Mit ‘Nationalismus’ getaggte Beiträge

Ich weiß, tote Hunde soll man nicht wecken, und dieser Facebook-Post des AfD-Bundestagsabgeordneten Reimond Hoffmann ist auch schon vom 26. Januar, und ich weiß, eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, aber der Post beschriebt die AfD einfach zu zeitlos, um ignoriert zu werden – „Öh, Alt-68er… öh, Sittenverfall… öh, Islaaam… öh, deutsche Frauen… öh, Opa war kein Nazi… öh, Herman der Cherusker!“

Schwarzer Text entstammt dem Hoffmanns Post, Kommentare in violett sind von mir.


Wir sind auferstanden aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges, den wir angefangen haben. Was, WIR nicht? Nun, WIR genau so sehr, wie WIR aus seinen Ruinen auferstanden sind. Die Geschichte ist kein Wunschkonzert für die Wehrmacht – wer sich mit Ereignissen schmückt, bei denen er nicht dabei war, darf sich nicht auf die Positiven beschränken. Auf dem Boden liegen zu bleiben, war nie eine Alternative – wir Deutschen sind seit Hermann dem Cherusker ein Volk, das sich nie unterkriegen lassen hat, und werden es immer bleiben. Tja, Schade nur, dass Herman der Cherusker nie existiert hat. Dass die Figur des Herman als Verzerrung des Cheruskerfürsten Arminius bloß ein Mythos ist, bemerkte bereits Heinrich Heine in seinem Wintermärchen: „Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann / mit seinen blonden Horden / so gäb’ es die deutsche Freiheit nicht mehr / wir wären römisch geworden!“. Schön, was? Und definitiv ironisch gemeint, denn bereits Heine, ein Nationalist im ursprünglichen Sinne des Wortes, hatte für mythologisierte Deutschtümelei nicht viel übrig.

Unsere Großeltern haben nach dem Krieg mit Fleiß, mit nach oben gekrempelten Ärmeln und ölverschmierten Gesichtern an langen, eintönigen und harten Arbeitstagen einen Traum erschaffen, einen Traum von Wohlstand und Prosperität und Zukunft. Unsere Großeltern, der Krieg, die Rolle unsere Großeltern im Krieg – hatten wir das nicht schon? Einen Traum von einem Deutschland, das nicht nur wirtschaftlich stark ist, sondern auch eine Heimat bietet für die Ostvertriebenen und Volksdeutschen, nachdem es all denjenigen, die es nicht als Volksdeutsche ansah – die Juden, Roma, Sinti, Homosexuellen, Intellektuellen, Demokraten, Widerständigen, religiösen Minderheiten – dieselbe Heimat genommen hatte, und in vielen Fällen das Leben. Aber pssst.

All der Wohlstand hat viele schwach gemacht und dafür gesorgt, dass sie das Wichtigste vergessen, dass wir nur durch Zusammenhalt und Solidarität ein starkes Volk sind. Oh, die große Wohlstandsverwahrlosung! Die Jugend von heute und ihre Bequemlichkeit! Und wie viel Kilo Brennholz haben Sie heute schon gehackt? Der Nationalstaat wurde in Frage gestellt, die Institutionen wie Ehe, Familie und Tradition wurden durch die Alt-68er Generation bekämpft. Dieselbe Alt-68er-Generation übrigens, denen (Ex-) AfDlerinnen wie die geschiedene Frauke Petry und die lesbische Alice Weidel zu verdanken haben, dass man sie überhaupt auf der politischen Bühne duldet. Es wurden Pseudowissenschaften erfunden – Sie meinen, wie die Leugnung des anthropogenen Klimawandels? Waren das nicht die Alt-68er? Oder war das jemand anderes? –  um die wirre Weltsicht zu begründen und der gesellschaftlich-moralische Verfall wurde damit vorangetrieben. Sie meinen, dass erwachsene Menschen, die einander lieben, jetzt heiraten dürfen? Dass Frauen arbeiten können, ohne die Einwilligung ihres Mannes einzuholen? Dass die absolute Autorität des Lehrers angezweifelt werden darf? Gesellschaftlich-moralischer Verfall, in der Tat. Die Joschka Fischers, Ströbeles und Angela Merkels haben böswillig die eigenen Gesetze, Gewohnheiten und Regeln aufgeweicht, negiert, gebrochen, verleugnet und bekämpft. Moment, hätten sie sich jetzt an ihre eigenen Gesetze halten sollen? Wo die doch Ehe, Familie und Tradition bekämpfen? Ich bin verwirrt. Das eigene Land wurde in vollem Selbsthass als Spielball für Fremdmächte und Masseneinwanderung freigegeben. Hört, hört! Drei neurechte Buzzwords in einem Satz! Warten Sie kurz, während ich BINGO! schreie. Ach ja, und eins noch – die ersten Masseneinwanderer haben dieses Land aus den Trümmern des zweiten Weltkrieges wieder aufgebaut, genau wie Ihre Großeltern. Die eigene Nation wurde für vogelfrei erklärt und verkauft.

