Mit ‘Mode’ getaggte Beiträge

Hallo Simon Wächter

Veröffentlicht: 20. Dezember 2015 in Echt jetzt?, Hallo Welt!
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Wonder_Woman

Sexismus am Arbeitsplatz. (Quelle)

Sehr geehrter Herr Simon Wächter,

mit Interesse habe ich Ihren Artikel „So kleiden Sie sich richtig – Dresscode im Vorstellungsgespräch“ im Campusmagazin der European Management School gelesen. Das Magazin liegt an meiner gymnasialen Oberstufe am schwarzen Brett aus und soll den Schülerinnen und Schülern beim Einstieg in die Studien- und Berufswelt helfen. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Artikel für mich und die Hälfte meiner Schule und der Weltbevölkerung weniger als hilfreich war.

Was Sie unter „Tipps für Männer“ meinen männlichen Klassenkameraden zu sagen haben, wird diesen sicherlich weiterhelfen.

Der Klassiker für Männer ist die Kombination aus Lederschuhen, dunklem Anzug, Hemd und Krawatte. In konservativen Branchen ist dieser Kleidungsstil unverzichtbar. Darf es etwas legerer sein, machen Männer mit Stoffhose, Hemd und eventuell noch einem Jackett auf jeden Fall nichts falsch. In der Kreativbranche, im IT-Bereich oder auch in Start-Ups sind meist sogar dunkle Jeans erlaubt. […]

Die Schuhe müssen zum restlichen Outfit passen. […] Bestenfalls haben die Schuhe dieselbe Farbe wie der Gürtel. Das zeugt von Stil. Auch die Socken müssen passend gewählt werden. […]

So geht es noch ein paar Absätze weiter. Farben, Schnitte, Materialien. Verschiedene Branchen, Seriosität, Stil. Und jetzt sehen wir uns einmal an, was davon Sie in „Tipps für Frauen“ mir mitgeben:

Zu kurze Röcke oder zu knappe Kleidung sind ein absolutes No-Go. Der Rock darf auf keinen Fall kürzer sein als eine Handbreite über den Knien. Frauen, die nicht oft Röcke tragen, sollten am besten schon vorher das elegante Sitzen und den Gang im Rock trainieren. Auch sollten Sie, egal wie heiß es ist, immer eine Strumpfhose tragen.

Werden Hemd oder Bluse zu eng gewählt, zeichnet sich die Körpersilhouette zu stark ab und das kann unseriös wirken. Auch der Ausschnitt sollte nicht zu tief sein. Zu viel Haut ist generell im Vorstellungsgespräch ein Tabu.

Weder die Kleidung noch die Körpersprache dürfen Flirtbereitschaft signalisieren. Vor allem rote Kleidungsstücke sollten Sie vermeiden, da diese auf viele Menschen aufreizend bis aggressiv wirken. […]

Farben? Schnitte? Seriosität? Sehr geehrter Herr Wächter, merken Sie, was Sie getan haben? Meinen Mitschülern haben Sie beigebracht, welcher Gürtel zu welchen Schuhen passt. Meinen Mitschülerinnen und mir versuchen Sie beizubringen, wie wir uns zu kleiden und zu verhalten haben, wenn wir nicht als Sexobjekte gesehen werden wollen. Das Problem daran? Nun, ich möchte auch nicht als Sexobjekt gesehen werden. Das Problem daran ist, dass Sie in erster Linie mich dafür verantwortlich machen, wenn das passiert.

Wenn ich, in Ihren Worten, auf mein Gegenüber unseriös, aufreizend oder aggressiv wirke, liegt das nicht an ihm, sondern an mir, daran, wie ich mich kleide oder auftrete. Sie stellen es hin, als habe ich eine Bringschuld. Ich muss dafür sorgen, dass mich niemand aufreizend findet. Denn wenn Männer im Business ihre Verhandlungspartnerinnen als Sexobjekte, als aufreizend und unseriös ansehen, dann sind die Verhandlungspartnerinnen schuld. Die Männer können ja nichts dafür. Was kann der arme Chef dafür, der seine weiblichen Angestellten schlechter bezahlt, wenn sie sich ihm als unseriöse Sexobjekte präsentieren?

Denn Frauen, so klingt es in Ihrem Artikel, wirken viel zu schnell unseriös. Ich bin unseriös. Meine Haut ist unseriös. Mein Ausschnitt ist unseriös. Meine „Körpersilhouette“ ist unseriös. Denn ich bin eine Frau. Ich habe Brüste und eine Taille und einen Hintern, und das ist unseriös. Mein Körper ist nicht ernst zu nehmen. Mein Körper ist selbst schuld, wenn mein Gegenüber im Vorstellungsgespräch sich daran aufgeilt. Ich bin schuld.

