Mitbürger*innen sie als Satire erkennen, zeigen diese Plakate ebenfalls halbe schwarz-weiß-Portraits grimmig dreinblickender älterer Herrschaften – eine äußerst gelungene Hommage an Grumpy Cat. Ich persönlich hätte Aussagen wie „Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch“ (Ludwig Erhard, CDU) oder „Märkte sind wie Fallschirme: sie funktionieren nur, wenn sie offen sind“ (Felix Baumgartner) jedoch auch ohne diese optische Unterstützung als beinahe überspitzte Satire erkannt.

Diese Plakate, mit denen ganz Berlin verschönert wurde, sind zum Glück nicht die einzigen Produkte der genialen Kunstaktion. Kostenlose „Unterrichtsmaterialien“ wie „Wir erklären Wirtschaft“ (gemeinsam mit dem beliebten Satire-Magazin Focus Money) sollen auch schon Schüler*innen der Mittel- und Oberstufen die Absurdität der freien Marktwirtschaft auf humorvolle Weise beibringen. Durch lustige Studien-Parodien wie „Chancengerechtigkeit durch Aufstiegsmobilität“ – sozialer Aufstieg sei angeblich problemlos möglich – unterstreicht die INSM ihren Satire-Charakter. Und auch das Fernsehen erobert das verantwortliche Künstlerkollektiv um CDU-und Commerzbank-Mitglied Johanna Hey, CDU- und Moody’s-Mitglied Hans Tietmeyer, Headhunter und Lobbyist Dieter Rickert und andere. Versteckte INSM-Themen machten sogar die ARD-Seifenoper „Marienhof“ zur Comedy-Show.

Alles in allem ist die INSM die witzigste und ehrlichste Satire, die die Bundesrepublik seit langem gesehen hat. Sie zeigt, dass unsere Medienkünstler*innen auch den internationalen Vergleich mit den grandiosen „Joint the Army“-Kampagne aus den USA oder der weltweit hochgelobten „Sozialistischen Propaganda“ des ehemaligen Ostblocks nicht zu scheuen braucht. Ich als Satirikerin bin jedenfalls stolz, dass meine Regierung so lustig und kreativ ist. Es lebe die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft!

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass keine Meinung auch eine Meinung ist, oder auch nicht.