Was ist heute mit dem Volk los, das sich niemals unterkriegen lässt? Das ist vermutlich zu sehr mit homoehelicher Sodomie und der antiautoritären Erziehung masseneingewanderter Kinder beschäftigt. Aber sehen Sie es positiv. Als sich das Volk das letzte Mal nicht hat unterkriegen lassen, musste es danach aus Ruinen wiederauferstehen.
Wieso glauben denn die Anis Amris, die da kommen, dass dieses Land der Deutschen sturmreif ist für eine Islamisierung und Anschläge? Wieso glauben die islamischen Attentäter von Ansbach, Würzburg und München, dass man in Deutschland wild um sich schießen, stechen und sprengen kann? Also meine Theorie ist, dass sie einen Hass auf unsere offene, demokratische, pluralistische Gesellschaft haben. Dass sie nicht damit klarkommen, wie viele Rechte wir Frauen, sexuellen Minderheiten und Andersdenkenden einräumen. Ob es besser wird, wenn wir die offene Gesellschaft präventiv selbst abschaffen, weiß ich zwar auch nicht, aber man kann es ja mal versuchen.
Wieso glauben denn die, die temporär hier leben, dass sie sich leisten können, was sie wollen? Wieso glauben die Hussein Ks, der Mörder vom DM-Markt, die tausenden Täter, die vielen Vergewaltiger und Belästiger von Silvester in Köln, Stuttgart, Hamburg und überall, dass deutsche Frauen Freiwild sind? Was, deutsche Frauen sind gar kein Freiwild? Da sagen mir deutsche Plakate wie diese oder dieses aber was anderes.

Wer sich nicht selbst ernst nimmt und seine eigenen Werte hoch hält, wie soll jemand anders unser Deutschland uns sein Volk ernst nehmen? Kleiner Tipp: der Stahlhelm auf dem Facebook-Profilfoto der Jungen Alternative hilft nicht unbedingt beim Ernstgenommenwerden. Lernen wir, uns selbst zu lieben! Ich weiß ja nicht, wie es um Sie steht, Herr Hoffmann, aber ich liebe mich selbst ziemlich doll.

Euer Reimond Hoffmann und Kim

Waswillmanmehr

Was will man mehr? Let’s see – wie wäre es mit Asylrecht, Bildungsreformen, Chancengleichheit, Demokratie, Europäischer Einigung, Frauenrechten, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Gleichberechtigung, Hirarchieabbau, Integrationschancen, Jugendbeteiligung, Klimaschutz, Krankenkassenreform, Liebe, Menschenrechten, Mindestlöhnen, Nächstenliebe, Optimismus, ÖPNV-Anbindungen, Party, Pluralismus, Qualitätsessen in Schulen, Respekt, Rückgrat, sexueller Selbstbestimmung, Solidarität, Teilhabe, Toleranz, Umweltbewusstsein, unbefristeten Arbeitsverhältnissen, Völkerverständigung, W-LAN für alle und… mir fällt zwar spontan nichts mit x, y und z ein, aber vermutlich will ich die Sachen auch mehr als Heimat, Volk und Tradition. (Und ist diese Deutschladflagge extra in Form der Grenzen vor 1945?)
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Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das die längste Bildunterschrift ist, die ich je geschrieben habe.

 

Remembrance Day

Veröffentlicht: 11. November 2015 in Krieg & Frieden, Unterwegs
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Hallo erstmal. Mich gibt es noch. Ihr könnt die „Haben Sie diese Bloggerin gesehen“-Schilder wieder abhängen, ich bin wohlauf und außerdem in Glasgow, wo ich Im Zuge eines Praktikums an der University of Glasgow Fische und Stechinsekten zähle, Erstsemestervorlesungen besuche und mich durch die vielen Buchläden im West End hipstere.

Je nachdem, wo man als erstes hinblickt, sieht Schottland auf den ersten Blick exakt aus wie England oder vollkommen anders. Mir fielen sofort die typischen Schornsteine auf, mit deren Hilfe ich auch bei völligem Orientierungsverlust feststellen könnte, dass ich mich irgendwo auf den britischen Inseln befinde. Die Geschäfte sind überwiegend die gleichen wie in England (oder in Wales). Das Essen ist ähnlich.

Andererseits ist es eben nicht England, es ist Schottland. Blau-weiße Flaggen sind überall – an den Gebäuden, auf den Milchtüten, und ein Jahr nach dem Referendum um die Unabhängigkeit trotzdem noch auf den Straßen, vor allem im sehr jungen West End von Glasgow. Das Geld sieht anders aus. Die Leute reden anders – viele verständlich mit rollendem r und langen Vokalen, andere so verschludert Hardcore-Glaswegian, dass es praktisch unmöglich ist, sie zu verstehen. (Ich meine euch, Taxifahrer an der Queen Street Station!) Die meisten sagen tatsächlich „wee“ statt „little“, was ich bisher für eine Legende gehalten hatte.