Bin ich schuld, wenn ich nicht eingestellt werde, weil ich eine Frau bin? Bin ich schuld an der Gender-Pay-Gap, und daran, dass es in der Medizin mehr Männer mit Schnurrbart als Frauen insgesamt gibt? Sind meine Brüste schuld? Mein Hintern? Bin ich schuld, wenn sich mein Lehrer keine Mädchennamen merken kann, und bin ich schuld, wenn mir mein Kollege am Kopierer an den Arsch fasst?

Und wie kommen Sie darauf, dass ich das Sitzen im Rock trainieren muss, wenn Sie wenige Absätze vorher noch betonen, dass der Wohlfühlfaktor bei der Kleidung natürlich eine Rolle spielt? Wenn ich mich im Rock unwohl fühle, trage ich eine Hose. Ganz einfach.

Am schockiertesten war ich jedoch, als Sie meinten, weder Kleidung noch Körpersprache dürfen Flirtbereitschaft signalisieren. Mal ganz davon abgesehen, dass Bemerkungen über die Körpersprachen nichts mit Kleidung zu tun haben und in diesem Artikel eigentlich fehl am Platz sind, hat mich erstaunt und verletzt, dass sich dieser Hinweis nur an Frauen richtet. Frauen sollen in Vorstellungsgesprächen nicht flirten, um von ihren männlichen Interviewern ernstgenommen zu werden.

Was, frage ich Sie, ist mit Männern? Sind Sie tatsächlich der Meinung, dass Frauen versuchen werden, sich „hochzuflirten“ und Männer nicht? Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ich als Frau meine unseriöse Körpersilhouette dazu einsetzen werde, Jobs zu ergattern. Warum sollte ich das tun? Glauben Sie, mir gefällt es, wenn mein Interviewer zuerst auf meine Brüste und dann auf meinen Lebenslauf schaut? Glauben Sie, ich könnte nicht anders? Glauben Sie, mein Lebenslauf reicht nicht? Glauben Sie mir – wenn Arbeitgeber nur auf den Lebenslauf und nicht auf das Geschlecht ihrer Bewerber*innen schauen würden, hätten es Frauen im Business sehr viel einfacher.

Vermutlich gehen Sie davon aus, dass Ihr nett gemeinter Tipp bei Frauen mehr bringt. Denn in dem Vorstellungsgespräch, das Sie sich vorstellen, sitzt der_dem Bewerber*in als potentieller Chef ein heterosexueller Mann gegenüber. Dass es bereits Frauen (und nicht-heterosexuelle Männer) in Führungspositionen gibt, scheinen Sie vergessen zu haben. Dass besagte Menschen in Führungspositionen vielleicht Schwierigkeiten haben, sich bei einem attraktiven Mann in einem gut sitzenden Anzug nur auf den Lebenslauf zu konzentrieren, fällt Ihnen gar nicht erst ein. So sehr Sie mir als Frau den Job vielleicht wünschen, in Ihrer Vorstellung bleibt mein Chef immer ein heterosexueller Mann. Ich werde niemals Chefin sein.

Sehr geehrter Herr Wächter, ich bitte Sie nachdrücklich, sich über Ihre Ansichten zu Frauen im Business einmal ernsthaft Gedanken zu machen. Vielleicht konnte ich Ihnen ja helfen, Ihren eigenen unbemerkten Sexismus zu erkennen und in Zukunft besser nachzudenken, bevor Sie Aufforderungen an Frauen veröffentlichen. Mich würde es freuen, wenn Sie in der nächsten Ausgabe von EMS NEWS korrigierend Stellung zu Ihrem Artikel bezögen. Gerne würde ich auch einen konstruktiven Artikel über Sexismus am Arbeitsplatz lesen, der auch Männer dazu aufruft, ihr Verhalten zu ändern.

Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest,

Kim S

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass gute Vorsätze am besten bis Dezember halten, wenn man sie im November macht.

Hier geht’s zum EMS-Artikel.

 

Feminismus im Fernsehn

Veröffentlicht: 3. April 2015 in WGweisend
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Serienkiller statt Topmodels – Alternativprogramm als Antisexistischer Aktivismus (Bildquelle)

Serienkiller statt Topmodels – Alternativprogramm als Antisexistischer Aktivismus
(Bildquelle)

Donnerstagabend.

Auf dem Campus ist es schon um Viertel nach acht ungewöhnlich still. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des Internats sitzen in ihren WGs vor dem Fernseher, in Grüppchen, mit Snacks und Getränken. Alle schauen Germany’s Next Top Model.

Wir nicht.