Die INSM bei Lobbypedia

Die INSM bei Lobby Control

„Stoppt die INSM“ auf Facebook

Passagiere Zweiter Klasse

Veröffentlicht: 6. Januar 2015 in Echt jetzt?, Unterwegs
Schlagwörter:,

9:10
Ich wache auf und muss feststellen, dass ich, glücklicherweise voll bekleidet, neben einem Rollkoffer an einem Bahnsteig für Fernzüge stehe. Es dauert einen Moment, bis mir wieder einfällt, dass ich auf den ICE Frankfurt-Berlin  warte. Einen weiteren Moment brauche ich, um mich zu erinnern, was ich in Berlin will.
9:13
Mir fällt wieder ein, wie ich heiße. Mein Zug müsste langsam mal kommen. Mein Finger sind kalt. Ich hätte Handschuhe mitnehmen sollen.
9:17
Mein Zug ist immer noch nicht da. Ich drehe mich im Uhrzeigersinn, um die Rotation der Erde zu beschleunigen. (Das habe ich bei xkcd gelesen, stimmt also.) Einige Wartende schauen mich schräg an.
9:22
In der Drehung entdecke ich ein Schild, auf dem steht, dass an Gleisabschnitt A nur Passagiere der Ersten Klasse warten sollen. Natürlich befinde ich mich an Gleisabschnitt A, und natürlich habe ich kein Ticket für die Erste Klasse. „Verdammte Klassengesellschaft“, fluche ich, während ich meinen Koffer aus Protest zu Gleisabschnitt G schleife und die Deutsche Bahn ganz oben auf meine Revolutionsliste setze.
9:30
Mein Zug fährt ein.
9:31
Allerdings in verkehrter Wagenreihenfolge. Ich überlege, die Klassengesellschaft zu überwinden,  einfach in den vor mir zum Stehen gekommenen Erste-Klasse-Wagen zu steigen und dort eine Diktatur des Proletariats zu errichten, verwerfe den Gedanken jedoch beim Anblick der vielen Anzugträger, die über Headsets telefonieren und alle Steckdosen belegen.
9:32
Ich steige in einen Zweite-Klasse-Wagen und verstaue meinen Koffer im Überkopfgepäckfach. Zum Glück sitzt außer mir fast niemand im Wagen, sodass ich wenigstens im ersten Abschnitt der Reise keine schreienden Kleinkinder oder singende Wandervereine ertragen muss.
9:36
Der Zug ist endlich losgefahren. Ein Fahrkartenkontrolleur betritt den Wagen und verlangt freundlich, meine Fahrkarte zu sehen. Ich krame den Ausdruck mit meinem Ticket hervor und zeige ihn ihm.
„Haben Sie ein Bahn.Comfort-Ticket?“
„Ein was bitte?“
„Das ist ein Fahrschein, auf dem Bahn.Comfort steht. Dieser Waggon ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert.“
„Sie meinen, hier ist besetzt?“
„Hier ist für Passagiere mit einem Bahn.Comfort-Ticket reserviert. Sie müssen sich einen freien Platz suchen.“
„Ich versteh Sie nicht. Das hier ist ein freier Platz.“
„Aber wenn Sie kein Bahn.Comfort-Ticket bezahlt haben, müssen Sie den Platz für jemanden mit…“
„Bezahlt? Hören Sie, ich habe ein Zweite-Klasse-Ticket bezahlt, das gibt mir das Recht, in einem Zweite-Klasse-Wagen zu sitzen. Ob Sie da irgendwo Bahn.Comfort hinschreiben und für die selbe Leistung zwei Euro mehr verlangen, ist mir total egal.“
„Wenn Sie eine Beschwerde haben, leiten Sie diese an unsere Geschäftsführung weiter. Ich muss Sie bitten, jetzt aufzustehen.“
„Ach ja? Und ich habe es satt, wie eine Passagierin Zweiter Klasse behandelt zu werden!“
„Aber… Sie sind eine Passagierin Zweiter Klasse.“
Er starrt mich an. Ich starre ihn an.  Es ist ein bisschen wie ein Duell.
„Chauvinist“, zische ich, während ich aufstehe, meinen Koffer nehme, den fast leeren Wagen räume und mich auf einen Platz setzte, der meinem alten Platz standardmäßig aufs Haar gleicht.
„Was sind Sie eigentlich für ein Bahn-Angestellter?“, rufe ich dem Kontrolleur hinterher. „Waggon heißt es nur bei Güterzügen. In Personenzügen sagt man Wagen!“
Dann denke ich an die Anzugträger, die mehr bezahlt haben als ich, und die trotzdem genau so zu spät kommen werden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass „Das Leben in vollen Zügen genießen“ auf Bahnreisen eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Der Bananen-Engpass

Veröffentlicht: 14. Dezember 2014 in Echt jetzt?
Schlagwörter:, ,

In unserer Mensa gibt es in den ersten beiden Schulpausen immer Obst zu essen. Meistens Äpfel. Manchmal auch Birnen, Pflaumen oder Mandarinen. Das ist Standard. Als andere ist immer eine kleine Sensation.
Neulich kam ich ins Foyer, nichtsahnend, als ein spontaner Tumult vor der Mensa entstand. „Was ist da los?“, fragte ich. „Bananen!“, schrie der Typ, den wir Der Kommunist nennen. Zehn Sekunden später stand ich an der Obsttheke und musste zusehen, wie mir der Kommunist die letzte Banane wegfutterte.
„Da haben wir schon Kapitalismus, und dann gibt’s nicht mal Bananen!“, fluchte ich. „Krieg ich die Hälfte?“
„Nein“, sagte der Kommunist.
„Wo ist deine Solidarität geblieben, Genosse? Wenn schon niemand hinkriegt, genug Bananen zu besorgen, können wir sie doch wenigstens gerecht verteilen!“ Dann gab es also halbe Bananen. „Scheiß Sparpolitik“, sagte ich.
„Wollt ihr noch Bananen?“, fragte die Küchenchefin. „Es sind noch
welche in der Küche.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Rosinen weitaus besser betitelt wären, wenn sie „Trauben-Mumien“ heißen würden.