Was jedoch um diese Jahreszeit sowohl in Schottland aus auch in England und dem Rest des Vereinigten Königreichs zu beobachten ist, sind die stilisierten roten Mohnblüten, die gefühlt jede*r zweite auf der Straße – und fast jede*r in den Nachrichten – am Revers trägt. Sie bilden den Auftakt zum heutigen Rememberance Day und sollen an im Krieg getötete britische Soldaten erinnern. Verkauft werden sie überall – der Erlös geht an die Royal British Legion, eine Streitkräfte- und Veteranenversorgungsorganisation. Die Resonanz in der Bevölkerung – ob Unionistisch oder Pro-Independence – ist enorm. Letztes Jahr wurde sogar der Graben des Tower of London mit Keramikmohnblumen bestückt. Sie sind wirklich überall. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, muss ich schlucken.

Die roten Mohnblumen sollen an Kriege erinnern. Und wir sollen uns erinnern. Wir müssen uns an Kriege erinnern, weil die Alternative wäre, sie zu vergessen, zu verdrängen und zu wiederholen. Aber wir müssen uns mit dem Gedanken an die Kriege erinnern, dass sie eine Scheiß-Idee waren, dass Krieg immer eine Scheiß-Idee ist und wir in Zukunft bitte nicht mehr auf Scheiß-Ideen kommen sollen.

Uns also mit dem Gedanken an Kriege zu erinnern, dass unsere Soldaten, unsere „Kriegshelden“ darin verletzt und getötet wurden (und werden), ist ebenfalls eine Scheiß-Idee. Es glorifiziert die Soldat*innen, glorifiziert das Militär, und glorifiziert damit letztendlich den Krieg. Krieg ist nicht schlimm, sagen die roten Mohnblumen. Wenn unsere Soldat*innen sterben, das ist schlimm! Kein Wort über die Zivilist*innen, die täglich sterben, verletzt werden, ihre Häuser, Arbeit, Familien und Freunde verlieren. Kein Wort über Kriegsflüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder, die sich, anders als unsere Soldat*innen, nie entschieden haben, in Kriegsgebieten zu sein. Sie sind die Mehrheit der Opfer der Kriege im 21. Jahrhundert, die unser Militär kämpft, oder auch nicht, je nach Interesse. Krieg ist erinnerungswürdig, aber nur unsere Seite des Krieges, sagen die roten Mohnblumen. Sie sagen nicht Nie wieder, sie sagen Soldaten sind Helden. Und wenn die Soldat*innen im ersten und zweiten Weltkrieg Helden waren, warum dann nicht die in Afghanistan und dem Irak?

Ich habe in dem Absatz öfters wir gesagt, uns, unser. Ich meine natürlich die Briten. Nicht uns. Wir nicht. Wir waschen unsere Hände in Unschuld. Wir sind nicht die. Wir haben keine obligatorischen roten Mohnblumen, keinen „Poppy Fascism“, wie Moderator Jon Snow das Event nennt. Wir haben die blaue Kornblume, längst nicht so prominent wie der rote Mohn, aber nicht selten, und allgemein akzeptiert. Weil unsere Soldaten ja auch gestorben sind. Unsere Großväter haben auf der anderen Seite gekämpft. Die betrauern ihre Toten, wir betrauern unsere Toten. Deren Großväter gegen unsere Großväter. Jeder für sich. Die sind nicht wir. Wir sind Deutschland. Wir sind blau, die sind rot. Wir sind Kornblumen, die sind Mohn. Wir gegen die.

Jeder Mensch darf trauern. Jeder Mensch darf Flagge zeigen. Aber kein Mensch in keinem Land sollte sich herausnehmen, nur für ein Land zu trauern, und nur für die Soldat*innen. Weil deren Tod falsch war, aber keineswegs falscher als alle anderen Tode. Weil ihre Leben nicht erinnerungswürdiger oder „mehr wert“ waren als alle anderen, die sie und der Krieg ausgelöscht haben. Weil kein Mensch weniger betrauert werden sollte, weil er_sie zur anderen Seite gehörte. Weil jeder einzelne Tod gleich schrecklich und jeder einzelne Tod gleich überflüssig war.

Weil jeder Krieg eine Scheiß-Idee ist.

Deshalb muss ich jedes Mal schlucken, wenn ich eine schottische Person mit einem wunderbaren Akzent und wunderbar liberalen Ansichten und einer verdammten roten Mohnblume treffe. Und deshalb habe ich nichts als Solidarität mit und Achtung vor allen, die heute anstatt einer roten Blume eine weiße tragen, um zu sagen, Nie wieder.

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus?  Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Langeweile? Zu viel Geld? Nationalismus? Warum schmücken Sie nicht Ihren Garten mit rotem Keramikmohn?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Walisisch geschrieben aussieht, als hätte jemand wahllos Buchstaben zusammengeschmissen, die beim Scrabble übrig geblieben sind – und viele ls. (Aber es klingt super.)

PS: Hallo Jochen! Falls Sie das lesen– ich habe hier oben ein paar Orte entdeckt, die nicht videoüberwacht sind. Können Sie das mal dem britischen Geheimdienst weitersagen? Ich glaube, die haben Schottland einfach vergessen. Frechheit.