Mit ‘Kein Mensch ist illegal’ getaggte Beiträge

Am liebsten würde ich jede*n Rassist*in gegen eine*n geflüchtete*n tauschen. Bildquelle

Am liebsten würde ich jede*n Rassist*in gegen eine*n Geflüchtete*n tauschen.
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“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”

„Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

Hallo Westen™, erinnerst du dich?

So beginnt die Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. 1776 wurde sie unterzeichnet – lange ist das her. Vergessen wurde sie nicht. Sie ist bis heute eines der einflussreichsten Dokumente der westlichen™ Welt. Geflügelte Worte. Die Gleichheit aller Menschen. Die unumstößlichen Rechte. Leben. Freiheit. Das Streben nach Glück.

Das, lieber Westen™, ist ein Dokument, das von Menschen handelt. Das ist es, was Menschen tun. Wir wollen gleiche, unumstößliche Rechte genießen. Leben. Frei sein. Wir streben nach Glück. Jede*r von uns. Jeden Tag.

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika ist über 239 Jahre alt. Ihre Gründerväter waren weiße, christliche, privilegierte Männer. Sie schrieben damals „alle Menschen“ und meinten vermutlich weiße, christliche, privilegierte Männer. Das ist 239 Jahre her. Seitdem hat sich viel verändert. Frauen, Nichtweiße und Nichtchristen haben gesetzliche Gleichberechtigung erkämpft. Stände und Klassen sind zumindest offiziell überwunden. Seit 1776 sind wir einen weiten Weg gekommen. Aber wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns, um all das auch wirklich umzusetzen, für jede*n von uns, jeden Tag.

Und was tust du dafür, lieber Westen™? Jeden Tag kommen Menschen zu dir, die genau das wollen. Rechte. Leben. Freiheit. Glück. All die Fliehenden, die jeden Tag über das Mittelmeer und den Balkan nach Europa und über den Rio Grande in die USA kommen, streben nach Glück. Und du, der doch so stolz darauf ist, diese Bedürfnisse als erster erkannt zu haben, weist sie ab. Du lässt sie nicht nach Glück streben, weil sie nicht weiß, nicht christlich, nicht privilegiert sind, weil sie keine Europäer*innen und Amerikaner*innen sind. Deine Westlichen Werte™ gelten nicht für all die Menschen, die nicht aus dem Westen™ kommen. Die sind offenbar nicht „alle Menschen“.

„Sollen sie doch zuhause nach Glück streben“, sagst du. „Wir haben keinen Platz. Wir haben kein Geld. Wir können ihre Kultur, ihre Religion nicht brauchen.“

Und du? Hast du immer zuhause nach Glück gestrebt? Die Männer, die die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, stammten nicht aus Amerika. Ihre Vorfahren kamen aus Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden – Europa. Viele von ihnen hatten Europa verlassen, weil sie ihren puritanischen Glauben dort nicht ausleben konnten. Sie waren politisch Verfolgte, Religionsflüchtlinge. Andere waren neugierig. Ehrgeizig. Wollten etwas aufbauen. Perspektiven. Reich werden. Und wer zeigt deshalb mit dem Finger auf sie? Wer hat versucht, sie aufzuhalten? Lieber Westen™, du nicht.

Menschen gehen dahin, wo es ihnen am besten geht. Sie wechseln ihre Jobs, ihre Freunde, und manchmal wechseln sie ihr Land. Das war schon immer so, und das wird vermutlich immer so sein. Menschen wandern schon seit es sie gibt. Sie wollen überleben. Leben. Frei sein. Sie streben nach Glück. Staatsgrenzen kamen erst viel später. Beim Streben nach Glück kommen sie vielen in den Weg. Als Menschen aus Europa in Übersee nach Glück strebten, waren noch keine Grenzposten und Zäune da, um sie aufzuhalten. Jetzt, wo auch andere in Übersee nach Glück streben, sind sie überall. Kein Mensch ist illegal, wenn er_sie irgendwo hinkommt. Erst die Zäune machen ihn_sie illegal. „Illegalität“ ist ein menschgemachtes Konzept, und nicht nur das – sie ist ein westliches™ Konzept.

Was ich dir sagen will, lieber Westen™? Menschen streben nach Glück, und du hast kein Recht, sie aufzuhalten. Steck dir deine Grenzzäune sonst wohin. Du warst dran. Jetzt sind sie dran. Und egal, was sie dir für wirtschaftliche Probleme bereiten – denk mal drüber nach, woher ihre Probleme kommen. Denk darüber nach, wer sie kolonialisiert, versklavt und ermordet hat, ihre Grenzen falsch gezogen, sie bekriegt, ihre Unterdrücker mit Waffen beliefert, ihre Diktatoren unterstützt hat, wer sie länger als genug erst ausgebeutet und dann im Stich gelassen hat? Hör auf, sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abzutun, wenn du es warst, der ihre Wirtschaft zerstört hat. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was es bedeutet, Wirtschaftsflüchtling zu sein? Da gibt man nicht zuhause alles auf und kommt nach Amerika oder Europa, weil man ein dickeres Auto fahren will, sondern weil man Hunger hat, perspektivlos ist, die Arztrechnungen nicht bezahlen kann. Da will man erstmal was zu Essen und was zum Anziehen und ein kleines bisschen Hilfsbereitschaft, und keine verdammten Zäune oder Zeltstädte oder Nazihorden, die einem die Unterkunft anzünden. Und du, lieber Westen, bist dafür verantwortlich, dass das funktioniert.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Donald Trump mal versuchen sollte, durch den Rio Grande zu schwimmen.

Ich benutze das ™Symbol, wenn ich ein Konzept beschreibe, dass im allgemeinen Sprachgebrauch oft verwendet wird, obwohl es sich lohnt, dieses Konzept aufzubrechen. (normal™, Deutschland™, der Westen™)