Kommunismus im Kühlschrank

Veröffentlicht: 18. Oktober 2014 in WGweisend
Schlagwörter:, , ,

Donnerstagnachmittag.

Ich sitze in einer WG, die nicht meine ist, auf einem Bett, das nicht meins ist, und schaue auf einem Laptop, der nicht meiner ist, ein Werbevideo für die wohl überflüssigste, überteuerste und insignifikanteste Erfindung des Jahrhunderts: Kinetischer Sand. Kinetischer Sand ist eine Substanz, die laut Angaben des Herstellers zu 98% aus Sand und zu 2% aus einem nicht genannten Supermaterial besteht, sich kneten lässt und für die gelangweiltesten aller Zeitgenossen erfunden wurde. Mich irritiert, dass ich dieses Produkt unbedingt haben möchte.

Auf einmal deutet eine Äußerung aus der Küche darauf hin, dass dort wohl jemand den Kommunismus hasst. „Ich hasse den Kommunismus! Ich hasse, hasse, hasse ihn einfach!“ Das ist eine unerwartete Wendung in der Hintergrundgeräuschkulisse, da es bis eben noch um die Bestückung des Kühlschrankes ging.

Dann allerdings stellt sich heraus, dass der spontane Hass auf den Kommunismus mit eben diesem Thema eine Menge zu tun hat. Offenbar macht eine der Bewohnerinnen den Kommunismus dafür verantwortlich, dass jemand ihre Margarine aufgegessen hat. Als einzige geoutete Antikapitalistin in der Wohnung fühle ich mich verpflichtet, die Verhältnisse geradezurücken.

ich:      Ich hasse den Kapitalismus.

sie:      Aber wieso?

ich:      Weil er unfair ist. Weil dabei Menschen ausgebeutet werden. Wettbewerb, Marktwirtschaft, das ist ja alles schön und gut, aber es ist nicht fair, wenn die einen im Wettbewerb bessere Chancen haben als die anderen. Und das wird sich niemals ändern, wenn die einen darüber entscheiden können, ob die anderen Arbeit haben, wo sie arbeiten, wie viel sie arbeiten und wie viel sie dabei verdienen.

sie:      Aber es werden doch immer Menschen ausgebeutet. Wettbewerb ist nie fair.

ich:      Und willst du nicht, dass sich das ändert?

sie:      Das geht nicht.

ich:      Was ist mit Sportwettkämpfen? Da starten doch auch alle an derselben Linie.

sie:      Aber nicht alle Teilnehmer sind gleich stark und schnell. Und das ist in echt auch nicht so.

ich:      Und ist das fair? Dass, zum Beispiel, eine Frau in einem indischen Slum oder ein Südafrikaner aus einem Township geringere Chancen hat, nur weil er oder sie ein Frau oder schwarz oder einfach am falschen Ort geboren ist?

sie:      Die können ja woanders hingehen?

ich:      Aber das sollen sie doch gar nicht! Jeder soll doch überall klarkommen! Und wenn die alle nach Deutschland kommen, werden hier die Grenzen dicht gemacht, weil „zu viele Flüchtlinge“ unserer Wirtschaft schaden, und dann kommen wieder ein paar Nazis und sagen, die Ausländer nutzen unser Sozialsystem aus, und – zack! – dann werden nur noch die aufgenommen, die arbeiten können, und das ist ganz super für unsere Wirtschaft, aber dann haben wir das Überleben von tausenden Menschen leider davon abhängig gemacht, ob sie wirtschaftlich was wert sind, und wir helfen ihnen nur unseretwegen, und das…

sie:      …das ist doch total bescheuert!

ich:      Meine Rede.

sie:      Bist du Kommunistin?

ich:      Anarcho-Sozialistin. Und für mich ist das nicht deine Margarine, sondern die Margarine von allen, die sie brauchen. Oder die Margarine von niemandem, je nachdem.

sie:      Aber… ich bin Laktose-intolerant!

ich:      Versteck doch deine Margarine das nächste Mal.