Eine kleine Schar von Prime-Time-Rebellinnen hat sich in meinem Wohnzimmer versammelt, um Serienkiller zu jagen. Natürlich nicht persönlich. Viel eher sehen wir dem FBI-Team der Serie Criminal Minds beim Jagen von Serienkillern zu. Dabei essen wir Cookies und das fetteste Gemüse der Welt – Avocados. Und wir werden selbst zu Killern.

Wir killen den Magerwahnsinn. Wir killen das unnatürliche Frauenbild, dass uns Klum und Co jeden Donnerstag zu vermitteln versuchen. Wir killen das lächelnde Bauch rein, Ellenbogen raus-Image der Modebranche. Wir killen 90-60-90. Wir killen das Ideal eines Mädchens, für das Streiten gleich Zicken-Terror bedeutet und das seinen Körper an Pro7 verkauft hat. Wir killen die angebliche Ironie, mit der die Hälfte aller GNTM-Zuschauer sich vor Kritikern verteidigt. Wer den Kram ironisch guckt, treibt die Quoten auch hoch.

Wir versuchen zu ignorieren, dass Werbepausen bei Sat.1 dieselbe Diät- und Modewerbung zeigen wie auf Pro7, weil beide zur selben Sendergruppe gehören. Wir ignorieren, dass auch unsere FBI-Agentinnen vollkommen untaugliche kugelsichere Westen tragen, durch die ihre weiblichen Konturen nicht verloren gehen. Wir ignorieren, dass es Sexismus und Reduzierung von Frauen auf ihren Körper nicht nur in Castingshows gibt.

Aber vor allem freuen wir uns jedes Mal, wenn ein Typ oben ohne durchs Bild läuft.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass jeder Mörder in einer Fernsehserie ein Serienmörder ist.

Mein vierter fiktiver Brief an Jochen Sönkeberg vom Bundesamt für Verfassungsschutz.


Hallo Jochen Sönkeberg,

tut mir leid, dass ich in meinem letzten Brief so schnippisch zu Ihnen war. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie in Wirklichkeit so etwas wie ein gescheiterter Held sind! Bisher hatte ich Sie mir ganz bürgerlich vorgestellt, Ende vierzig, verheiratet, Reihenhaus, BMW, Hund. Typische Schreibtischbeamter eben. Kaum zu glauben, dass Sie eigentlich zur Polizei wollten, um die Bevölkerung vor skrupellosen Verbrechern zu schützen!

Schade, dass Sie den Eignungstest so knapp nicht bestanden haben. Und das nur wegen der Sache mit dem Ballsport… (Falls es Sie tröstet – in Ballparcours hatte ich auch immer eine 5. Mindestens.) Jetzt ärgern Sie sich bestimmt, dass Sie stattdessen den ganzen Tag für den Verfassungsschutz langweilige Linksextremisten und Juniorterroristen überwachen müssen. Wenn ich Ihren Job hätte, wäre ich auch total verbittert.

Falls Sie mal was Spannendes machen wollen, eine Razzia oder so: schauen Sie sich doch mal bei der Jungen Union um. Deren aktuelle Werbekampagne nennt sich Black is beautiful. Klingt, als würden sich auch die konservativen Kids endlich mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen solidarisieren, ist aber in Wirklichkeit ein weiterer Schritt in den Sumpf des Extremismus.

Auf der Website der JU kann man einheitliche schwarze Oberbekleidung bestellen. Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Junge, militante Aktivisten in einheitlichem schwarz, die sich auf Demos mit der Polizei anlegen? Schwarz, damit sie die Polizei nicht auseinanderhalten kann? Bei Ihnen als Verfassungsschützer müssten da doch alle Alarmglocken schrillen!

In der JU, der Mitte der Gesellschaft, formiert sich sichtbar vor unseren Augen ein schwarzer Block, wie man ihn von autonomen Linken (und neuerdings auch Rechten) kennt. Diese Strukturen sind auf Demonstrationen für Randale, Verwüstung und Schlägereien mit der Polizei berüchtigt. Auf Grund der erschreckend hohen Mitgliederzahlen der CDU könnte dies der größte und mächtigste Black Bloc der Geschichte werden!

Tun Sie was, Jochen Sönkeberg! Sein Sie der Held, der Sie immer sein wollten, und retten Sie die friedliche Protestkultur vor der Jungen Union!

Viele Grüße,
Kim S

Die Junge Union geht neuerdings als BlackBloc zu Demos – aber wofür demonstrieren Konservative eigentlich? Screenshot der JU-Website

Die Junge Union geht neuerdings als BlackBloc zu Demos – aber wofür demonstrieren Konservative eigentlich?
Screenshot der JU-Website

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es ein Microsoft-Word-Sonderzeichen für „Merkelraute“ geben müsste. Das würde ich dann als Ironie-Zeichen benutzen.