Sie:      Geht das nicht gegen deine Prinzipien?

ich:      Global – ja. Aber nicht in der WG. WGs sind Schlachtfelder. Jeder für sich und Gott gegen alle.

sie:      Das Leben ist hart.

ich:      In der Tat.

sie:      …

ich:      …

sie:      Was ist das da eigentlich auf deinem Brot?

Ich:      Äh… guck mal, kinetischer Sand!

Ein unterschätzter Kühlschrank-Bewohner: die Margarine-Kobra. Bildquelle: Wikipedia

Ein unterschätzter Kühlschrank-Bewohner: die Margarine-Kobra.
Bildquelle: Wikipedia

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Veganer nicht „Alles in Butter“ sagen sollten.

Kapitalismus im Kanu

Veröffentlicht: 25. September 2014 in Echt jetzt?, Unterwegs
Schlagwörter:, ,

Kanufahren ist wie Kapitalismus.
Das mag weit hergeholt klingen, aber nach der gestrigen Schul-Kanutour kann ich nichts anderes dazu sagen. Genaugenommen sind Schleusen wie Kapitalismus, und zwar wie die marktradikalste Form, die man sich vorstellen kann.
Alle zwanzig Kanus, jeweils besetzt mit drei Schülern, fahren also in die erste Schleuse. Natürlich sind sie nicht alle gleichauf, über die Reihenfolge entscheidet, wer wann ins Wasser gelassen wurde. Damit sind manche Kanus also vor anderen. Die Schleuse schließt sich hinter dem letzten Boot. Und dann geht das Geschiebe los.
Alle Kanus versuchen, sich an den anderen vorwärts zu schieben. Weil die Schleuse nicht breit genug ist, wird jeder nach hinten gedrängt, der keine anderen Boote verdrängen kann. Bald sind die Typen mit den meisten Muskeln vorne. Ich ritze derweil Hausbesetzerzeichen in den Schlick an der Schleusenwand. Ihr kriegt uns hier nicht raus.
Dann gehen die schmutzigen Tricks los. Manche Boote versuchen, sich heimlich an anderen festzuknoten. Bei dem ein oder anderen beginnen die Hände zu bluten. Alle wollen möglichst weit nach vorne. Leider ist das Schleusentor zu. Wirklich voran kommt niemand.
Dann kommt Bewegung in den Wettbewerb. Um die Schleusentore zu öffnen, müssen alle ein Stück zurückpaddeln. Und da zeigt sich der wahre Charakter des Wettbewerbs.
Anscheinend denken sich alle, dass sie sich heimlich alleine vorwärtsschieben können, während sich der Rest rückwärts bewegt. Leider machen sie die Rechnung ohne die Skrupellosigkeit der anderen, und so bewegen sich doch alle vorwärts. Manche werden fast vom sich öffnenden Schleusentor versenkt.
Als die Tore dann endlich aufgehen, paddeln alle wie wild drauf los. Wenn sie ihre Kraft nicht für eine halbe Stunde Stillstand verbraucht hätten, wären sie zwar schneller, aber wenn stört’s?
Der Wettbewerb ist nicht fair. Das Prinzip, auf Kosten von anderen zu gewinnen, das Prinzip, dass es Verlierer geben muss, wenn es Gewinner geben soll, ist an sich schon nicht fair. Das größte Problem ist aber, dass nicht alle gleichzeitig starten. Die Menschen haben dieselben Rechte, aber nicht dieselben Chancen. Und da soll noch mal jemand behaupten, Gewinnen hätte allein mit Fleiß und Talent zu tun. Den nächsten Kapitalisten, der mich nervt, setzte ich einfach in ein Kanu.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Extrem-Bügeln sowieso die unterschätzteste Trendsportart ist.

Unser Team war übrigens zweites bei den Mädchen. Wir wären gute Managerinnen. Jo, Bitches.